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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-15 · Heft 11 (15.3.1895) · p. Seite 131

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 11 (15.3.1895)
Date
1895-03-15
Page
Seite 131 (sequence 11)
Language
German
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131 Stoffkreises B. Leopold lischen, dein , schwächer» thold Auerint Dorftaut. Hin isch Mische »ein Dichter zu steigern :itau§ wirk ud «oii ge heu Judenauch gute aber gewiß Vellen nicht iggid" und inst störend eben. Das igling, also wesen, am viesen, daß her Dichter am besten > fehlt ihm : Welk nie der Zufall s mir hier len. Und Dichter ge- Umstände, htige Bahn hlust folgt.) 1A Mt* itbc. s refvrmgener Einn heranshe hinsichtl cintreten stebeten zn Herr müsse, »erniig der fche Gebete ard, seine dazu auch die ersten Schritte zu thun. Wenn aber nicht, so fällt auf Sie die schwere Verantwortung dafür, das; unsere Kinder immer mehr und mehr dem Judenthum entfremdet werden." Der Mann hatte mit solchem Nachdruck gesprochen, daß Leiseroivitz wie verstummt dastand und ihm nicht das Geringste entgegeuzuhalten vermochte. Mit eben derselben Treuherzigkeit, mit welcher er vorher Kalman Krächzer die Unangreifbarkeit des Pijnk zngesichert, versprach er jetzt Steinhard für eine Verbesserung des Gottesdienstes Zorge zu tragen. Das waren böse Tage für Leiserowitz. Er fing an, das Drückende des Vorsteheramtes stark zu empfinden, und so mächtig wirkte das Anstürmen der beiden Opponenten auf ihn, daß sie ihm;n der nächsten Nacht im Traume erschienen, Kalman Krächzer rechts und August Steinhard links, wie sie ihn in zivei Hälften theilen wollten, tu eine orthodoxe und eine reformirte. Sechs Monate war der Arme jetzt Vorsteher, erster Mann in der Killah — und was hatten sich in dieser kurzen Zeit nicht schon für llnanuehmlichkeiten in dem so sehr erwünschten Posten zusammengedrängt! Wir haben nur einen Theil davon erzählt, aber Leiserowitz fing >ercits an zu berechnen, wie lange er noch an der auf ihm ruhenden Vrst zn tragen haben werde, und welche Anzahl von Verdrießlichleite» seiner noch warteten. Eines Tages kam er, geschäftlich schon angeärgert, nach Hanse. Auf dem Flur begegnete <r seiner Frau, die ihm znries: „Es ist gut, daß Du endlich kommst; Schprinze, die Malschinosträgerin, wartet Deiner." „Schprinze, die Malschinosträgerin?" rief Bär mit Erschrecken, „was will sie?" „Geh' nur hinein, sie wird cs Dir sagen." Wir sagten, daß Leiserowitz die Kunde, daß genannte Frau ans ihn warte, mit Erschrecken entgegen nahm. Er hakte Ursache dazu. Schprinze Malschinosträgerin war in der Gemeinde ihrer Klatschsucht wegen, nnd ferner ihres bösen Mundwerks und bizarren Eharakters halber allgemein gefürchtet. Niemand wollte gern mit ihr zu thun haben, denn sie ließ an keinem Menschen ein gutes Haar. Nichts desto weniger hielt sie sich für sehr fromm, ging mit einem dicken Szidnr unter dem Arm nach der Synagoge nnd zitirte mit Vorliebe Stellen aus der heiligen Schrift und dem Talmud. Leiserowitz wußte daher wohl, was es hieße, dieser Frau mit der scharf geschliffenen Zunge Rede zu stehen, und zagenden Schrittes trat er in das Zimmer, worin sie sich befand. „Guten Morgen, Reb Bär!" rief sie ihm entgegen, als sie seiner ansichtig wurde und fuhr dann mit verstärkter Stimme fort: „Kann man doch eher mit Schlonre homelech reden, als mit rmserm Vorsteher. Ich bin nun schon das dritte Mal heute hier." Leiserowitz seufzte. „Hier, — weshalb, was habt Ihr?" „Nischt über ihn — was ich had'. Nun, drei Maden Hab' ich noch zu Hause, die ich unter die Haub' bringen will. Versteht Ihr mich, Reb Bär? Oder meint Ihr etwa, sie solle» sitzen bleiben und graue Köpf' kriegen?" „Ich