Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1895)
- Date
- 1895-03-15
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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127 halten. Lächelnd meinten sie, wer in diesen Ruinen nicht wohnen wvllte, könnte sich ja anderswo niederlassen, wo es ihm gefiele, wie sie selbst das Beispiel gaben; und wer sich nicht mumifiziren lassen wollte, könnte ja frei runhergehen. Jene moderne Orthodoxie tvill wesentlich nur konserviren, und ihre wissenschaftliche Thätigkeit gehl darum lediglich ans die Geschichte der Juden und vorzugsweise der nachbiblischen Zeit. Der Gedanke einer philosophischen Erfassung der jüdischen Religion konnte ihr nicht behagen. Die Aufgabe, die jüdische Religionslehre philosophisch zu gestalten, konnten weder jene indifferenten Historiker erfassen (denn sie leugneten die Lebensfähigkeit des Jndenthums), noch auch jene Rvmanticistcn (denn man belebt das der Zeit Anheimgefallene nicht mit Phrasen), sondern nur Männer, welche im Judenthum eine lebendige Macht für die Gegenwart fühlten und zugleich Philosophen waren. Als jüdische Ncligiousphilosopheu unseres Jahrhunderts können nur drei Männer angeführt werden: der Arzt Steiuheim, Fvrmstccher und der Rabbiner Samuel Hirsch. Einen tveiteren Einfluß ans das Leben und Denken der Juden hat keiner der Drei gefunden: an das Volk tritt der Philosoph nur schwer heran, und die Gelehrten, auch die Rabbiner, sind, wie gesagt, Historiker gewesen, wenigstens zu allermeist, und sind es heute noch mehr als in dem früheren Geschlecht, da in der zweite» Hälfte unseres Jahrhunderts die Philosophie in Deutschland überhaupt so darnieder liegt. Wenn ich nun für den heutigen Abend Samuel Hirsch ausgewählt habe, um Ihnen dessen Ideen über die jüdische Religion darzulegen, so thue ich es, weil gerade die Gedanken dieses Mannes in meiner ersten Jünglingszeit meine Religion erhellt, mein Judenthum gestaltet und mich während meines Lebens nicht verlassen haben. Er hat mir die Rüstung für den Kampf gegen den Gegner gegeben, den ich erst ans der Universität keimen lernen sollte — Hegel. Ich lernte diesen große» Philosophen bei der ersten Bekanntschaft durch Hirsch als vorurtheilsvol! kennen. Kant und Hegel waren die Philosophen, welche am stärksten auf die Theologie gewirkt haben, bei Christen und auch bei Inden. Denn Steiuheim stützt sich auf Kant, wie Formstecher und Hirsch auf Hegel. Die beiden großen Gründer eines philosophischen Systems sind beide dein Judenthnm wenig geneigt, um nicht zu lagen, sehr abgeneigt. Biele fahnenflüchtige Juden benutzten Hegels Geringschätzung des Judenthums als Deckmantel ihrer Apostasie. Formstechcr und Hirsch widerlegen Hegel in Hegelscher Denksorm. Von dem äußern Lebenslaufe Samuel Hirsch's tveiß ich wenig. Ich kann nicht sagen, wann er geboren und wann er gestorben ist. Ich weiß nur, daß er in Bonn ftubirte1), und zwar nicht Orientalin, sondern evangelische Theologie, daß er aber auch die Werke der Juden des Mittelalters in weitem Umfange gründlichst studirte; daß er dann zuerst in Dessau als Rabbiner gewirkt hat, aber nach wenigen Jahren nach Luxemburg ging, und von hier abermals »ach nicht langer Zeit nach Amerika wanderte, wo er in seinem Sohne kräftig fortwirkt. Insofern Samuel Hirsch Hegelianer ist, könnte man ihn sogleich als sehr konservativ vermuthen. In seiner Religionsphilosophie tritt er i» der That absolut gläubig auf. Er ist gläubiger als alle Altgläubige und sicherlich gläubiger als alle modern-orthodoxe Historiker, die sich aii die Erforschung des Pentateuchs nur darum nicht wagen, weil sie dabei ihren Glauben verlieren zu können fürchte». Samuel!) Aus dem Reform Advocate vom 23. Febr. d. I. ersehe ich nachträglich, daß Hirsch 1820 geb., in Bonn und Berlin studirt hat und 1889 