Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1895)
- Date
- 1895-03-08
- Page
- Seite 118 (sequence 10)
- Language
- German
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118 Menschenherzens; die Ausgleichung liege in der Erkeuntmß der Natur und der Sclbslbescheiduiig auf ein stilles Glück: „Ich liebe dich und bin cs mir bewußt", i» diesem Zuruf a» die Geliebte lösen sich dem Dichter die Dissonanzen der Welt. So der Hauptgedanke, dem freilich Anderes cutgegensteht; die Skizze ist unklar, die geschraubte Sprache steigert diese Unklarheit. An argen Geschmacklosigkeiten fehlt cs nicht, so >vird die weiße Hand der Mutter immer „die fromme Mitchhaud" genannt u. s. w. lFortsetzung folgt.) e_ m — JfWJUl!“ I— — I-! 1 FEUILLETON #• i — -^-, 1—1 Der erste Mann in der Gemeinde. Humoreske von Moritz Scherbel. J^?r hatte Alles daran gesetzt, um etwas i» der Killah zu werden, er, Bür Leiserowitz, der Mann mit der laugen, hageren Gestalt, dem eckigen Gesicht und den laiiggeschlitzten, ewig in Bewegung sich befindende» Augen, seines Gewerbes Rauchwaarenhäudler. Er hatte Alles daran gesetzt. Und darunter verstehen >vir »eben! Anderem: das Anerbieten größerer Steuerbeitrüge zu zahlen, als lvie man ihm aufgelegt. Gewiß ein Unikum in unserer Zeit der i Steuerproteste. — Ferner spendete er in reichster Munifizenz, wenn er zur Thora gerufen wurde, und endlich honorirte er die Gemeindebeamteu bei vorkvmnrenden Gelegenheiten in fürstlicher Weise. Dabei lwie er sich selbst sage» mußte) die Grandezza in seiner Erscheinung, die sicher noch von keinem Vorsteher irgend einer Gemeinde erreicht worden, der jemals oben am Szefer „Szcgen gestanden" hatte. Dieses Alles hatte ihm freilich einen Sitz im Reprüsentanten- Kollegium eingetragen. Allein der Ehrgeiz von Leiserowitz blieb dabei nicht stehen. Mehr wollte er werden, Höheres erlangen; — ja. erster Vorsteher der Gemeinde uitb damit der erste Mann in der Killah zu werden -- das war das letzte Ziel seiner Wünsche. Allein sein Ringen danach war bis jetzt vergebens gewesen. Immer von Neuem wählten die Berbteiideten Elias Kornbacher, der klein, mager und unansehnlich, so wenig die Vorsteherwürde z» reprüsentiren vermochte, der trotz des hohen Cylinders, den er trug, nicht über das Betpult hinausragte, wenn er „Szegen" stand, und an dem nichts Besonderes mehr war, wie Bär Leiserowitz meinte, als der breite Kopf und ein Mundwerk, das sich in allen Lagen und Dingen zurecht zri finden verstand. Und das sollte der erste Vorsteher in der Gemeinde, der erste Mann in der Killah sein! Bär Leiserowitz glaubte sich schämen zu müssen, einer solchen Gemeinde anzugehören, die einen Vorsteher besaß, der ihm gegenüber wie der Eßrog zum Lulaw sich verhielt. j Wohl, er selbst war Repräsentant. Allein, was wollte die Bej dentnng eines solchen Genieindevertreters besagen im Vergleich zu der | Würde des ersten Vorstehers, der geivissermaßen Inhaber eines synagogalen Poteutats ist und eine Art Bisniarckischer Autorität zu vertreten hat! Es war kurz vor der Leipziger Messe, und da gab es für Leiserowitz mehr zu thuu als in den übrigen Zeiten des Jahres. I» diesen Tagen kam die Sehnsucht nach der Vorsteherwürde weniger bei ihm zum Durchbruch. Leiserowitz befand sich in seinem Lagerräume. Er zählte, sortirte und berechnete eben sehr eifrig, als es plötzlich zur Thür hereintönte: „Papa, Papa, Herr Heiman Pumper will Dich sprechen!" Diese Anmeldung geschah von der zehnjährigen Tochter Bärs. „Sage ihm, daß ich nicht Zeit habe," wehrte der Vielbeschäftigte ab. „Er hat Dir eine wichtige Mittheilung zu machen," kommt die Kleine nach zwei Minuten wieder. „Wichtige Mittheilung? Pah, was kann cs sein?" — denkt Bür bei sich und führt dann im Selbstgespräche fort: „wenn er sonst herkommt, geschieht es ja doch nur, um Geld zu borgen." —- „Er möge in einer Stunde wiederkonnnen," replizirt er seiner Tochter. Doch zum dritten Male erscheint dieselbe auf der Schwelle. „Er sagt, daß er Dich augenblicklich sprechen muß, und zwar in einer sehr dringenden Angelegenheit." „Nun, ich komme gleich." hatte Leiserowitz darauf zu erwicder», und fünf Minuten darauf stand er vor Heiman Pumper. Was wir von diesem Mann zu sagen haben, ist, daß er von der Narrheit Anderer lebt, sich von ihr ernährt, sie ausbeutet und in einer Weise für sich zum Nutzen verwendet, daß er rein von diese» Geschäften sich zu erhallen vermochte und einem andern Berufe nachzugehen durchaus nicht für nöthig fand. „Ich bringe Euch, Herr Leiserowitz, eine Nachricht, die für Euch nicht mit Geld nuszuwiegen ist." Und diese Nachricht? Nur schnell, lieber Pumper, ich habe nicht Zeit, die Haare brennen mir auf dem Kopfe." „Elias Korubacher zieht fort von hier — und wir werden wohl in die Lage kommen, einen neuen Vorsteher wählen zu müssen." Bür Leiserowitz fuhr überrascht auf, während ihn Pumper schelmisch fixirte. „Er zieht fort von hier? Und wohin? „Nach Berlin." „Wisset Ihr das sicher?" „Ob — so sicher, wie ich jetzt vor Euch hier stehe." „Wann zieht er fort?" „Zn Michaelis." „Freilich, da wird wohl ein anderer Vorsteher gewählt werden müssen, die Regierung würde dazu nicht schweigen, wenn cs nicht geschähe. Es kommt nur darauf an, wer dann zu wähle» sein wird, und wen sie wählen werden." „Der Vorsteher wird ja doch wohl von de» Repräsentanten gewählt, ist dem nicht so?" „Gewiß." „Nun, so haben wir ja doch auch ein Wörtchen mitzurcden," meinte Pumper, der, durch Freunde hineingebracht, sich bereits seit Jahren im Reprüsentanten-Kollegium befand. „Ich, für meine Person, weiß heute schon, wen ich wählen werde." „Und der wäre?" „Wie Ihr noch fragen könnt. Giebt es wohl einen Bessern, einen Würdiger» als der, den sich Bür Leiserowitz nennt?" Dieser schmunzelte und meinte mit einem Anfluge von Bescheidenheit: „Es giebt noch Andere, die sich dazu eignen. Alle j denken doch nicht so wie Ihr." j „Doch; — ich glaube, daß Ihr Unrecht thut, an Eurer Wahl! zu zweifeln. Indes; möchte ich jetzt nicht weiter stören. Was ich! doch sagen wollte: Möchtet Ihr nicht die Giite haben, mir dreißig Mark bis zu vierzehn Tagen aus der Hand zu leihen? Ich habe Geld an allen Orten ausstehen, aber Niemand denkt an Zahlung."