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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-08 · Heft 10 (8.3.1895) · p. Seite 117

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 10 (8.3.1895)
Date
1895-03-08
Page
Seite 117 (sequence 9)
Language
German
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117 Empfindungsweise von vornherein fremdartig ist und mühsam verstanden sein will. Man kritisirt mit dem Verstand, aber man dichtet mit dem Gemüth. Ferner aber: verschieden ist anch den Dichtern die Rinde gewachsen, der Eine reift früher, der Andere später. Als Dichter ist Bernstein langsam gereift. Und beides: die Mühe, sich in eine fremde Empfindungsweise hineinzufinden und die Langsamkeit der Entwickelung erweist sich anch an dem zweiten dichterischen Buche Bernsteins, den „Novellen und Lebensbildern", und zwar nicht minder stark und störend. Das 1840 im Verlage der Vereins-Buchhandlung in Berlin erschienene Bändchen vereinigt sieben Stücke, die aber in der Entstehungszeit sicherlich weit auseinander liegen. Denn nicht blos ihr Werth ist ein überaus verschiedener, sondern auch derAufbau, der Stil, die Empfindung. Sehr selten mag ein Buch solche Gegensätze vereinigt haben. Am schwächsten, wohl auch zuerst entstanden, ist die Novelle: „Die Kinder", die Geschichte eines verruchten Kerls, Adolf, der nacheinander zwei Mädchen verfuhrt und ein drittes heirathet. Aus den Verbindungen stammt je ein Kind, welche drei Kinder nun wechselweise von den Müttern geraubt werden, um dann an dem bösen Adolf Rache zu nehmen — wie, ist nicht ganz klar und ebensowenig, was ein anderer schlechter Kerl, Jenke, eigentlich in der Geschichte soll. Schließlich werden alle drei Kinder, nachdem sie toll durcheinander gewirbelt, glücklich wieder zu Stande gebracht, während der böse Adolf am Nervenfieber und der »och bösere Jenke an der Cholera stirbt. Das Ganze macht den Eindruck einer Parodie auf E. Th. A. Hoffinanns Schreckens-Novellen, war aber ein ernstgemeinter Versuch. Nirgendwo eine Spur von Kompositiou, geschweige denn von poetischem Werth; auch die Erfindung ist überaus dürftig; sogar die Situation, in der immer wieder eines der drei Kinder geraubt wird, wiederholt sich. Das wüste Zeug ist offenbar einzig aus dem Wunsche entstanden, arich einmal eine Novelle und zwar, wie dies damals alle Welt versuchte, eine ä In Hoffmann zu schreiben. Charakteristisch und von der Schablone abweichend ist nur eins, die Geschichte spielt nicht blos in einer bestimmten Stadt: in Danzig, der Heimathstadt Bernsteins, sondern schildert auch etwas Selbstgesehenes, eine Weichselüberschwemmung, nicht ungeschickt. Eine zweite Novelle: „Beate", kommt an Wüstheit und Scheußlichkeit des Inhalts der ersten gleich. Diebstahl und Mordbrennerei sind die Pole, um die sich die verzwickte Handlung dreht, eine überaus edle Dirne und ein ebenso wackerer Zuchthäusler die Hauptpersonen, der Schauplatz ist abwechselnd das Zuchthaus und das Haus des Lasters. Zudenr fehlt dieser Arbeit auch der Vorzug des Lokalkolorits, dennoch macht sie einen minder trostlosen Eindruck als die erste, weil doch zum Mindesten der Versuch gemacht ist, ein psychologisches Probleni durchzuführen. Freilich reicht die Kraft noch nicht dazu aus. Die Sprache beider Novellen ist hart, spröde, trocken, und gerüth da, >vo sie einen höheren Schwung nehmen will, iu's Schwülstige und ungewollt Komische. Es ist richtiges „Bochers- Deutsch, wie es inancher Schicksalsgenosse Bernsteins bis ans Lebensende schreibt. Sicherlich nach diesen ganz verunglückten, wohl nur im Drang des Erwerbs geschriebenen Geschichten ist eine dritte, relativ bessere entstanden: „Sohn oder Bruder?" Es handelt sich freilich gleichfalls um vertauschte Kinder, und an bösen Verbrechern, großen Feuersbrünsten, furchtbaren Seuchen, plötzlichen Schlagfliissen und sonstigen Schrecknissen fehlt es auch hier nicht, dennoch ist die Geschichte geordneter erzählt; zu Hoffmann ist als Muster offenbar ein anderer, freilich