Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1895)
- Date
- 1895-03-08
- Page
- Seite 119 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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119 „Sehr gern," meinte Bär, zog sein Notizbuch ans der Seitentasche seines Rockes, entnahm demselben sechs Fünfmarkscheine und übergab sie Pumper. Dieser empfahl sich hierauf mit kurzem Gruß. Nachdenklich kehrte Leiserowitz in seine Geschäftsräume zurück. Die Leipziger Messe war vorüber. Gut, daß sie vorüber war, denn Bür Leiserowitz war diesmal nicht ganz und voll dabei. Die Vorsteherwürde hatte es ihm angethan. Sie war es, die sich in jedes Geschäft, es mochte sein, welcher Art es wollte, cinmischte, sie war es, die ihm immer wieder und wieder in den Sinn kam und den berechnenden, überlegenden Verstand nicht zu seinem Rechte kommen ließ. Er tvar wohlbehalten zurückgekehrt. Ob zusriederr oder nicht zufrieden mit den gemachten Geschäften — konnte es diesmal darauf ankonnnen? Eins wußte er bestimmt: die Vorstandswahl stand vor der Thür. Seine Frau Leah bewunderte seinen Gleichmuth. Das geschäftliche Interesse ging ihm sonst über Alles. Er war sonst bei der Heimkehr von der Messe wochenlang, wie man zu sagen pflegt, ungenießbar. Und heute! Wie gefügig war er in seinem Umgang mit Andern, wie zärtlich ihr als Gatte gegenüber! In der ersten Repräsentantenversammlnng kam die Vorsteherwahl bereits zur Besprechung. Denn wen» auch Kornbacher noch einige Zeit in L. verblieb, so war doch jedenfalls die Nothwendigkeit vorhanden, für dessen spätern Ersatz zu sorgen. Bür Leiserowitz hatte nunmehr Gelegenheit, die Anwesenden zu mustern, aus deren Mitte der zu wählende erste Vorsteher, der erste Mann in der Killah, hervorgehen sollte. Wie er sie da so sitzen sah, fand er bald heraus, daß Keiner von Allen in dem Grade dieses wichtige und verantwortliche Amt zu versehen geeignet war, wie er selbst. Jedem, außer ihm, schien, seiner Meinung nach, etwas anzuhasten, was einem Vorsteher kaum anstehen dürfte. Da war z. B. Feibel Gitelmann, den wohl seine Intelligenz, sein richtiges Verständniß für Gemeindesachen zrun Vorsteher geeignet machten. Aber, du mein Gott, wie sprach, wie redete er, wie brachte er das, was er zu sagen hatte, hervor! Ganze Minuten gingen dahin, bevor ein Wort sich zum andern fand, lind ein längerer Vortrag von ihm mußte, nach Bür's Meinung, die ganze Zeit von Pessach bis zu Rosch haschonah verschlingen. Dort, der Isaak Rehberg und Jakob Gutwal — sie waren sonst brauchbare Menschen, allein welch' jämmerliche, körperliche Erscheinungen boten sie dar! Der Eine, dünn und fein, wie ein Zwirnsfaden, der Andere, dick und breit, wie ein Sabbathstriezel — hier war.'absolut die Vorsteherwürde ohne Vergewaltigung nicht anzubringen. Und in gleicher Weise wußte Leiserowitz auch die Andern, theils der geringen Abgaben wegen, die sie zahlten, theils ihres Geizes halber, wenn es sich um ein Geldopfer handelte, als zur Vorsteherwürde ungeeignet, abzufertigen, und es blieb dann in der That er allein nur übrig. Immer kam er wieder darauf zurück, daß er, ja nur er der Geeignetste für den zu besetzenden Posten sei. Von diesem Bewußtsein durchdrungen und von den besten Hoffnungen erfüllt, das von ihm so lange vergebens erstrebte Ziel zu erreichen, kam er in sehr gehobener Stimmung »ach Hanse, wo ec alles das, worüber er sich sonst zu ärgern pflegte, in der schönsten und besten Ordnung