Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1895)
- Date
- 1895-03-15
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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126 gehoben und die heilige Litteratur — mitunter durch Rezitirmig von Bibelstellen in deutscher Uebertrcigung — dem Verständnisse näher gebracht wurde. Nunmehr, nachdem der Versuch als vollkommen gelungen anzusehen, kann es offen bekannt werden, daß die Zuhörer, welche zum Theil jeden äußeren Zusammenhang mit dem Judenthmn verloren hatten, mit stetig wachsendem Interesse, ja mit Begeisterung den Worten des verehrten Redners lauschen und mit freudiger Erwartung jedem neuen Vortrag entgegeusehen. Die Scham, die so Manchen deshalb erfüllt, daß ihm, dem in der griechischen und römischen Geschichte und Litteratur nichts fremd ist, in der Geschichte und Litteratur seines eigenen Volkes aber bisher Alles fremd war, wird mir geuiildert durch das Bewußtsein, daß cs zum Lernen nicht zu spät ist, und durch den ernsten Wille» auf dem beschritteuen Wege fortzufahren. Nur weil ich überzeugt bin, daß an vielen Orten schon lange gebildete Juden den Mangel an Kenntnis; der jüdischen Geschichte und Litteratur ausrichtig beklagen und Abhilfe herbcisehnen, will ich mit diesen Zeilen einen Weg weisen, auf dem das so lange Versäumte nachgeholt werden kann. Mögen auch anderwärts die schon seit Jahren dem Judenthum in stumpfer Gleichgiltigkeit gegenüber verharrenden sogenannten befferen Kreise, aus deren Reihen so Mancher fahnenflüchtig geworden, weil er die den Charakter bildende, das mit Bescheidenheit gepaarte Selbstbewnßtsein stärkende, die Hoffnung auf Besserung stets neu belebende Geschichte und Litteratur seines Volkes nicht kannte, mit gutem Beispiel vorangehen. Werden doch überall die Rabbiner und jüdischen Gelehrten gern bereit sein, dieses Lehramtes zu walten. Als schönster Lohn wird ihnen die erhebende Befriedigung zu Theil. in die genannten Kreise die Erkenntniß zu tragen, daß wir uns unserer Vorfahren nicht zu schämen brauchen, daß wir vielmehr, auch durch die gehässigen Strömungen der Gegenwart unbeirrt, mit Genugthuung erkennen, daß die Hoheit unseres Gottesglaubens und die Reinheit seiner Lehren von keiner anderen Religion übertroffen werden. Gm jüdischer Neligionsphilosopl) unseres Jahrhunderts. Vortrag von Professor Dr. H. Steinthal. Hochverehrte Anwesende! ^»s beredtem Munde ward im vergangenen Herbst in einer Versammlung des Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur der Ausspruch gehört, „die historische Forschung gehöre dazu, daß man ahne, welche Bedeutung das Judenthum im intelligibeln Haushalt der Menschheit habe." Wie nun die Universal- Geschichte in die Philosophie mündet, so die Geschichte des Judenthums in die jüdische Religions-Philosophie. Diese soll den Geist des Judenthuiiis darlegen, wie er zu allen Zeiten in der Geschichte lebte, mehr oder weniger erhellt oder verdunkelt, doch immer erkennbar und offenbar; sie soll also die Bestimmung und Aufgabe des Volkes Israel unter den Völkern zeigen, wie dieselbe für einst und jetzt ihre Geltung hatte und noch hat. Das Allgeineiue spiegelt sich freilich im Einzel-Geiste immer nur individuell ab, ohne daß das Bild darum ein falsches würde. Zwei große Maler geben von derselbe» Person zwei vielleicht sehr verschiedene Bilder, welche dennoch beide ähnlich sind. Zunächst eine» kurzen historischen Rückblick. Die Mcndelssohn'sche Schule verhielt sich zum Judenthum ähnlich wie die Philologen in der Zeit der Renaissance zum Christenthum, fast