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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-15 · Heft 11 (15.3.1895) · p. Seite 125

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 11 (15.3.1895)
Date
1895-03-15
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
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125 als die Wirthe und Herren in Indien. Ebenso betrachten sich eine Hand voll Deutsche in den großen asrikanischen Kolonien. Eine kleine Anzahl Europäer kamen als Gäste nach Amerika — jetzt sind sie Wirthe und allmächtige Gebieter." „Der Vergleich hinkt, Herr Doktor; diese kamen gar nicht als Gäste, sondern als Eroberer und herrschten vermöge der Macht und Gewalt, welche ihnen die Heimath und die überlegene Intelligenz verleiht. Die Juden aber sind als Gäste gekommen und sind Gäste geblieben bis aus den heutigen Tag." „Als Gäste gekomnien — zu wem?" „Zn wem? Nun, zu den Wirthsvölkern!" „Ja, sehen Sie, das ist es, was ich mit aller mir zu Gebote stehenden Entschiedenheit bestreite." „Da bin ich doch neugierig zu vernehmen, mit welchen Gründen Sie das bestreiten wollen oder können." „Mit welchen Gründen? Mit Gründen, die außerordentlich nahe liegen und aus jeder Zeile der Weltgeschichte herauszulesen sind. Gestatten Sie mir eine Frage: Sie betrachten sich doch auch als ein Glied dieser Wirthsvölker?" „Ganz gewiß!" „Nun gut! Sind Sie denn und das Wirthsvolk, zu welchem Sie zu gehören vorgeben, wie das Gewächs des Feldes, wie der Baum des Waldes aus dem Boden herausgewachsen, oder sind Sie auch neu eingewandert? Sie frage ich absonderlich, denn wie mir ihr Name andeutet, scheinen Sie zu den hier eingewanderten Salzburgern zu gehören." „Allerdings! Meine Vorfahren waren Salzburger." „Also Ihre Vorfahren sind aus dem Salzburgischen und meine Vorfahren sollen aus Kleinasie» hier eingewandert sein. Ist denn das rum nicht einerlei. Da wären wir ja nach Ihrer Theorie alle Beide hier zu Lande nur Gäste." „O, das ist denn doch ein großer Unterschied. Kommen meine Vorfahren auch aus einem ganz andern Staatengebiete, so gehörten sie doch zu der großen deutschen Nation. Sie kamen zu ihren Stanunesverwandten und man hat sie gernwillig als Glieder des Volkes betrachtet, welche ich als Wirthsvolk bezeichnete." „Mag sein! Trotzdem ist diese Auffassung eine irrthümliche. Ihre Vorfahren kamen aus dem Salzburgischen. Allein woher die Vorfahren Ihrer Vorfahren kamen, das wissen Sie nicht; Sie wissen auch nicht, ob diese Germanen Romanen, Slaven oder vielleicht gar Semiten gewesen sind. Und ein Jeder, der mir gegenüber tritt und meine» persönlichen Stand als blos geduldeter Gast Herabdrücken will, dem antworte ich ganz ebenso: Bist Du denn hier aus dem Boden heransgewachseu? Sind nicht Deine Vorfahren, so gut wie die meinigen hier eingewandert? Weißt Du denn, wo die Wiege Deines Abraham gestanden, und in welchem Waldesdickicht dort in Mittelasien derselbe das Licht der Welt erblickt hat? Und toenn ich behaupte, daß meine Vorfahren weit eher als die Deinigen hier gewohnt, geweilt und gewandelt — kannst Du es widerlegen? Der einzige Unterschied zwischen mir und Dir ist nur der: Ich weiß, woher ich gekommen bin, und Du weißt es nicht." „Mein lieber Freund, drehen Sie und wenden Sie die Sache wie Sie wollen: Ich bin ein Deutscher, und hier ist m e i n Vaterland!" „Mit demselben Recht behaupte aber auch ich: Ich bin ein Deutscher und hier ist mein Vaterland." (Schluß folgt.) Frühlingswehen in Israel. Von Rechtsanwalt Dr. Mann in Stettin. er Unterricht der Juden hatte sich Jahrhunderte lang