Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1895)
- Date
- 1895-03-15
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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den Gedichten, den Novellen und Lebensbildern wohl bezweifeln dürfe», i» seinen Leitartikeln aber und seinen naturwissenschaftlichen Essays trat diese Gabe von Jahr zu Jahr mehr hervor. Diese Qualität des Dichters reiste also hier an nicht dichterischen Arbeiten, aber sie trat nicht etwa Plötzlich 1857 zu Tage, nachdem sie bis 1839 noch kaum sichtbar gewesen. Auch die Phantasie lernte er erst allmälig in Zucht nehmen; man ist nicht straflos Autodidakt und schafft nicht straflos von heut auf morgen mit einer Einbildungskraft, die sich bisher in dem Labyrinth des hebräisch-babylonischen Orients ergangen, deutsche Novestc». Damit ist aber bereits auch das zweite und noch wesentlichere Moment gestreift. Warum lehnt sich Bernstein in seinen „Novellen und Lebensbildern" so ängstlich an fremde Muster, warum erscheint uns da seine Phantasie so durstig, warum schweigt da vollends sein Gcmüth? Weil er in diesen Novellen ein Leben schilderte, das er wenig oder gar nicht kannte, das ihn innerlich nichts au ging. Wir wissen es bereits und werde» es später noch des Genaueren hören, wie er bis 1832 gelebt hatte: nicht etwa in Danzig, Juowrazlaw und Fordou, sondern im Ghetto von Danzig, während Juowrazlaw und Fordon nur e i n Ghetto waren. Was hatte diese Welt, die ihm heimisch war, mit jener gemeinsam, die er nun zu schildern versuchte? Nicht eimnal die Sprache, geschweige denn die Denk- und Empfinduugsweise, die Sitten, die Lebenssiihrung! Das waren damals zwei getrennte Welte», in welchen sich selbst die gebildetsten Danzigcr Jude» jener Zeit nicht gleich heimisch fühlten; dem Tnlmndschülcr, der bis 1832 nur jüdisch-deutsch gesprochen und geschrieben, war das christlich-deutsche Leben ein Buch mit sieben Siegeln. Und das sollte ihm nun plötzlich so heimisch sein, um es dichterisch zu schildern?! Unmöglich! Es ist kein Zufall, daß es mißlungen, wie es kein Zufall ist, daß uns nur das erste und vierte Kapitel der „Vier Stunden" zu erwärmen vermag; hier schildert er eben ihm vertrantes Leben, hier ist er innerlich wahr. Ich sagte oben: das Programm Bernsteins von 1839, Leben und Wahrheit „liebend" mit dem Gemülhe zu durchdringen, sei zunächst unausgeführt geblieben, weil er weitere Versriche mit Willen unterlasse». Worin aber wir — ich und die Freunde Bernsteins, die mich auf richtiger Fährte vermuthen — den Grund dafür erblicke», daß er nicht wollte, crgiebt sich aus dem Vorstehenden: er erkannte, daß der Dichter nur ein ihm vertrantes Leben mit dem Gemüthe durchdringen könne, und so vertraut war ihm das deusche Leben auch in den nächste» Jahren noch nicht geworden. Der Instinkt dafür, daß der Dichter im Boden seiner geistige» und seiner Geinüthsheimath wurzeln müsse, hatte ihm ja von Anbeginn nicht gefehlt, darum eben spielen ja von den sieben Stücken der „Novellen und Lebensbilder" nicht tveniger als vier in und bei Danzig, aber was hatte er da schildern können?! Das Aenßerlichc, die Landschaft, die Architektur, Katastrophen im Natur- und politischen Leben, kurz das, was damals der Bewohner des Danziger Ghetto mit dem Christen gemein hatte mib ebenso beobachten konnte wie dieser. Aber nun sah er ein: das genügte nicht; das Wichtigste fehlte, die Kenntniß des inneren Lebens. Aber später, höre ich fragen, nachdem Bernstein zwanzig Jahre und länger in Berlin verbracht, da hätte er wohl auch gute Novellen ans deutschem Leben schreiben können? Vielleicht, antworte ich. Andere Dichter, die gleich ihm ihre