in Chicago gestorben ist. Hirsch hielt alle Wunder, alle Erzählungen, die der Pentaleuch berichtet, für wahr, weil er die Gewißheit ihrer Wahrheit hatte, indem er sie als irothwendig konstruirtc. Und wenn man meint, das weuigsteus sei doch spezifisch hegelisch, daß er koustruirt, »nd durch seine Konstruktion die Wahrheit der Wirklichkeit für Jeden erwiesen zu haben meinte, der au die Wirtlichkeit der Wahrheit glaubt, daß er also überzeugt war: es war so, wie die Bibel erzählt, weil cs so gewesen sei» mußte: so ist das zwar ganz richtig, aber charakteristisch bleibt und für immer merkwürdig, wie er seine Gedanken in der Hagada des Talmud und des Midrasch nachweist, wie Aehnliches in gleichem Bloße vor ihm m>d nach ihm wohl niemals geschehen ist. Der Vollständigkeit wegen muß ich noch bemerke», daß er die Absicht hatte, „das System der religiösen Anschauung der Jude»" dnrzulegen, von welchem nur der erste Band erschienen ist: „Die Religionsphilosophie der Jude», oder das Prinzip der jüdischen Religionsanschauung", 1842. Es fehlen die beiden ander» Baude, die er noch im Sinne hatte: die theoretische und die praktische Theologie. Hier wären erst die einzelnen Sätze der jüdischen Religion zur Sprache gekommen. Hier sollte die Lehre von den göttlichen Eigenschaften, von der Schöpfung und Weltregierung gegeben werde», aiich gezeigt werden, welche Bedeutung der Kultus und die heilige Schrift für uns haben. Er beginnt weder mit einer Definition der Religion, noch auch mit einem Beweise für das Dasein Gottes, welchen Beweis er überhaupt nicht giebt, sondern macht den Anfang mit dem „Wesen des Menschen", und scheute sich nicht, in spätem Schriften den Fenerbnchsche» Ausspruch anzuerkennen: Theologie ist Anthropologie, Lehre von Gott ist die Lehre vom Menschen, d. h. wir wisse» von Gott mir so viel, als der Mensch nach seinem endlichen Wesen von ihm ivissen kaun und was ihm zu wissen frommt. Er beginnt also nicht etwa mit der Einheit Gottes, und wie mir scheint, mit Recht. Glaubt nicht, wenn ihr Schema Israel ruft, täglich zwei- »iid drei- oder viermal, damit sei etwas gesagt; und wenn ihr das heilige Symbol um den Kopf und den Arm schlingt, damit sei etwas ausgedrückt — wenn ihr den Inh all des Echod nicht beherzigt, auf welchen Inhalt allein es aiikommt; wenn ihr euren Gottesglauben mit allerlei heidnischen Aberglauben verunreinigt: so seid ihr auch Heiden und nicht Juden. Das Wesen des Menschen aber ist die Freiheit: diese jedoch will erst erworben sein; der Mensch muß sich erst frei machen. Dazu hat ihm Gott die Fähigkeit anerschafseu, die er nun auf Erde» verwirklichen muß; und diese Verwirklichung seines Wesens oder der Freiheit ist Religio». Den biblische» Ausdruck dafür erkennt Hirsch in dem Satze, daß der Mensch in der Ebenbildlichkeit Gottes geschaffen ist, welche er bekiindet, indem er alles Thierische in sich beherrscht und die Erde bearbeitet, d. h. indem er goltähnüch schafft. Der Mensch schafft aber gottühnlich in jeder wahren, micigennützigen und liebevollen Arbeit, sei es als Landbaner, Handwerker, Kaufmann oder Deuker. Der blos mit der Fähigkeit gilt zu sein geschaffene Mensch wird in der Schöpfungsgeschichte der Bibel, in welcher doch jedes geschaffene Wesen gut genannt wird, nicht so genannt, weil er sich erst gut in Wirklichkeit machen sollte. Das Thierische aber im Menschen ist die Trägheit und das Streben nach Genuß und Lust. Arbeit setzt Anstrengung voraus, den Kampf mit der Trägheit in uns; denn die Arbeit soll frei sein, und von uns selbst geboten. Andererseits aber können wir die Natur nur so beherrschen, indem wir den ewigen Gesetzen der Natur gehorchen, uns ihren Bedinguugeu unterwerfen. Die Schöpfung soü durch unsere Arbeit erst vollendet werden, indem wir der Erde das Siegel unseres Geistes ansdrücken,