Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-22 · Heft 12 (22.3.1895) · p. Seite 137

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 12 (22.3.1895)
Date
1895-03-22
Page
Seite 137 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228107--51616-3272371
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

137 stand nicht versagen werde. In dieser beruhigenden Hoffnung und im Vertrauen auf den göttlichen Segen für unsere Bestrebungen verharren wir im Name» der unterthänigst treugehorsamsten Synode der israelitischen Religionsgemeinschaft des Großherzogthums. Diese Adresse wird morgen Mittag durch eine Deputation Sr. Hoheit dem Großherzog überreicht werden. Hoffentlich bin ich noch in der Lage, in einer Nachschrift zu diesem mehr als flüchtigen Briefe über den Empfang der Deputation berichten zu könne». Nach Schltlß der offizielle» Sitzung begannen die einzelnen Kommissionen ihre Arbeiten, und heute Abeud folgt die Synode einer Einladung des Vorstandes des hiesige» „Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur" zu einen, öffentliche» Vortrage, den der ergebenst Unterzeichnete halten wird. Dian sieht, es ist nicht leicht, jüdischer Abgeordneter zu sein, auch selbst wenn man Diäten bezieht, wie unsere badischen Deputirten. Es giebt da viel, sehr diel Arbeit — und man darf überall dieser Arbeit ans vollem Herzen de» beste» Erfolg wünschen. Soll ich zum Schluß noch ein Wort über den Gesammteindruck dieses ersten jüdischen Parlaments sagen, so kann ich nur aus ehrlicher Ueberzengnng berichten, daß dieser Eindruck bis jetzt ein durchaus günstiger sein mußte. Die Herren sind alle so gewandt und sprechen so gut und sind in die parlamentarischen Formen so eingeweiht, und haben einen so redlichen Willen, einen so warmen Eifer für die Sache, daß es eine Freude ist, sie an der Arbeit zu sehen. Ich für meinen Theil muß offen gestehen, daß mir heute Morgen im Berathungssaal der badische» Kammer angesichts dieser jüdischen Deputirtenversammlung recht warm ums Herz geworden ist, und daß ich die Verheißung: „Li Io almon Jisroel1“ (Israel ist noch nicht verwaist!) immer und immer wiederholen mußte. Die Herren Kollegen auf der Journalistentribüue verstanden mich freilich nicht; desto besser werden mich meine Leser verstehen und mit mir diese Hoffnung theileu, daß Israel angesichts solcher Erscheinungen und Thaten auch heute noch nicht verwaist ist! (l. K. Briefe aus Italien. Von Dr. Adolf Weiß mann. I. Florenz, im März. f er seit Wochen fast stets bleifarbene Himmel, der gegenwärtig sehr wenig zu den enthusiastischen Schilderungen von seinem ewigen Blau stimmen will und uns täglich ein recht reichliches Quantum in Form von Schnee oder Regen bescheert, hat mich in jene glückliche, melancholische Gemüthsverfassung versetzt, die am besten geeignet ist, das Trägheitsgesetz in mir zu überwinden. Nirgends nämlich übt Regenwetter einen größeren Eindruck auf die Stimmung als hier in Florenz, wo die Sonne Monate laug nicht untergeht und mit der Zeit Lebensbedürfniß wird. Diese glückliche Gemüthsverfassung also benutze ich, um meinen schon längst gehegten Vorsatz auszuführen und Ihrer gesch. Zeitung von den jüdischen Verhältnisse» hier in Italien zu berichten. Ich muß nun freilich voransschicken, daß ein Umstand, welcher als ein Zeichen völliger Gleichstellung der hiesigen Israeliten sehr erfreulich berührt, für meinen Aufsatz selbst ein nicht geringes Hinderniß bildet. Der Gegensatz zwischen Judenthum und Christenthum nämlich hat sich in den Jahrzehnten seit ihrer Emanzipation derartig verwischt, der Antisemitismus ist hier — abgesehen von einigen sporadischen Erscheinungen, die bedeutungslos sind — im öffentlichen Leben so wenig bekannt, daß man schon seit langer Zeit aufgehört hat, den