feindlich, der eine mehr, der andere weniger. Man wollte eintreten in den deutschen Geist, der gerade damals einen hohen Aufschwung genommen hatte und mußte sich von dem mittelalterlich jüdischen Geist abwenden. So lauge jenen Männern Kant, Goethe und Schiller als Leitsterne leuchteten, wäre dies vielleicht ohne Gefahr geblieben. Sehr bald aber folgten ihnen die Romauticisten, welche in oberflächlichen! Wissen und in beklagenswerther Charakter-Schwäche mit der Wahrheit liebäugelten und alle Jrrthümer pflegten. Sie mißachteten Kant und Schiller, sie rühmten Goethe und Shakespeare, ohne diese oder jene zu verstehen. Unsere jüdischen Frauen wurden von solchem Geflimmer geblendet, und die Männer folgten. Einen Vortheil aber brachte der Romanticismus: er lenkte die Aufmerksamkeit auf die Geschichte, indem er für alles Menschliche die Theilnahme nährte; und aus dem falschen Jntereffe, mit dem mau begann, erwachte in ernsteren Männern bald die echte Forschung. So erstand eine große Philologie der beiden alten klassischen Völker, und in Zusammenhang mit den politischen Ereignissen erwachte ein deutscher Patriotismus in einer Stärke und Ausdehnung, wie ihn das deutsche Volk schon lange nicht mehr gekannt halte. So versenkte man sich in das Mittelalter und in indische Spetulation. Dieser Geist ergriff auch die Juden allmählich seit dem zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts. Wir sind gewöhnt, und mit Recht, Leopold Zunz als den Gründer der historischen Wissenschaft des Judenthums anznsehen. Es schloß sich ihm so Mancher an, und es dauerte länger als ein Jahrzehnt, bis sich die Spreu vom Weizen gesondert halte, der gediegene Charakter vom sittlichen Schwächling, der Kämpfer für Recht vom Streber. Bedenkt man diese beiden Grundtriebe für die Entwicklung des deutschen Nationalgeistes, das Erwachen des historischen Sinnes und eines an der Verehrung des Mittelalters gepflegten Patriotlsmns, und zumal wenn man nicht unbeachtet läßt, daß auch anderwärts, namentlich in Frankreich, wenn hier anch unter modisizirten Umständen, ebenso Studium der Geschichte des Mittelalters mit hoher Achtung vor dessen Geistes-Erzengnissen und ganzem Leben emporkam, so wird man eine Doppel-Erscheinung unter den Juden begreifen: erstlich das starke Ueberwiegen der historischen Forschungen der Juden, die sich fast nur über das jüdische Mittelalter erstrecken, und zweitens, etwa seit der Mitte der dreißiger Jahre, das Auftreten einer romanticistischen Orthodoxie. Letztere hätte freilich schon friiher auftreten können, nämlich sogleich mit dem Beginn wissenschaftlicher Bestrebungen der Juden, also gleichzeitig mit Zunz oder noch vor ihm. Jndeffen der Gedanke, daß „bei unbedingter Glanbenstreue inniger Anschluß an die Kultur und Wissenschaft", wie die Losung der orthodoxen Juden lautete, auch nur zugelassen, geschweige gar „gefordert" werden könne, ist in sich so widerspruchsvoll und im Sinne des vorigen Jahrhunderts auch thatsächlich so gefährlich, daß die alte jüdische Gläubigkeit, wie sie in einem Akiba Eger und Moses Sofer lebte, denselben unmöglich hätte fassen können. Wie ganz und gar romanticistisch dieser Gedanke ist, sieht man daran am deutlichsten, baß Männer, welche in Wahrheit und thatsächlich ganz außerhalb des Jndenthuins standen, weder Glanbenstreue hatte», noch nach jüdischem Gesetz lebten, daß anch solche Männer, Hand in Hand mit dieser modernen Orthodoxie, das Judenthum, gerade so wie dasselbe im vorigen Jahrhundert stand, erhalten wissen wollten, wie wir Mumien oder Ruinen er-