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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-08 · Heft 10 (8.3.1895) · p. Seite 116

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 10 (8.3.1895)
Date
1895-03-08
Page
Seite 116 (sequence 8)
Language
German
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1 16 Palästina zurückgekehrten oder von früher hier noch ansässigen j Juden nicht mehr Hebräisch verstanden <vgl. Neh. II, 24), sonder» der Sprache der Nachbarvölker sich bedienten, eine Verdolmetschung der Thora, wohl in araniäischer Sprache, erfolgen mußte. So heißt es im Nehem. 8, 8: „Und sie lasen tut Buche der Golteslehre, erklärt und ausgelegt, daß sie das Vvrgeleseue verstanden", ferner (ebenda 7, 1): „und die Leviten, die das Volk verständigten". Unter dem Ausdruck „erklärt" versteht die Traditio» die Uebersetzuug, das Targnin, die Verdolmetschung. (Hamburger a. a. O. S. 1168). Und nun mochte ich mir zum Schluß noch einelBeinerkung erlauben in Betreff der Predigt bei unserem Gottesdienst. Wie bekannt, nimmt sie, und mit Recht, in diesem, d. h. dem modernen, einen breitem Raum ein, als kam» jemals in früheren Zeiten oder heute noch bei den osteuropäischen Juden und den. Spaniolen im Orient und in Südeuropa. Nur fehlt,tz meiner Ansicht nach, der Predigt unserer gelehrten und gebildeten Rabbiner eins, das uns entschieden noth thut, und das unsere Zeit unbedingt erfordert. Ich meine aber nicht die Form der Predigt, denn die läßt bei einem akademisch und seminaristisch gebildeten Rabbiner nichts zu wünschen übrig, sondern ihren Inhalt. Ich muß aber hinzufügen, daß ich hier nur als Laie spreche,! da ich'nie akiiver Theologe war, noch auch jüdische Theologie im j modernen Sinn stndirt habe, und seit Jahren in einer kleine» Ge-! meinde lebe, die keinen Prediger halten kann; doch weiß ich so viel aus langjähriger Erfahrung, daß vorzüglich zwei Themen den Haupt-! inhalt der meisten jüdischen Predigten bilden, nämlich: die Bedeutrmg der jüdischen Religion und Geschichte für die Gegenwart lmd^der, Kampf gegen , die materialistische Weltanschauung, welch letzteres Thema namentlich ein berühmter Kanzelredner, der vor einigen Jahren verstorben ist, iunner irnd immer ivieder zu wiederholen nicht müde wurde. Aber es ist mindestens ebenso wichtig, daß ein Seelsorger seinen Zuhörern, so zu sagen, ins Gewissen rede, sie ermahne, in Handel und Wandel so rechtschaffen wie möglich zu sein, sowie im öffentlichen und privateir Leben nur ja zum cliilul ha-schem keine noch so geringe Veranlasstuig zu geben. Sollten, meine ich, die immer und immer zu wiederholenden Bitten nud Ermahnungen seitens der Prediger an ihre Zuhörer, auf redlichem und ehrlicheni Wege sich ihr Brod zri verdiene», erfolglos bleiben? Ich glaube nicht. Doch sgenug. Es (würde mich sehr freuen, wenn diese meine unmaßgeblichen Vorschläge einige Beachtung fänden. Arber S. Bernstein. Von Karl Emil Franzos. LV' f'0*1 Bernsteins Ghetto-Geschichten entstanden? Ich sagte schon, welche Wichtigkeit die Beantwortung T'- ^dieser Frage hat: „EirüMann von seltener poetischer Begabung hat in der Jugend nur dichterische Arbeiten von recht geringem Werth geschrieben, schafft dann aber in seinem 46. und 47. Jahre diese herrlichen Geschichten und verstummt wieder, diesmal für immer," — das ist in^der That ein.Phänomen, für das es kein , Beispiel giebt. Versuche» wir, es uns durchwein näheres Eingehen auf Bernsteins inneren Entwickelungsgang zu erklären. Zunächst