Juden in Statistiken ihre Vorzüge oder Gebrechen herzuzählen. Ich habe mir freilich Mühe gegeben, alles, was die jüdischen Verhältnisse hier betrifft, mit wenigstens annähernder Vollständigkeit zu berichten, und es nicht unterlassen, in deir maßgebenden Kreise» Erkundigungen einzuziehen, doch werde ich in folgender Darstellung, die ja keine wissenschaftliche Abhandlung sei» soll, auf Daten und Zahlen nothwendig verzichten müssen. Es seien nur einige einleitende Bemerkungen gestattet. Ein jüdisches Gemeindeleben datirt hier in Italien frühestens seit dem j 15. Jahrhundert, wiewohl Ansiedlungen einzelner Familien voraus-! gegangen waren. Bekanntlich ist es den Inden hier stets besser ge-! gangen als denen anderer Länder. Wiederholt wurden sie von den; Fürsten, welche Geld brauchten und in den Juden den hervor- >; ragenden Geschäftsgeist und ihre relative Ehrlichkeit schätzten — denn I so schlimm wie die christlichen Wucherer trieben sie es in der Regel! nicht — zur Niederlassung eingeladen, unb, wenn ausgetriebeu, von der Bevölkerung wieder znrückbegehrt. In Livorno vor Allem besaßen sie ausgedehnte Privilegien, genossen eine bevorzugte Stellung, l hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit, konnten das Bürgerrecht ohne I Weiteres ertheilen u. A. Ein Theil dieser Vorrechte wlirde im l 15. und 16. Jahrhundert auch auf Florenz und Pisa ausgedehnt, j Die Einwanderung ausländischer Juden in Italien hatte zur Folge,! daß in den meisten italienischen Gemeinden zwei Riten bestanden, welche ihre Existenz Jahrhunderte hindurch fortführten und auch heute noch hier und da getrennt sich erhalten haben. In vielen anderen, wie z. B. Venedig, Padua und Ferrara, kam durch Einwanderung deutscher Juden der deutsch-polnische hinzu. In neuerer Zeit werden die kleineren Gemeinden von den größeren fast völlig absorbirt, und es macht sich allgemein das Bestreben geltend, die verschiedenen Riten in eine Synagoge zu vereinigen. Herrschender Ritus ist dann gewöhnlich derjenige, welcher in der Gemeinde die meisten Mitglieder zählt, in anderen erhält der spanische den Vorzug. Ungünstiger tvar die Lage der Juden im alten Kirchenstaat, : den kleineren Gebieten, welche in irgend einer Weise von demselben! abhängig waren, und in Piemont. Ileberall sind auch heute noch! die Reste des Ghettos sichtbar, freilich sind sie in allmählichem Beri schwinden begriffen, und das versteht sich ja auch von selbst in einer; Wirklichkeit, die für diese Zeugen fanatischer Thorheit kaum noch ein! Verständnis; hat. Hier in Florenz wurde das Ghetto noch bis vor! wenigen Jahren von der armen jüdischen Bevölkerung bewohnt; tue j demselben zugehörige» Gebäulichkeiten befanden sich in den Händen; der Adligen, welche dieselben den Juden gegen Miethszins überi ließen. Die Gemeinde haftete für die Zahlung dieser Miethe und | trieb sie dann von den Mitgliedern ein. Nach und nach bildete sich i ein Recht der Familien auf ihre Wohnung heraus, aus der sie! nicht vertrieben werden durften; dieses Recht hieß.jus Elmsolm. Wo hier in Florenz einst mittelalterliches Vornrtheil die Juden in eine elende und unwürdige Existenz verbannt, erheben sich heute auf einem schönen, weiten Platze stolze Paläste und in seiner Mitte das Symbol der italienischen Einigkeit, das Denkmal Viktor Emauuels. In Rom wurde das Ghetto im Jahre 1848 abgebrochen, doch kann! man auch hier noch sehr wohl die Reste der alten Judeustadt unterj scheiden. Selbstverständlich trug die Emanzipation der Inden sehr! wesentlich zur Förderung des geistigen Lebens unter ihnen bei, j welches auch in vergangenen Jahrhunderte» in den Dichter» und Litteraten Leo Romano, Juda Siciliano, Immanuel Rouü glänzende Früchte gezeitigt hatte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.