Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-22 · Heft 12 (22.3.1895) · p. Seite 136

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 12 (22.3.1895)
Date
1895-03-22
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228107--51615-3272370
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

136 finden, belehren, daß eine große Dichtung noch lange keine große Wahrheit ist." O alter, tobter Messing! Deine Toleranz ist Lüge! C neu er, lebendiger Göze, Dein Protest gegen die Duldsamkeit — heilige große ^6ahrheit! Sapienti sat. Von der badischen Synode. i. V) Karlsruhe, 18. RRärz. ich gestern in die sonst so stille badische Residenz einfuhr, da herrschte auf den Straßen ein Lärmen und Treiben,! 0 wie ich es hier noch nicht gesehen. Bon allen Dächern wehten Fahnen herab, ans Dielen Häusern ertönte die Musik, und auch an geputzten Menschen fehlte es nicht im Revier. Da der Oskermorgm noch nicht da, so gilt das am Ende der morgen hier Zlisammentretenden jüdischen Landessynode — — so dachte i ch nicht etwa, sonderil so hätte wahrscheinlich der Autor des Buches „Judäa im Jahre OOOO" oder ein anderer vergnügter Zionist gedacht. Ich wußte ja ans den Zeitungen, daß diese rauschenden Ovationen nicht der Synode, sondern dem großen Wohlthätigkeitsbazar galten, der gegenwärtig hier int alten markgräflichen Palais stattfindet. Aber wie dem auch sei: In jedem Falle ist die erste israelitische Landessynode heute hier, wenn auch nicht mit rauschendem Pomp, so doch mit voller Würde eröffnet worden. Und da der Festredner- Heute mit Recht bei der Synagogenfeier betonte, daß dieser Tag einen Höhepunkt nicht nur der religiösen Entwickelung Badens bedeute, sondern weit darüber hinaus wirken werde, darum habe ich es unternommen, meinen Lesern über diese Angelegenheit ausführlich zu berichten. Für heute muß ich mich allerdings kurz fassen, damit dieser Brief noch rechtzeitig abgehe, dagegen verspreche ich, in der nachsteu Woche einen ausführlichen Bericht über die gesannnte Tagung der Synode zu geben. Programmmäßig wurde dieselbe heute Vormittag 10 Uhr in der schönen Karlsruher Synagoge mit einer würdigen gottesdienstlichen Feier eingeleitet, bei der Chöre, Lieder und Psalmen abwechselten, und deren Mittelpunkt die Festrede des Heidelberger Rabbiners Dr. Sondheimer bildete. Aus der Synagoge begaben sich die Depntirten unmittelbar zur Eröffnung der Synode in den großen Saal der zweiten Badischen Kammer, die ungefähr unserem Abgeordnetenhause entspricht. Tori eröfsnete der Vorsitzende des Oberraths, Geheimer Oberregiernngsrath Becherer, die Synode Namens der Regierung mit einer warmen Ansprache, in der er die besten Wünsche für das Gedeihen des Werkes allsdrückte. Hierauf übernahm Herr Rabbiner Dr. Julius Fürst aus Mannheim als Alterspräsident die Geschäfte. Es wurde die Wahl von drei Kommissionen vorgenonunen; sodann wurde das Büreau gewählt und zwar einstimmig. Dasselbe besteht aus den Herren Landgerichtsrath Dr. Stein als Präsidenten, Rabbiner Dr. Eschelbacher (Bruchsal) als Vizepräsidenten, den Herren Dr. Spiegel und Gold sch midt als Schriftführer der Synode. Hierauf wurden die Vorlagen vertheilt, die diesmal hauptsächlich das Budget der badischen Landessyuagoge, sowie zwei Gesetzentwürfe über einen neuen Modus der Besteuerung unb die Anstellung von Rabbinern betreffen. Ich komme, wie gesagt, auf diese wichtigen Entwürfe noch ausführlich zurück. Am Nachmittag fand die zweite Sitzung der Synode statt, in der der inpnischen ansgearbeitete Entwurf einer Adresse an den Großherzog von Baden nach einer glänzenden Rede des Professors Dr. Rosin (Freilmrg), ans die ich auch noch zurückkommen werde, einstimmig angenomuren wurde. Das interessante Schriftstück, nämlich die Adresse, will ich aber gleich hier folgen lassen. Sie lalltet wörtlich: Durchlauchtigster Großherzog! Gnädigster Fürst und Herr! Zum ersten Male ist in Eurer Königlichen Hoheit Residenz eine Synode der israelitischen