mein' gar nichts!" erwiederte der erste Vorsteher der Gemeinde dem gefährlichen Weibe ziemlich ruhig. Allein das Auftreten der Frau fing bereits an, ihm das Blut »ach dem Kopfe zu treiben. Er fuhr darauf fort: „Was kann ich noch für Euch thun, nachdem ich Euch bereits zwanzig Thaler zur Verheirathung Eurer Tochter gegeben habe?" „Nun, Ihr sollt mir leben, Reb Bär, das war aus Eurer Tasche; aber rvo bleibt denn die Killah, der cs, im Grunde genommen, in erster Reihe obliegt, für die Verheirathung meiner Töchter zu sorgen, da ich eine arme Almoneh (Wittwe) bi». Ich Hab' auf hundert Thaler gerechnet, und Ihr, Reb Bär, seid cs, der mir dafür auszukomnren habt, Ihr, der Ihr der erste Mann in der Killah seid." Wiederum seufzte Leiserowitz. „Wenn Ihr, Schprinze, ans hundert Thaler gerechnet habt, so habt Ihr Euch jedenfalls verrechnet; so viel werden wir nicht hergeben." „So, das wollt Ihr mir sagen, mir, die ich weiß, was unsere Chachmim über das Gebot Hachanossat Kallah geschrieben, das wollt Ihr mir sagen nnd das Wort bleibt Euch nit im Munde stecken'?" Und sie war aufgestandcn, Schprinze, diese Frau mit dein scharfgeschuittenen Gesicht, den grauen, wild rollenden Augen, nnd indem sie den Arm in die rechte Hüfte stemmte, trat sie mit dem erhobenen linken auf Leiserowitz zn, der erschreckt zurückwich. Sie folgte ihm, trat vor ihn und sprach in bestimmendem Ton: „Ich muß die hundert Thaler haben, und Ihr, Reb Bär, werdet dafür sorgen, — wenn nicht, — hört Jhr's, — wenn nicht, — so bring' ich Euch die drei Mädeu hierher ins Haus!" Hierauf begab sie sich vor den Spiegel, setzte die unter der Aufregung, in der sie sich befand, stark verschobene Haube zurecht nnd wandte sich der Thür zu. Inzwischen hatte sich Leiserowitz gesammelt, und er war im Stande, der Fra» zu sagen: „Wenn Ihr so auftretet, Schprinze, so kann ich Euch schon im Voraus sagen, daß Ihr gar nichts bekommt, während es sonst nicht ausgeschlossen ist, daß Ihr irgend eine kleine Summe erhaltet. Macht zu diesem Zwecke eine Eingabe, die ich den Repräsentanten vorlegen werde." „Was Hab' ich mit den Repräsentanten zu thun? Ich kenne nur Euch. Morgen komme ich wieder!" Und sie schritt ohne Gruß zur Thür hinaus. Leiserowitz trat, im höchsten Grade verstimmt, ins Familicnzimmer, wo das Mittagessen bereits aufgetragen stand. — „Das hak man davon, Vorsteher zu sein," sprach er zu seiner Fra», indem er sich an den Tisch setzte. „Wo habe ich früher solchen Aergcr gehabt?" „Nimm doch das Nrut und wirf es ihnen vor die Füße," sagte Leah Leiserowitz. „Wenn das so ginge. Nein, ich muß meine drei Jahre mit ihm ausharren, Glaubst Du, Leah, daß ich irgend welchen Appetit zum Essen habe? Schprinze hat ihn mir verlegt." Jndeß versuchte Leiserowitz dennoch, der Pflicht der Mageristärkung gerecht zu werden. Nach aufgehobener Tafel ging er nach dem Nebenzimmer, um daselbst auf einem Divan die ihm uöthige Mittagsruhe zu halten; er glaubte, dabei de» mit Schprinze gehabten Aerger verschlafen zn können. Aber prosit Mahlzeit! Kaum hatte er die Augen geschlossen, als sein jüngstes Söhnchen, die Thür öffnend, hiueiirrief: „Papo, Papa, komm, ein Rabbiner ist da!" Leiserowitz hätte vor Verdruß aus der Haut fahren mögen. Auch sein Mittagsschläfchen sollte er nicht einmal habe». Er wußte, daß es nunmehr um seine Siesta geschehen sei. Ein Rabbiner war da, er erkannte, um welche Spezies dieser Ehrenmänner es sich handelte. Er hatte auch in dieser Beziehung in seiner Amlsperiode reichliche, wenn auch nicht angenehme Erfahrungen gemacht. Und doch wollte, konnte er den Mann nicht abweisen lasten. Er erhob sich mißmnthig, um den angekündigten Besuch entgegen zu nehmen.

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