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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-15 · Heft 11 (15.3.1895) · p. Seite 129

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 11 (15.3.1895)
Date
1895-03-15
Page
Seite 129 (sequence 9)
Language
German
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129 mit keiner Silbe Anbeuten möchte, daß er ein Aron und arm und ein „Jeschiwa-Bocher" war. . . Schade, wir werden später sehen, wie viel Hübsches, Echtmenschliches er uns hatte erzählen töitnen, wenn er es sich abgerungen hätte, bei der Wahrheit zu bleiben. Ebenso fehlt in der Entstehungsgeschichte seines ersten Gedichts jeder individuelle Zug, wogegen der dritte Abschnitt „die schönste Stunde meines Dichterlebens" wieder wirkt, weil er wahr ist. Diese „schönste Stunde" ist jene, wo er erkennt, daß in idealer Bethätignng das reinste Glück des Lebens zu finden sei. Man glaubt einen wirklichen Brief des Ex-Talmudisten an seine Danziger Verwandten zu lesen, wenn er schreibt: „Mein Einkommen ist so beschränkt, daß ich selbst das kleinste Vergnügen, das ich mir für Geld erkaufen soll, mir versagen muß, wenn ich nicht in Geldverlegenheit gerathen soll und dennoch lebe ich sehr zufrieden und glücklich. . . Ihr Geldmenschen zuckt die Achseln und sprecht mit Bedauern von uns; aber ich frage Euch: Welcher junge Dichter ist so ungebildet, daß er nicht eine geldeinträgliche Beschäftigung ergreifen könnte? Welcher junge Dichter könnte nicht, wenn er's sich vornähme, ein Lehramt bekleiden, das ihn sorgenfrei hinstellte? Thut er es nicht, so leistet er selbst Verzicht auf Euer Glück, auf Euern Reichthum, und er dankt für Euer Mitleid." Das vierte und Schlußkapitel dieser Studie: „Die letzte Stunde meines Jugendlebens", ist in autobiographischer Hinsicht das wichtigste; es enthält eine Art Programm des jungen Schriftstellers, anknüpfend an den Eindruck, den ihm Heine's „Buch der Lieder" gemacht: „Jeder Vers schien mir eine Zauberleuchte zu sein, der man auf schwindelnden Gängen folgen muß, aber wenn ich an die Spitze gelangt war, da war's mir, als habe der Dichter unter Schmeicheln und Kosen früher mit milder Hand tief in mein sich immer mehr und mehr öffnendes Herz hineingegriffen; aber plötzlich erfasse er es an der tiefsten Spitze und wende es um, wie man einen Strumpf umwendet, daß die Nerven zerreißen und das Blut vergossen wird. Was ist es, was den Dichter so tief mit sich riß, daß er bei seinen schönen Gebilden den herzzerreißenden Jammer als Endurtheil anhängte? Es ist das Leben, die Wahrheit! Der Dichter giebt uns das Leben, wie es sein könnte, dann die Welt, wie sie ist. . . . Leben und Dichtung — wie soll das einst mit mir werden? Soll ich die Augen schließen und das Leben über mich himvegströmen lassen, soll ich mich einspinnen tut eigenen schönen Gewebe? Oder soll ich das Gewand meiner Jugend sinken lassen und ins Leben hinein, mitstürmen und fallen mit der großen Masse der Menschheit, . . . meinen Nacken freiwillig ins Joch der Gesammtheit beugen, um mit zu leiden, mit zu schaffen, mit zu siegen und mit unterzugehen?" Die Antwort kommt ihm in der Erinnerung an die Geliebte: „Hat Leben und Dichtung denn keinen vereinigenden Punkt? So rief ich aus, während meine Hand eine Halsschleife löste, die sie mir noch Abends in süßer Spielerei geknüpft. Leuchten und wärmen zugleich soll die schöne Flamme der Dichtung neben der Leuchte Wahrheit! Warum soll Wahrheit und Schönheit sich nicht vereinigen können? Was ist schön, wenn du's nicht bist, was wahr, wenn's dein Herz nicht ist? Ja, ja! Die Liebe, sie vereinigt Alles! Lebend, liebend will ich die Welt umfassen, liebend will ich Leben und Wahrheit ergreifen und sie liebend mit der Krone der Dichtung schmücken. Mit klarem Bewußtsein will ich ins Reich der Dichtung weiter schreiten. . . ." Man sieht, die Ausdrncksweise ist von Schwulst entstellt (das Allzustörende habe ich zudem in diesetn Auszug weggelasfeu), und die Art, wie er die Antwort für sein Leben gewonnen haben will, der Hinweis auf die Geliebte, ist uicht eben tief, aber die Antwort selbst ist die richtigste, die er sich geben kann. Soll er