grundverschiedener Modeerzähler jener Zeit, Zschokke, getreten. Hoffmann und Zschokke — und von dichterischem Werth kann anch bei dieser Geschichte keine Rede sein; dennoch ist in zwei Dingen ein individueller Zug. Zunächst im Stil, wenn arich noch sehr schwach; immerhin findet sich zuweilen eine Wendung, die an den Bernstein der späteren Zeit erinnert, z. B.: „Das offene, bahnlose, überschänuiende Meer erhöht alle Empfindungen, Der Zorn wird hier Wildheit, der Weichmuth bricht in Thränen aus und die Zuneigung wird überwältigende Liebe". Ferner aber ist das Lokalkolorit — abermals Danzig — sehr viel stärker, als in dem ersten Versuch. Der Verfasser bemüht sich — um eine uralte und von den Realisten aller Zeiten erfüllte Forderung der Aesthetik „modern" auszudrücken — die Gestalten insgesammt aus dem „Milieu" herauswachsen zu lassen. Aber er geht noch weiter, so daß ans dem Vorzug ein Fehler wird: die Schilderung des Milieus drängt sich selbstherrlich vor und unterbricht den Fluß der Handlung. Einmal überläßt der Dichter die Feder sogar für ein ganzes Kapitel dem Lokalschilderer: auf ein ivahres Höllenkonzert: „Die Wasserfahrt", folgt eine trockene, aber scharfsinnige „Charakteristik der Stadt Danzig", die auf Geschichte, Handel und Lage der Stadt eingeht, und daun brennen im nächsten Kapitel wieder die beiden Kinder etwas an u. s. w. Die vierte Novelle: „Die Balluacht in Zoppot" erweist nur noch in einzelnen Zügen den Einfluß Hoffinanns; im klebrige» ist sie ganz und gar Zschokke »achgcbildet. Obwohl nun aber der liederliche Berliner Kammergerichtsrath gewiß ein weitaus stärkeres und künstlerisch höheres Talent war als der biedere Schweizer, ist doch des Letzteren Einfluß unserem jungen Aueinpfinder gesunder gewesen, weil er seinem eigenen Wesen mehr entsprach: das Schreckliche hat ihn selber geschreckt, das Liebliche, Idyllische freut ihn. Auch diese Geschichte von dem edlen Gustav und dem noch edlerer Hannchen ist wahrhaftig kein Meistertverk, aber iiber einzelnen Situationen liegt zum ersten Male ein Schimmer von Poesie. Auch ist hier der Versuch gemacht, die Schilderung des Milieus der Erzählung organisch einzuweben, was freilich noch nicht recht gelingen will, klebrigens ist diese Arbeit zugleich die einzige im Buche, in der sich ein schüchterner Anflug von Tendenz findet; die Leute von Hela werden als „arbeitsame, aber leider bigotte Menschen" geschildert, ans weicher „Bigotterie" dann Schlimmes über Hannchen kommt. Die fünfte Arbeit, das Phantasiestück: „Die Göttin", ist in Stil und Erfindung von etwas reiferer Kraft, aber sie kommt dem jungen Autor noch immer alis fremder, stärkere" Hand; diese sonderbare Geschichte von der lebendig gewordenen Vennsstatne im Berliner Antikensaal zeigt in der Erfindung den Stempel Tiecks, im Stil den Heine's — und wie offenkundig! Sofft zwar der Gegensatz zr> den erstell vier Arbeiten ein u»gehe>irer, aber freuen können mir »ns über die Wandlnng nicht, so begreiflich sie auch ist. Auch da folgt der tastende Autor der Mode, daneben verführt ihn wohl die Erkenntniß von der Mangelhaftigkeit seiner ersten Versuche zu dem Trugschluß, cs sei üherhaupt ein Mißgriff gewesen, das Leben seiner Heimathstadt schildern zu wollen; die Wirklichkeit sei unpoetisch. Aber diese nachtwandelnden Marmorbilder und verrückt gelvordeneii Künstler sind nur in einem ganz formalen Sinn '„poetischer", uild der individuelle Stempel fehlt ganz. Hoffmann, Zschokke, Tieck, Heine — welchen Dichter wird der junge Autodidakt »nn lesen und nachahmen? Die sechste Skizze: „Herzenserlösung" giebt die Antwort: es war Jean Paul. Sieht man von eiiiigen Waiidlmigen ab, die Heine'sch klingen, so ist die Skizze ’m Stil eine fast sklavische Nachahmung dieses Dichters. Aber der Inhalt ist doch wenigstens bis zu einem gewissen Grade ein selbstständiger: Zwiespalt sei überall, namentlich Zwiespalt zwischen dem ruhigen Akhmcu der Naturkräfte und dem unruhigen Pochen des

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