Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1895)
- Date
- 1895-03-15
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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124 „Und was treiben Sie denn jetzt? Arbeiten Sie schon am vierten Bande Ihrer Metaphysik? Wissen Sie," fuhr er fort, ohne meine Antwort abznwarten, „ich sollte meinen, es wäre schließlich doch besser gethnn, wen» Sie, anstatt diesen metaphysischen Grübeleien nachzuhänge», sich eifriger mit der Wissenschaft des Judenthums beschäftigen wollten. Das ist ein ganz unerschöpfliches Feld. Auch verlangt heute Ihr hartbefehdetes Volk von einem jeden gebildeten Juden, daß er sich der Vertheidigung desselben mit aller Kraft widme. Sehen Sie, das wäre nach meiner Meinung das rechte Feld für Ihre Thätigkeit." „Sie mögen nicht ganz Unrecht haben," erwiederte ich, „allein Sie wissen doch, wir gehen Alle, ivohin uns der Geist treibt. Die Wissenschaft des Judenthnms hat, sollte ich meinen, Bearbeiter und Vertreter genug, nicht allein unter den Inden, sondern auch unter de» Christen. Männer, die weit besser als ich hierzu geeigenschaftet sind. Und wenn es die Vertheidigung meines Volkes und Glaubens galt, da habe ich mich wahrlich nie feige verkrochen, besonders wenn es galt, gegen das schwere Unrecht anzukämpfen, welches den Juden angethan wirb, indem man fite das Vergehen des Einzelnen stets die Gesammtheit verantwortlich machen will. Die Juden und die Mäuse, pflegte mein Vater, seligen Angedenkens, zu sagen. Da kommt ein Brod auf den Tisch, das von irgend einem Mäuschen angefressen ist. Gleich zanken Alle: die Mäuse, die Mäuse!" „Wundert Sie das?" entgegnet« der Geistliche, „mich nicht! Recht ist es ganz getviß nicht, daß man für das Vergehen oder Verbrechen des Einzelnen alle Juden haftbar machen will; allein berechtigt ist solches in jedem Falle." „Ans Ihrem Munde, lieber Nachbar, überrascht mich dieser Ausspruch im höchsten Grade. Also recht nicht, aber berechtigt, — wie soll ich das verstehen?" „O, nichts einfacher als das. Gesetzten Falles, Sie Hütten an einem fremden Orte, in einem fremde» Hause mit Ihrer gesammten Familie gastfreie Aufnahme gefunden. Nehmen wir an, einer von Ihren fünf Söhnen hätte sich eines schweren Unrechts zu schulden kommen lassen. Würden Sie es dem Hauswirth verdenken können, wenn er für dieses Unrecht die ganze Familie verantwortlich machen wollte. Würden Sie und alle die Ihrigen sich selbst nicht auch schwer bedrückt fühlen? Ganz in derselben Lage befinden sich Ihre Glaubens- und Volksgenossen den europäischen WirthsVölkern gegenüber. Ich weiß es wohl, es ist ein schweres Unrecht, Unmögliches und Unmenschliches zu verlangen, daß unter sechs bis sieben Millionen Menschen sich kein einziges, nichtsnutziges und verdorbenes Subjekt befinden solle; allein Gast bleibt Gast, — der Wirth verlangt absolutes Wohlverhalten aller seiner Gäste." „Also auch Sie haben sich diese Theorie von den „Wirthsvölkern" augeeignet. Ich muß Ihnen gestehen, wenn mich diese Vorhaltung unvorbereitet getrosten hätte, so würde ich vielleicht verstummt und verstimmt, kein Wort der Entgegnung in Bereitschaft haben. Allein diese Theorie ist nicht mehr neu. Schon vor etwa 15 Jahren hat ein Pseudophilosoph, Lazar Hellenbach, i» einer Schrift gegen die Juden die „Wirthsvölker" in den Kampf eingeführt, und einer der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart, E. v. Hartmann, hat in seinem Bliche: „Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft", diese Theorie übernommen und ein ganzes System darauf aufgebaut. Eine gefährliche Theorie, das muß ich gestehen, — wenn ich einen Gast habe und seine Nase gefällt mir nicht, nun, so sage ich doch, mach' daß du fortkommst, hier hast du nichts zu suchen. Es kommt nur darauf an, ob diese Theorie richtig ist." „Richtig ist