Religionsgemeinschaft des Großherzogthums zusammengetreten: zum ersten Male in Deutschland eine unter staatlicher Autorität gewählte Vertretung für die religiösen Gesammtinteressen der Israeliten eines deutschen Landes. Deshalb ist es uns Herzensbedürfniß, ehe wir unsere Verhandlungen beginnen, vor den Thron Eurer Königlichen Hoheit hinzutreten und in unterthänigster Verehrung den Gefühlen des Dankes dafür Ausdruck zll geben, daß durch Eurer Königlichen Hoheit laudesväterliche Fürsorge unsere Religionsgemeinschaft nn Großherzogthum sich nunmehr einer so hochbedeutsamen Einrichtung erfreut, die, so Gott seinen Segen giebt, den wahren Interessen der Religion, der Sittlichkeit und des Friedens, damit aber auch der allgemeinen Wohlfahrt in unserem Lande sich dienstbar erweisen soll. Mögen Eure Königliche Hoheit mit unserem Danke allergnädigst das Versprechen entgegennehmen, daß wir mit Treue und Eifer, mit Liebe und Duldsamkeit an unsere Aufgaben herantreten wollen. Das Grundgesetz für die Organisation unserer Religionsgemeinschaft, welches dieselbe Grvßherzog Karl Friedrichs hoher Weisheit verdankt, ist noch heute, nach bald hundertjährigem Bestand, der feste Boden, ans dem die Verwaltung sowohl der israelitischen Gemeinden und Bezirksverbände als der Landessynagoge sich vollzieht. Immerhin macht sich im Einzelnen das Bedürfniß nach Verbesserungen geltend, wie wir solche namentlich an der Hand der in den letzten Jahren erlassenen Gesetze über die Besteuerung für örtliche und für allgemeine kirchliche Bedürfnisse zu erreichen hoffen. Auf dem eigentlich religiösen Gebiete betrachten wir es als unsere erste und vornehmste Pflicht, durch die Arbeiten, die uns jetzt und in Zukunft obliegen werden, in den Angehörigen unserer Religionsgemeinschaft die religiösen Empfindungen, den unerschütterlichen, in Gottesfurcht und Gottvertrauen sich äußernden Glauben an eine überirdische Vorsehung fort und fort zu pflegen und zu immer kräftigerer Entfaltung zu bringen Wir fühlen uns Eins in dieser Aufgabe mit den Organen der übrigen Religionsbekenntnisse, und wir wollen gern und freudig das Unsrige dazu thun, daß, unbeschadet und unter Achtung jeder konfessionellen Eigenart, der uns Allen gemeinsame Gottesgedanke immer mehr die verbindende Grundlage unserer Hoffnung auf die Zukunft und unseres Lebens in der Gegenwart werde. Der religiösen und sittlichen Erziehung der Jugend wollen wir unser Hauptaugenmerkzuwenden. Die von den Vätern ererbte Religion ist für unsere Kinder das vollkommenste Erziehungsmittel für alle menschlichen und bürgerlichen Tugenden. Die Liebe zum Nächsten, die Treue und Redlichkeit im Verkehr, die Opferwilligkeit für die Gesammtheit, die selbstlose Hingabe an Fürst und Vaterland, sie finden in den Lehren unserer Religion den stärksten und sichersten Bewegungsgrund. Die soziale Lage der Israeliten in Baden bildet nach der geltenden Verfassung keinen unmittelbaren Gegenstand unserer Fürsorge. Nichtsdestoweniger dürfen wir, bei dem engen Zusannnenhange des bürgerlichen und des religiösen Lebens, unser prüfendes Auge auch ihr nicht vorenthalten. Frei von Voreingenommenheit wollen wir auch unsererseits darauf hinwirken, daß die Lebensgemeinschaft unserer Glaubensgenossen mit ihren christlichen Mitbürgern zu gegenseitiger Befriedigung gedeihe, auf daß Alle ohne Unterschied des Bekenntnisses in treuer, pflichtbewußter Arbeit znsammenstehen zum Wohle unserer theuren badischen Heimath und zum Heile des deutschen Gesammtvaterlandes. Indem wir so vor Eurer Königlichen Hoheit Throne die hauptsächlichsten Richtungen unserer Thätigkeit berühren, leben wir der Zuversicht, daß der treubesorgte Vater aller seiner Landeskinder, der Hort des Friedens und der Gerechtigkeit, als der Sich Groß Herzog Friedrich stets bewährt hat, um unserer Aufgabe willen, die der Förderung des ewig Wahren, Guten und Edlen gilt, uns Seinen landesväterlichen Bei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.