ein Mann der That werden oder ein Dichter bleiben? Eilt Dichter, so will's sein Herz. Aber dann ein anderer Dichter als bisher — das befiehlt ihm sein Verstand. Bernstein hätte ohlie alle Selbstkritik seilt lllüssen, um zu verkennen, wie viel ihm damals mtb was Alles fehlte! Er lag immer in Allderer Banden, sprach oder stammelte gar nur Allderen nach, die eigene Tonart wollte sich llicht finden lassen. Dell realistischen Versuchen fehlte es alt Gemüth und Poesie, beit phantastischen an der festen Kontour, dem lebensvollen Inhalt. Wollte er ein Dichter bleiben, so mußte er versuchen, mit klarem Bewllßtsein zu arbeiten, zwischen Phantasie und Beobachtung des Lebens, zwischen Dichtung tllld Wahrheit das rechte harmonische Verhältlliß zu finden, mußte Leben und Wahrheit „liebend", mit dem Gemüth zu durchdringen bemüht sein, um sie dann „mit der Krone der Dichtung schmücken" zu können. Gewiß, das Programm war das richtige. Und an Ellergie, es Auszuführen, hat es Bernstein auch hier sicherlich nicht gefehlt, so wenig wie im Rillgen nach irgend einem anderen Ziel, das ihm seine Phantasie steckte. Dennoch ist Jahr um Jahr verstrichen, ohne daß den beidell Erstlillgen ein drittes dichterisches Buch gefolgt wäre. Er schrieb alles Erdelikliche, aber keine Dichtung mehr. Aeußere Gründe würde malt vergeblich dafür aufstöbern wollen. Freilich hatte er mm für einen jungen Hausstand, bald auch für mehrere Kinder zu sorgelt, aber hatte er scholl als Anfänger seine Novellen, so schwach sie waren, allgebracht, so wäre ihm dies nun, da Name und Verbindllngen gewachsen waren, sicherlich auch gellnlgell. Und obwohl er wahrlich allch sollst Arbeit genug hatte, so gehörte er doch zu jenen Menschen, die für Alles Zeit fanden, was sie ernstlich wollten. Hai Bernstein durch volle achtzehn Jahre, vom Erscheinen der „Novellen und Lebensbilder" im Herbst 1838 bis zur Niederschrift von „Vögele der Maggid" im Frühling 1859 keine Dichtung geschrieben, so geschah es ganz gewiß nur deshalb, weil er keilte mehr schreibell wollte. Das ist llicht verwunderlich, nein, nur das Gegentheil wäre es. Tenll wertn Berllstein als reifer Maitlt, etwa in der Mitte der Vierzig, auf sein Schaffen zurückblickte, bann durfte er sich sagen, daß ihm Vieles gelungen: er hatte einen vortrefflichen Zeitungsschreiber, einen mnstergiltigen Essayisten aus sich gemacht, er war eilt einflußreicher, nach vielen Richtungelt und nach den meisten mit Erfolg wirkender Mann geworden, aber mißlultgen, grülldlich mißlllngelt war ihm nur Eins, seilte Versuche als Dichter. Null, mit 45 Jahren resignirt sich eilt verständiger Mattn. . . . Also kein Dichter! . . . Ultd derselbe Mann hat kurz darauf zwei Dichtungen geschaffen, die Beweise eines seltenen, wahrhaften Talents silld. Was uns an ihnen entzückt, ist eben, daß sie so kuilstlos unb mit fast elementarer Gewalt aus dem Bortt einer großett, natürlichen Begabung aufsprndeln. Wie gesagt, das ist ein ganz beispielloses Phänomen. Wie mag es mit Bernstein so gekommen sein? Niemand wird auf derlei Fragen eilte so bestimmte Antwort sordertt dürfen, als handle es sich darum, eilte Summe in ihre Faktoren ztt zerleget!. Bei der Entstehung einer Dichtung spielt nicht blos Phantasie und Gemüth mit, sondern auch das Unbewußte. Mit der Zuversicht, A l l e s aufklären zu können, würde ich eine solche Frage nicht einmal dann beantworten, wenn es sich um mich selbst oder meinen besten Freund handelte. Von den folgettden Andeutungen über einen Dichter, den ich nie gesprochen habe, kann ich also nur sagen: die Thatsachen, die ich anführe, scheinen mir zur Erklärung von Wichtigkeit, und Menschen, die Bernstein genau gekannt haben, stimmen mir zu, daß es Thatsachen sind. Vor Allem sei auf das langsame Ausreisen seiner dichterischen Eigenschaften hingewiesen. Die Kraft und Kunst der Darstellung, die seinen ersten dichterischen Werken so sehr mangelt, hat er sich allmälig angeeignet und was davon angeboren war, alltnälig mit wachsender Bildung, wachsendem Kunstverstand in sich auferzogen. Ob ttach dieser Hinsicht ein Dichter in ihm stecke, hätte man nach

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