Kindheit und den größten Theil ihrer Jüngliugszeit im Ghetto verbracht, haben es nicht gekonnt; sie haben es gar nicht versucht oder der Versuch ist völlig mißlungen. Noch mehr, eine andere Gruppe von Dichtern, die zwar gleich Bernstein im Ghetto wurzeln, aber viel früher und intensiver als er mit der Außenwelt in Berührung gekommen, haben ihr Bestes doch innerhalb des Stoffkreises geleistet und außerhalb desselben nicht einmal Gutes, z. B. Leopold Kompert; seine Geschichten aus dem Wiener, dem böhmischen, dein ungarischen Leben muthen an, als hätte sie eine andere, schwächer, Hand geschrieben. Es giebt auch Ausnahmen, z. B. Berthold Auer: bach, aber der wurzelte nicht im Ghetto-, sondern im Dorf- Judenthum, das Dorf war ihm von vornherein vertrant. Hi» gegen ist S. H. Mosenthal, dessen Erziehung keine spezifisch jüdische war, wieder ein Beweis dafür, wie sehr ein Stoff, der dem Dichter durch Kindheitserinnernngen vertraut ist, dessen Kraft zu steigern vermag. Unter seinen Dramen ist „Deborah" das weitaus wirksamste, aber all seine Dramen zusammen genommen sind von geringerem dichterischen Werth als seine ganz vortrefflichen Jndenuovellen, die er in seinen letzten Lebensjahren schrieb. Möglich also ist's, daß Bernstein als reifer Mann auch gute Novellen ans deutschem Leben hätte schreiben können, aber gewiß ist's nicht. Gewiß läßt sich nur eins sagen: daß diese Novellen nicht so vortrefflich geworden wären wie „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor", denn da förderte ihn nur, was ihm sonst störend war: daß er so lange ganz und gar im Ghetto geblieben. Das jüdische Leben konnte er, >veil er eben als Kind und Jüngling, also in den Jahren der Gemüthsentwicklung nur Jude gewesen, am besten „mit dem Gemiith durchdringen". Heute wissen wir, denn Bernstein hat es uns bewiesen, daß dieser Stoffkreis für ihn der beste war. Aber wie mancher Dichter geht sein Leben lang an den Stoffen vorbei, die ihm am besten liegen würden. Er ahnt's nicht, oder wenn cr's ahnt, so fehlt ihm die Courage zuzugcciseil; natürlich kann's dann auch die Welt nie wissen, lieber die richtige Stofswahl entscheidet oft genug der Zufall So war's z. B. bei S. H. Mosenthal; leider muß ich es mir hier versagen, diesen — sehr kuriosen — Zufall zu erzählen. Und Mosenthal war doch sein Lebenlang ein produktiver Dichter gewesen. Bei Bernstein aber mußten sich sehr verschiedene Umstünde, innere und äußere Erlebnisse verkette», um ihn auf die richtige Bahn zu bringen. (Schluß folgt.) m iimnwiMii; gg — 1- SS* 1 FEUILLETON Ä! mwrnm — .V '' ' ' ~ ' ' -1 i—i 1— -s Der erste Mann in der Gemeinde. Humoreske von Moritz Scherbel. (Fortsetzung.) sin Tage darauf erhielt Leiserowitz den Besuch des reformbegeisterten August Steinhard, der nach vorangegangener Einleitung mit einer großen Anzahl von Reformplänen heransrückte und unserm verblüfften Leiserowitz aufgab, in erster Reihe hinsichtlich des Gottesdienstes einen Wandel zum Guten und Schönen cintreten zu lassen. Er meinte, daß man das Ueberfliissige ans den Gebeten zu entfernen habe, daß man mit dem alten Schlendrian brechen müsse, der jetzt im Gotteshanse vorhanden, daß man der Forderung der Zeit Rechnung zu tragen habe, die darin besteht, nur deutsche Gebete einzu führen. „Und Sie, Herr Leiserowitz," fuhr August Steinhard, seine Stimme erhebend, fort: „Sie als erster Vorsteher haben dazu auch die er| I schwer mehr %! wie v > icrmc Kalim | prach 2orge Q Lrüch wirkte :ii de> »>d s wollte <r tillal tlnan gedrä $ >ercit last | leiten ( Auf gut, warb „was ihn r Klats Ehar ihr z haar mit und Tal ii der s trat seine „Kai Bors »och mich grau men der Er 1 i gege