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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-22 · Heft 12 (22.3.1895) · p. Seite 135

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 12 (22.3.1895)
Date
1895-03-22
Page
Seite 135 (sequence 3)
Language
German
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135 und erkannte nach kurzer Beralhung auf Freisprechung. Es sei zweifellos, daß mit Ausnahme eines einzigen Punktes alle Requisite der Gotteslästerung vorlägen. Das Reichsgericht habe aber entschieden, daß auch ein beschimpfender Ausdruck vorhanden sein müsse, wodurch eine gewisse Rohheit des Thäters offenbart werde. Ein solcher Ausdruck sei aber nicht in dem Artikel vorhanden, und müsse deshalb auf Freisprechung erkannt werden. Noch weniger liege eine Beschimpfung der jüdischen Religionsgesellschaft vor, denn nach dem Standpunkte, den der Angeklagte einnehme, habe er nicht die Religion der Juden, sondern nur die Raffe treffen wollen. Die Rasse darf also gelästert und getroffen werden, so wird ohne Zweifel der antisemitische Laienverstand, das juristische Urtheil falsch auffassend, jetzt schließen. * Die verheerenden Wirkungen des Antisemitismus in der Schule sind in der letzten Berliner Stadtverordneten-Bersannulung enthüllt worden. Der Stadtverordnete Riemer erhob gegen einen Lehrer des Königstädtischen Realgylnnasüuns seine diesbezügliche Beschwerde mit der Bemerkung: Derselbe Lehrer habe einmal seinen Schülern gegenüber geäußert: „Die Juden dürfen nicht dasselbe Recht genießen wie^die Christen, sie sind ein eingewandertes Volk und gehören nicht hierher!" Die Kinder, die derartige Belehrungen bekämen, würden die schlimmsten Antisemiten, Kinder von ganz freisinnigen Vätern seien das geworden. Er könne Namen nennen. Unter diesen Umständen sei dieses Gymnasium eine Zuchtschule für Antisemiten Für dieses Christenthum, das dort gelehrt werde, dafür danke er; das sei nicht eine Religion der Liebe, sondern des Haffes. Er bitte den Magistrat, auf diese Schule künftig ein besonderes Augenmerk zu richten. Nach längerer Debatte wurde auch beschlossen, in diesem Punkte Erhebungen anzustellen. In einer großen Versammlung hat jüngst der Berliner Stadtverordneten-Vorsteher Dr. Langerhans mit Bezug ans die gegen die Juden gerichteten antisemitischen Anträge erklärt: „für ihn sei es beschämend, in einem Reichstage zu sitzen, in dem solches Zeug überhaupt zur Berathung kommt." Er als Stadtverordneter in Berlin tonne bezeugen, daß kaum ein wohlhabender Jude sterbe, ohne an seine Mitbürger und nicht nur an die jüdischen, sondern auch an die christlichen Mitbürger zu denken. (Lebhafter Beifall.) Die dabei gefallenen Redensarten seien so unerhört gewesen, daß sie den größten Abscheu erregen mußten. Es steht demnach zu erwarten, daß die Träger solcher Gesinnungen auch nicht einen Hauch antisemitischen Geistes iu den Schulen der Stadt tmlben werden. Für die Bismarckfeier wird nun auch in jüdischen Kreisen j Stimmung gemacht. Gerade zu rechter Zeit kommt jetzt als ein kalter Wasserstrahl in den Begeisterungsrnmmel der Antisemiteil eine; interessante Aeußerung des Fürsten Bismarck über den Antisemitismus.! Bei einem Familiendiner Anfangs November 1880, zu welchem auch . de< Kommerzienrat!) Behrend aus Köslin geladen war. kam unter; Anderem auch das Gespräch auf die Jndenfrage und auf Bismarcks j Stellung zu ihr:! „Ich mißbillige," sagte der Fürst, „ganz entschieden diesen Kampf! gegen die Juden, sei es, daß er sich auf konfessioneller oder j gar auf der Grundlage der Abstammung bewege. Mit gleichem j Rechte "könnte man eines Tages über Deutsche von polnischer oder französischer Abstammung herfaüen wollen und sagen, es seien keine