sie jedenfalls," erwiederte der Geistliche; „allein man sollte darüber hinwegsehen. Ihr Volk hat eine große Mission, vielleicht die größte unter allen Völkern der Welt, vollbracht. Aus dem Schooße des Judenthums ist das Christenthum hervorgegangen; das »vollen und sollen wir nie vergeffen. Und tver weiß, ob die Mission Ihres Volkes damit schon beendet tvar. Wir sind zwar gute Christen, ob aber auch gute Menschen? — das habe ich stets bezweifeln müssen. Da haben wir nun noch sehr Vieles zu lernen; das aber können wir am besten, wenn nicht von Ihrem, so doch an Ihrem Volk. An unfern Gästen können wir lernen: Verträglichkeit, Milde der Gesinnung, Achtung aller menschlichen Kreatur, nachsichtsvolle Duldsamkeit, Sünftigung und Sittigung aller noch ungebändigten Triebe und Begierden, und hierzu war kein Volk besser geeignet, wie das Ihrige — nicht nur seiner Tugenden, sondern »och mehr seiner Untugenden wegen. Wer weiß, ob es nicht im Heilsplane der Vorsehung gelegen, daß die übrigen Völker Ihr Volk als Gast aufnehmen mußten. Allein ich kann mir nicht helfen — Sie kommen aus einem fernen und fremden Laude hierher gewandert, sind Gäste dieses Landes und haben sich hiernach zu betragen, und wir werden das Gastrecht zu respektiren haben, selbst wenn sie uns diese Aufgabe auch nicht gerade leicht machen sollten." „Sie reden da immer von meinem Volke. Sind >vir denn noch ein Volk oder nur eine Religionsgenoffenschaft?" „Eine Religionsgenossenschaft? möglich; als solche sind sie mir nicht gerade gleichgiltig, aber völlig bedetitungslos. Alle Bedeutung, die der Jttde, der einzelne und die Gesammtheit, »och für uns hat, bezieht sich auf „das Volk der Juden". Und ich sollte meinen, der Jude habe gar keine Veranlassung, sein Volk und seine Zugehörigkeit zu diesem Volke zu verleugnen. Wer hat eine solche Vergangenheit | gehabt, wer so viel große und tapfere Männer hervorgebracht, wem ist eine so gewaltige und unvergleichliche Weltmission zu Theil gelvorden, wer hat seinen Volksstamm so rein erhalten, wie eben dieses Volk der Juden? Was wäre denn Ihr Glaube ohne Ihre Volksgenosseuschaft? Rein gar nichts! Haben Sie denn überhaupt noch ein weiteres Bekenutniß, als: Ich bin ein Jude!? Und welch eine Summe von höchster Erkenntniß und Glaubenstreue, Märtyrermuth und Kraft der Welterlösung steckt in dem einen Bekenntuißtvort: Ich bin ein Jude! Der Jude, welcher sein Volk, seine Nation, seine Abstammung verleugnen oder als abgethan tmd aufgegaugen i» anderen Nationalitäten und Volksgenossenschaften betrachten könnte, der ist in meinen Augen ein ganz erbärmlicher Mensch. Ich glaube nicht, daß ich Sie, lieber Doktor, zu dieser Sorte von Menschen rechnen darf." „Wie ich mich zu dieser Auffassung stelle und verhalte, thut nichts zur Sache, Herr Superintendent, nur Eines hätte ich gewollt und gewünscht, daß Sie die gesummte Judenheit Hütten sprechen hören. Allein halten wir diesen Standpunkt fest — mein Volk wäre bei dem Ihrigen, wie auch bei anderen Völkern zu Gaste. Wie wäre es nun, wenn wir einmal den Spieß umkehren und behaupten wollten, Ihr Volk, sowie auch die anderen Völker wären bei dem unsrigen zu Gaste. Die geringe Verhältnißzahl der Unsrigen thut nichts zur Sache. Der Wirth ist immer nur ein Einzelner, der Gäste, die bei ihm ein- und ausgehen, sind es aber sehr viele. So kann auch das kleine Volk sehr gut als der Wirth des großen Volkes betrachtet werden." „Das kann doch wohl Ihr Ernst nicht sein, behaupten zu wollen, daß die Juden im Stande des Wirthsvolkes der großen deutschen Nation gegenüber sich befinden könnten." „Es ist auch mein Ernst nicht; ebensowenig aber kann ich es als Ernst betrachten, wenn man die anderen Nationen in Bezug auf die Juden als die Wirthsvölker hinstellen will. Die Größe macht's doch nicht aus. Eine Hand voll Engländer gebehrden sich