läßt er sich so an, wie andere junge Poeten: er macht Verse. Das ist nicht anders zu erwarten, mußte vielmehr von dem Verfasser des „Vögele" geradezu vorausgesetzt iverden, so stark ist der Stimmungsgehalt dieser Novelle; das kann mir Einer, zu dessen Begabung auch ein starker lyrischer Zug gehört. Die Thatsache also überrascht wahrlich nicht, wohl aber, welch' eine Art Lyriker er war. Ein ganz schlechter nämlich. Das ist die erste, große Ueberraschung, die uns die nähere Beschäftigung mit dem Dichter Bernstein bringt. Das Büchlein liegt vor mir; sein Titel lautet: „Nachklänge. Lieder von F. Brunold, E. Ferrand, W. Jäger, L. Kossarsth, A. Rebenstein", — es ist 1834 in Berlin, Verlag der Stnhr'schen Buchhandlung erschienen. Daß es sehr jnnge, sehr naive Leute sind, die sich da zusammengethan haben, erweist schon das Vorwort. Es sind insgesammt „Lieder an Bertha", und das Ganze ein „Minnehos"; zu fünf Mann hoch eine junge Dame besingen, bringen in unserem Jahrhundert nur Jünglinge fertig. Das Ganze, versichern sie, sei nur eine „anspruchslose Huldigung", und sie brechen allein Effekt die Spitze ab, indem sie treuherzig versichern, die Liebe und die Küsse, das sei Alles — erlogen. Was der Eine gesungen habe: „Wenn ich hier auch dichtend dichte, Holdes Mädchen, zürne nicht!" gelte von Allen. Das ist richtig, aber von Keiueni gilt es mehr, als von dem Letzte», „Arno Rebenstein". Seine Verse sind nicht blos formal, sondern auch inhaltlich die schwächsten. Man könnte mir freilich eiuwenden: „Wie kan» dich dies überraschen?! Der junge Mensch hatte während der nicht ganz zwei Jahre, die er damals in Berlin zugebracht, doch ivahrlich in den kärglichen Mußestunden, die ihm seine Lektionen und sein Vorbeten in den Betstuben übrig ließen, genug gelernt: Kritiken über Litteraluc und Kunst, Berichte über Chemie, Astronomie und weiß Gott was schreiben. Noch inehr, der Ex-Bocher hat sogar Verse machen und nach christlicher Art ein Mädchen anschwärmen gelernt, — und nun verlangst bii von ihm, daß er diese schweren Künste in den zwanzig Monaten gar noch gut und gründlich gelernt haben soll? Glaubst du, daß das so leicht geht, wie die Wahl eines koketten Pseudonyms, z. B. Arno Reb e nstein?!" Nein, erwiedere ich, formal gute Verse habe ich auch nicht erwartet, aber Empfindung, Eigenthümlichkeit, kurz — Talent im Inhalt. Und daß sie so völlig fehlen, ist merkwürdig. Diese Verse, die in der Tonart hilflos Heine nachstammeln, sind nur für den Ex-Talmudisten, den inr Geschmack uirgefestigteii Arrtvdidakten charakteristisch, nirgendwo für den späteren Dichter. Es sind zumeist Gleichnisse, spitzfindig ersonnen, geschmacklos durchgeführt. „Arno" ist — um nur Einiges anzuführen — wie die Locken der Geliebten, j „Ich zieh sie aus, doch schneller ringeln — Sie in die Formen sich." Und er — „Mein Kind, ich bin wie die Locke, Riß mich von dir die Pflicht —" so würde er sich auch stugs zu ihr zurückringeln! . . . Aber das Schrecklichste sind die „witzigen" Pointen; sein Herz ist eine „Blume", die „Sonne" ist sie — „Doch Blumen habe» Wasser nöthig, Sonst welken sie geschwind, Drum schreib' ich diese Verse nieder Für dich und mich, mein Kind!" Wie haben wir uns diese Enttäuschung zurechtzulegen? Nun, auch das Anpassllngs-Vermögen hat eine Grenze: Vormittags Vorbeter sein und Abends „Minnehof" spielen, ist wirklich noch schwerer, als in der Zwischenzeit Kritiker sein, weil hier die ganze

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