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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-15 · Heft 11 (15.3.1895) · p. Seite 128

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 11 (15.3.1895)
Date
1895-03-15
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
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128 Bevor der Mensch auftrat, war sie wüst und öde, ihre Schöpferkraft wild und, wie der Urwald zeigt, sich selbst zerstörend; sie war ein Tohu wabohu. Von den mehreren Stellen aus dem Midrasch aber erwähne ich nur die eine, welche in dem Segen Gottes nach dem Wortlaute des Bibelverses ein schönes Wortspiel nnd damit eine Doppelsinnigkeit findet, und welche also lautet: Gott sagt: der Mensch, welcher in unserem Ebenbilde fromm schafft, der herrsche; wer aber nicht in unserem Ebenbilde, sondern unfromm lebt, der sinkt. — Hirsch citirt auch noch den Sohar, der sich so äußert: „Komm und sieh, was Adam gethan! Gott hat ihm eine heilige Seele gegeben, sie in der Welt zu offenbaren, und er verstrickte sich in seiner Schuld und verwandelte sich in eine viehische Seele." Und hier kommt nun Hirsch auf den ersten, zwar richtigen, aber doch noch mangelhaften Begriff von Gott. Der Mensch findet die Freiheit in sich, wenn auch zunächst nur als leer, als bloße Möglichkeit, sich frei zu bethätigen. Diese Freiheit besitzt er als ein Geschenk, das ihm irgendwie geworden: „Er schaut also über sich ein Wesen, das ihm diese Freiheit geschenkt hat, welches das Prinzip seiner Freiheit ist. Dieses Wesen muß schlechterdings Macht über Alles haben: er nennt es Gott" (S. 30). — Gott ist absolut frei, nnd die Ebenbildlichkeii des Menschen ist eben dies, daß Gott auch den Menschen frei will. Der Mensch soll seinem Wesen gemäß leben; dann lebt er dem Schöpfer seines Wesens gemäß (S. 33), und so ist er religiös und frei. Aus dem Wesen der Freiheit folgt nun mit Nothwendigkeit, daß es dem Menschen auch möglich ist, seinem Wesen nicht zu entsprechen, d. h. zu sündigen. Die Sünde ist nie nothwendig, aber immer möglich. Das Natürliche an sich ist nicht Sünde; aber wenn die Sinnlichkeit sich auf Kosten der Freiheit geltend macht, wenn die Freiheit darauf gerichtet ist, die sinnliche Lust zu steigern, und wen» diese Lust eben den Inhalt seines Jchs, der Freiheit, seines Strebens ansmacht, so ist das Sünde, Verdrehung seines Wesens, Vernichtung seiner Freiheit. Die Freiheit erfordert die Möglichkeit zur Tugend: damit aber ist auch die Möglichkeit zum Laster gegeben — jedoch nur die Möglichkeit zum Laster, zur Sünde, die aber eben nicht wirklich werde» sollte. Die Möglichkeit zur Sünde ist nothwendig und von Gott gewollt, die Wirklichkeit derselben ist ein Zufall, der nicht sein sollte und nicht zu sein brauchte, für ewig Möglichkeit hätte bleiben sollen. Dies ist nach Samuel Hirsch der Grün dgedanke des Judenthums, das Schiboleth desselben in Gegensatz z» allem Heidenthum, wie auch zum Christenthum und zu Hegel. Den» Hegel lehrt, die wirkliche Sünde sei teleologisch nothwendig, um zum Guten zu kommen; und das Christmthnm lehrt die Erbsünde, d. h die Sünde sei kausal nothwendig, sei unvermeidlich. Den guten Jude» beseelt jedoch nicht die Eitelkeit, daß er sündigen könnte, wenn er ivollte, sondern nur die Furcht vor der möglichen Siindc xion nxT- Und so kommt er zum vollen, wahrhaften Begriff von Gott, indem er seine Freiheit verwirklicht, d. h. sein natürliches Leben zum Mittel für sein geistiges herabsetzt. Dann ist Gottes Wille und sei» Wille durchaus Eins; er ist ein Ebenbild Gottes; aber er weiß auch, daß Gott ewig frei und von dem Menschen, ob er gut oder schlecht ist, durchaus unabhängig ist. Gott kann nicht von Gott abfallen, aber der sündige Mensch ist von Gott abgefallen. Dieses Alles bestätigt Hirsch durch Talmudstellen, in denen auch die Demnth eindringlich gefordert