auf religiöse Gebiete beschränkt. Erst in diesem Jahrhundert ist den Juden in ausreichendem Maße Gelegenheit geboten, I die allgemeinen Volksschulen, die Gymnasien und Universitäten zu i besuchen. Hiervon machte man überall so starken Gebrauch, daß die , religiöse Bildung zurücktrat; inan warf sich mit solchem Eifer auf , die freigelegte Bahn der Wissenschaften, daß man keine Zeit zur j Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte und Litteratur übrig hatte, i So kam es, daß seit Jahrzehnten Jiinglinge und Jungfrauen ohne! oder im günstigsten Falle nur mit geringer religiöser Bildung heran-; wuchsen. Die Kenntniß des Judenthums beschränkte, sich bei den j Meisten auf das, was sie im Elteruhause u»d iiu Gotteshause vor! sich gesehen hatten. Nun endlich ist ein Umschwung eiugetreteu. Die Männer und j Frauen fangen au, mit aufrichtigem Bedauern die Lücken ihrer - Bildung zu empfinden. Das Verdienst, das Interesse für das! Judeuthum neu belebt zu haben, gebührt in erster Reihe den j Rabbinern, die, trotzdem ihre mahnende Stimme so oft verhallte, nicht müde wurden, immer von Neuem auf die erhabenen Lehren des Judenthums und die hohe Bedeutung der rechtzeitigen Unter-! Weisung der Juden in dieser Lehre hinzuweisen. In diesem Streben i wurden die Rabbiner durch die gesammte jüdische Presse, die, unj geachtet ihrer verschiedenen religiöse» Standpunkte, das Studium der jüdischen Geschichte und Litteratur ihren Lesern dringend ans Herz legte, wesentlich unterstützt. Als ersten sichtbaren Ausdruck dieser i Bestrebungen kann man die in den letzten Jahren zahlreich ins Leben getretenen Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur bezeichnen. Durch die in diesen Vereinen gehaltenen Vorträge über die verschiedensten Gebiete jüdischer Geschichte und Litteratur wurde die Anregung zum eigenen Studium in weitere Kreise getragen. Auf fruchtbaren Boden waren die Samenkörner gefallen; gleichwie aber der nur strichweise urbar gemachte Erdboden ohne eine planvolle regelrechte Bestellung keine gleichmäßig ersprießliche Saat hervorbringt,; so konnten die ernstlich nach Belehrung und Erkenntnis; Strebenden i durch diese Vortrüge nicht voll befriedigt werden. Es fehlten in zu ' hohem Grade die Grundlagen der Kenntnisse der jüdischen Geschichte, welche eigentlich als vorhanden hätten vorausgesetzt werden müssen. ■ Diesem Mangel abzuhelfen, sind in Stettin fünfzehn Herren, Juristen und Mediziner, zusammengetreten und haben den Rabbiner der Gemeinde, Herrn Dr. Vogelstein, gebeten, sie in akademischer Weise ' durch eine fortlaufende Reihe von Vortrügen sozusagen durch ein Privatissimum in die politische und religiöse Geschichte des Juden- : thums einzuweihen. Aus wohlerwogenen Gründen hat inan sich zunächst auf diesen kleinen Kreis beschränkt, allerdings von vornherein mit der Absicht, falls dieser Versrich von Erfolg sei, im nächsten Winter in ähnlicher Weise einen Cyklus von öffentlichen Vorträgen für Herren und; Damen zu veranstalten.! Herr Dr. Vogelstein hat in bereitwilligster Weise der an ihn gerichteten Bitte entsprochen und am Sonntag den 6. Januar 1895! i„ den Büreau-Räumen des Unterzeichneten den ersten Vortrag ge- : halten. j Bisher haben zehn Vorträge, jeden Sonntag von 5—6 Uhr, l stattgefunden, in denen die Religionsgeschichte Israels von der Besitz-! ergreifung Kanaans bis über die Zeit der großen Synode hinaus in gedrängter Kürze, aber übersichtlich und faßlich, dargestellt, die Wirksamkeit und Bedeutung der Propheten nachdrücklichst hervor-

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