Deutschen. Daß die Juden mit Vorliebe sich mit Handelsgeschäften befassen, das ist Geschmackssache; durch ihre frühere Ausschließung von anderen Berufsarten mag das wohl begründet sein. Aber sicherlich berechtigt 's nicht, über ihre größere Wohlhabenheit jene aufreizenden Aeußerungen zu thun, die ich durchaus verwerflich finde, weil sie den Neid und die Mißgunst der Menge erregen. Ich werde niemals daraus eingehen, daß den Juden die ihnen verfassungsmäßig zustehenden Rechte in irgend einer Weise verkümmert werden. Die geistige Organisation der Juden im Allgemeinen macht sie zur Kritik geneigt, und so findet mail sie wohl vorzugsweise in der Opposition; aber ich mache keinen Unterschied zwischen christlichen und jüdischen Gegnern meiner Wirtschaftspolitik, die ich nach meiner Ueberzeugung als ersprießlich für das Land verfechte. Wenn ich zustimmende Adressen und Telegramme beantwortet habe, so erfüllte ich oamit eine Pflicht der Höflichkeit, wie ich dies schon Richter erwiederte: Ich würde mit Vergnügen ebenso höfliche Antworten auf Zustimmungsworte der Fortschrittspartei gegeben haben, ich habe aber keine erhalten." Also zu lesen bei Poschiuger „Fürst Bismarck, neue Tischgespräche und Interviews", auf Seite 113. Die Antisemiten lieben es bekanntlich, bei jeder Gelegenheit auf die bekannte Bismarck-Rede gegen die Judenemanzipatioil im vereinigten Landtage 1847 hmzuweisen, um den Redner für sich zu reklamiren. Jetzt mö^eu sie ans diesen Worten des Kanzlers und Fürsten Bismarck ersehen, daß er nichts, aber auch rein nichts mit ihnen genrein haben mag. Nun mögen sie den Fürsten Bismarck auch noch für einen Judengenossen erklären! Einige haben es ja schon vorher gethan. Der neue Gö;e und der alte Lessing. /Ä^hne weiteren Kommentar sei hier die Thatsache wiedergegeben, daß am 5. März l. I. der ans seinem in Betreff <3^ eines Kantmanuskriptes seinerzeit mit Kuno Fischer in Heidelberg geführten Streite bekannte Pastor Dr. Albrecht Krause in seiner Antritts-Predigt als Hauptpastor der St. Katharinen- Kirche zu Haulbnrg ans Seite 20 (Verlag von H. Seippel, Hamburg, 2. Auslage) Folgendes sagt: „Der Kampf für die eigene Ueberzengung gegen die Folgen des Gesetzes (der Gleichberechtigung anerkannter Religionsgemeinschaften) wird in dein Maße langwierig sein, als die falschen Ernndanschanungen, ans welchen das Gesetz einst hervorgegangen war, noch in der Gegenwart andauern, deren erster Ansdruck lautet: „Die Religion bedingt weder den Wohlfahrtsznstand eines Volkes, noch den sittlichen Zustand eines Einzelnen; darum brauchen die Staaten auf sie keinen Bezug 31t nehmen, und die Betheilignug an religiösen Dingen ist mindestens überflüssig. Wie lueit auch 9font und die Loge, der Protestantismus und das Judenthnm im Gegensätze stehen; in der Verwerfung dieser Grnndanschanung sind sie alle einig. Tie feinsinnigste und poetischste Einkleidung dieser Lehre ist einst von einem Dichter in der Fabel von den drei Ringen geg ege den worden. Tie Pfeile seines Spottes nmkränzten einft das Bildniß Joh. Melchior Göze's, dort unter dem Chor. Ich denke dieses großen Vorgängers in Dankbarleit; denn er ist viel weitsichtiger als der Dichter gewesen. Man muß einmal mit den Wellen gekämpft haben, von jedem Moslim nur um seines fatalistischen Glaubens willen ohne Hilfe gebliebeil imb von dem C h risten gerettet worden sein, um erfahren zu haben, wie falsch die Lehre von den drei Ringen ist. Die Zustände Siziliens und Spaniens unter dem alleinigen Einfluß des Beicht- und Wunderglaubens, die Zustände ganzer Lünderstriche von Polen und Galizien, in welchen nur Gesetz und Auslegung des jüdischen Glaubens ihren Ausdruck

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