wird, und sogar durch die Mystik des Rabbi Samuel Edels (gen. Meharscha). (Schluß folgt.) Ueber A. Bernstein. Von Karl Emil Franzos. IV. (Fortsetzung.) ie relativ erfreulichste Arbeit des Buches ist wohl zuletzt entstanden: „Vier Stunden". Auch hier schwankt der Stil zwischen Jean Paul und Heine, nur daß hier wieder der Einfluß Heine's der überwiegende ist; aber der Inhalt ist nun endlich durchaus individuell, und zwar nicht blos deshalb, weil es sich um eine Art poetischer Selbstbiographie handelt — da haben wir wirklich mindestens einzelne Züge von jenem jungen Bernstein, den wir uns aus seinem späteren Leben itub Schaffen zu rekonstruiren geneigt sind. Nlm sehen wir: er mag doch in der That beiläufig so gewesen sein, wie wir dachten, obwohl er es uns bisher durch die Lieder und die sechs Novellen nicht hat Lsagen können, weil ihm noch die Zunge gefesselt lvar, so daß er blos Anderen nachstammeln konnte. Darum rechtfertigt sich ein Verweilen bei dieser Arbeit. Sie schildert zunächst „die erste Helle Stunde meines Kinderlebens". Wie ist der so früh ins „Cheder", dann ins „Bethhainidrasch" gesperrte Knabe zu seinem Natursinn gekommen? Die Kindheit im frei gelegenen Häuschen der Eltern am Rande der Vorstadt hat diesen Sinn geweckt. „Die Sonne lag weit hinter der Straße und hinter dem Wasser, das unserm Hause vorüberfloß, und hinter dem jenseitigen Ufer, wo wenige Gebäude standen; aber ihr Strahl lag vor unserer Thür aus dem reinen, weißen Pflaster; auch spiegelte er sich im Wasser, und auf der Decke unseres Hausflurs spielte der Widerschein in goldenen, gebrochenen Streifchen, die durcheinander sprangen, so lustig und spaßig, daß ich nicht satt ward, es anzusehen. Ich fragte die Mutter, wer denn so mache? und als sie mir sagte, daß es die Sonne sei, die mit dem Wasser spiele, erwiederte ich erschrocken und altklug: Wenn sie nur nicht ins Wasser fällt. Die Mutter erwiederte nichts hierauf, und ich verfolgte diesen Gedanken: Wenn die Sonne einmal ins Wasser füllt, so muß es plötzlich anfangen zu regnen, und es kann nicht aufhören, weil keine Sonne mehr scheinen kann. Wenn sie aber der Bootsmann aus dem Wasser zöge, wäre sie nicht mehr blank und würde nicht brennen, weil sie naß wäre, und man müßte sie in die Sonne legen zum Trocknen. . . Die Sonne aber war nicht ins Wasser gefallen, sondern spielte noch immer auf der Decke des Hausflurs, und lag noch immer auf der reinen weißen Straße; und als ich wieder durch die Stubenthür, durch den hellen, weiten Flur und die Hausthür weit hinaussah auf die Straße, sah ich die Kinder lustig spielen und springen und sah die Mutter fragend an." Sie will, daß er in der Stube bleibe und verspricht ihm dafür „eine goldene Sonne in einem blauen Rahmen." Und die bekommt er dann auch: „In der Stube ward es schon ganz dunkel, das Stückchen Himmel aber, das in der Hausthür lag, ward hell und heller. Endlich kam die Sonne und legte sich ebenfalls in die Hausthür und starrte in unsere Stube. Ich sah sie voll Furcht an, denn ich glaubte, man könne ja nun nicht aus dem Hause gehen. Und es dauerte nicht lange, die Sonne sank und sank, bis sie am Rand der Erde lag und nur halbe goldene Blicke in unsere Stube warf; ein breiter Strahlenstreif vergoldete die Dielen bis zu meinen Füßen, nnd ich sah ihn an und weinte und lachte, ich zeigte auf die Hausthür und fragte die Mutter, ob das die goldene Sonne im blauen Rahmen sei." Das fesselt und erwärmt nicht blos, weil die Schilderung schön ist, sondern weil man auch die innere Wahrheit herausfühlt. Und weil auch dies Letzte zur Wirkung nöthig ist, darum läßt der größte Theil des zweiten Kapitels, das „die erste Stunde meines Dichterlebens" vorführt, kalt. Die Schilderung der Jünglingszeit ist phrasenhaft und verschwommen, weil „Arno" um Himmelswillen

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