vorfand. Und er hatte sich nicht geirrt; er wurde in der nächsten Sitzung mit ziemlicher Stimmenmehrheit zum ersten Vorsteher gewählt, — er war nun der erste Mann in der Killah. Es hatte Vieles dabei mitgewirkt, das gerade nicht auf Rechnung seiner besondern Verdienste, seiner sonstigen Tüchtigkeit, ja nicht einmal seiner persönlichen Erscheinung zu setzen war. Vor Allem hatte Heiman Pumper durchaus nicht in großer Selbstlosigkeit manche Stimme für ihn gewonnen. Dann traten auch andere Umstände hinzu, die ihm zu Gute kamen. Der Eine der Wählenden war in pekuniärer Hinsicht abhängig von ihm, der Andere stand mit ihm in geschäftlicher Verbindung. Dann gab es einen Konsin von ihm, einen zweiten von seiner Frau in der Versammlung — kurz, er wurde gewählt. Er war nun der erste Mann in der Killah. Er stand oben am Szefer, vertheilte die Ehrenrechte, empfing die Danksagungen dafür lind heimste überhaupt alle die Ehrenbezeugungen ein, die man gewöhnlich dein ersten Vorsteher zu Theil werden läßt. Bär Leiserowitz schwelgte im Entzücken. Noch rechnete er nicht mit den Pflichten, Beschwerden und Annehmlichkeiten, die er mit dem erlangten Amte übernommen. Allein sie blieben nicht aus. Mochte es sein, daß Leiserowitz gedacht: Wem der liebe Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch den nöthigen Verstand dazu. Dann hatte er sich freilich verrechnet. Unserem Manne fehlte das Verständniß und auch das nöthige Geschick, um sich in dem übernommenen Posten zurecht zu finden. Es war in demselben nicht blos um das „Stehen beim Szefer" zli thun, cs handelte sich nicht blos »in den Vorsitz in den Vorstandssitzungen, sondern es traten auch Forderungen an ihn heran, die in ihrer Bedeutnng und Wichtigkeit ihm über den Kopf wuchsen und die ersten Schatten auf das übernommene Amt fallen ließe». Bald war es das Verlangen der Regierung, ihr Ausschluß über diese oder jene Geineindeangelegenheit zu geben, bald betraf es einen Streit mit der städtischen Behörde wegen der Erweiterung des jüdischen Kirchhofes, bald kamen Anfragen vom Landrath betreffs der Besteuerung der im Kreise wohnenden Juden. O, es schwindelte Leiseroivitz bereits, der durchaus das Zeiig dazu nicht besaß, solchen Verhandlungen mit den Behörden die nöthige Foriii zli geben, — ec war kein Mann der Feder. Seine Korrespondenzen reichten bisher niemals über den Bereich seiner geschäsllichen Verbindungen hinaus, und denen war er gewachsen. In der ersten Zeit war ihm Kornbacher dessen Uebcrsiedelimg nach Berlin sich uni einige Monate verzögerte, bei Erledigung von dergleichen Aiigelegenheiten behilflich und bewies ihiii hierdurch, daß er vielleicht über Manches hinivegkam, was unserem Bär ivie ein iinübersteigbarer Berg erschien. Nach dem Fortzuge Kornbachers aber hatte der gewühlte Vorsteher seine liebe Nvth. Und nun erst gar die inneren Angelegenheiten der Gemeinde, ob reformiren oder nicht. Leiserowitz selbst sagte sich, daß es ihm gleich bleibe, ob in alter Form gebetet, oder ob Neuerungen, wie Ehorgesang und Orgel, einzuführen seieii. Ihm blieb es gleich. Allein da war ziierst Kalman Krächzer bei ihm, der Geivalt schrie, daß der Kantor jüngst ein Stück Pint ansgelassen, das ihm ans Herz gewachsen sei, und daß diese „Ausgelassenheit" des Gcbetstückes, wie sich der Geängstigte ausdrückte, ihn ins Grab bringen werde. Leiserwitz beruhigte ihn, und gab ihn die Versicherung, daß solches niemals mehr Vorkommen werde. (Fortsetzung folgt.)