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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-08 · Heft 10 (8.3.1895) · p. Seite 115

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 10 (8.3.1895)
Date
1895-03-08
Page
Seite 115 (sequence 7)
Language
German
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115 Ja, ich gehe noch weiter. Da giebt es in unseren Gebetbüchern nicht blos in denen nach altem Ritus für die hohen Feiertage, sondern in den für alle Tage bestimmten und schon zum Theil modern zugestutzten, Gcbetstücke, — in den alten Machsorim sogar recht umfangreiche, — die mit einem Aufwande sännntlicher hebräischer Synonyma für die Begriffe Furcht und Verehrung die Art und Weise schildern, wie die Engel im Himmel Gott, den Herrn, loben. Hat aber diese Vorstellung, und die von den Engeln überhaupt, auch nur die leiseste Berührung mit unserem alten Glauben an das Göttliche und Ueberirdische? Man weiß längst, daß die ganze jüdische Angelologie und Dämonologie nicht jüdischen, sondern heidnischen, persischen Ursprungs ist (vgl. Kohut in den Abhandlungen der morgenländischen Gesellschaft Ad. IV Nr. 3). Heißt es doch einmal im Talmud selbst, daß man die Namen der Engel aus Babylon gebracht habe. In den dreizehn Glaubensartikeln des Maimonides, auf die ich noch zurückkomme, findet sich keine Silbe in Betreff eines Glaubens an Engel. Aber in unserem Gebetbuch spielen „die Engel vom Dienst" keine geringe Rolle, wie Kundige mir zugeben werden, und zwar nicht blos etwa in den Machsorim zu den hohen Festtagen nach orthodoxem Ritus bei der Keduschah, — Stellen, die Heidenheim in der bekannten Rödelheimer Ausgabe gar nicht einmal deutsch zu übersetzen wagte, — sondern auch in den Gebeten für die Wochentage unv die Sabbathe. Diese Vorstellungen aber sind uns modernen Juden, wenigstens in Mittel- und Westeuropa, längst fremd geworden, und ich glaube nicht, daß selbst »euere Rabbiner, sofern sie profan gebildet sind, was doch fast durchweg, soviel ich weiß, der Fall ist, an feurige Flügel und an den ganzen himmlischen Hofstaat, wie er uns schon im Ezechiel bekanntlich entgegentritt, noch glauben. Aber trotzdem scheut man sich, sie aus dem Gebetbuche auszrunerzen, ich meine natürlich nicht die eben erwähnten Schilderungen der Ehrerbietung der Engel vor Gott bei der Keduschah im Gebetbuch der hohen Feiertage, die das moderne Machsor längst beseitigt hat, sondern die in unseren täglichen und sabbathlichen Gebeten. Und das ungleiche Verfahren hat zweifellos darin seinen Grund, weil erstere verhältnißmäßig jüngeren Datums, diese dagegen schon sehr alt sind; und wenn irgendwo gilt bei uns Juden das Schillersche Wort: „Das Jahr hat eine heiligende Gewalt". Die bekannte Redensart im Talmud: D'TQ ’DTl'DK JHJtt b. h. wir halten den Brauch unserer Väter fest, die sich da findet, wo es sich um die Beibehaltung einer alten Sitte rmd Gewohnheit handelt, kann für unsere modernen Verhältniffe nicht maßgebend sein, aus Gründen die Jeder sich selbst sagen kann, der einigermaßen das moderne Judenthum, seinen Bildungsgang, sein häusliches und soziales Leben :c. zu beobachten und kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hat. Wir mögen dem angestammten Glauben trotz aller Verfolgungen auf der einen und aller Verlockungen auf der anderen Seite noch so treu sein und unser Leben lang es bleiben wollen, wir müssen, ob wir wollen oder nicht, der modernen Zeit, den veränderten Verhältnissen in der staatlichen und gesellschaftlichen Stellung der Juden Konzessionen machen, von denen unsere Altvordereu sich nicht haben träumen lassen, die aber unbedingt nothwendig sind, soll der Jndifferentismus bei unseren Glaubensgenossen nicht noch weitere beklagenswcrthe Fortschritte niachen, als es bisher der Fall war. Aber auch darin stimme ich mit den modernen Bestrebungen überein, daß die gar zu langen Gebete, die doch immer und immer wieder denselben Gedanken nur mit anderen Worten wiederholen und ein rmd demselben Begriffe durch endlose Häufung der Synonyma besonderen Nachdruck zu verleihen suchen, ein Vorgang, der doch nur geschmacklos zu nennen ist und der Würde des Gebetes keinesfalls entspricht, daß diese Gebete, sage ich, gekürzt und lästige Wieder holungen vermieden werden müßten. Nun weiß ich wohl, daß es im jerus. Talmud (Tract. Berach. VI 10b) einen viel ziticten Ausspruch giebt, der da lautet: ^>2 lroin ’T kp >6 m3"ua D’iann u'^tor rstDätt d. h. wer die Formel (das Gepräge), das die Gelehrten in den Benediktionen festgesetzt haben, abäudert, hat seine Pflicht nicht erfüllt; aber bereits ein alter Kommentator zu dieser Stelle, Sirlio, macht die richtige Bemerkung, daß hier nur von solchen Benediktionen die Rede sei, die beim Genießen einer Speise und dgl. pnJH rVC*C zu sprechen seien, nicht aber von den Benediktionen der Gebete, welche auch verkürzt und inhaltlich gesprochen werden dürfen. (Vgl. Jac. Levy: Neuhebräisches und chaldüisches Wörterbuch Bd. III, S. 84 ff.) Nach meinem Dafürhalten müßte manch ein Gebet, das längst nicht mehr der inodernen Zeilrichtung entspricht, aus dem Siddur beseitigt, dagegen andere dafür aufgenommen werden, die weit eher in denselben paffen gemäß unseren jetzigen religiösen Anschauungen, als die alten, die unserem Denken und Fühlen längst entfremdet sind. Ich würde vor Allem die herrlichen dreizehn Glaubensartikel des Maimonides, die in unseren Gebetbüchern entweder gar nicht zu finden sind oder am Schluß der täglichen Gebete stehen und kaum beachtet werden, in kürzerer Form und vor Allem in deutscher Uebersetzung an die Spitze des Gebetbuches setzen, daß jedem Juden die Grundprinzipien seines Glaubens täglich zum Bewußtsein kämen; und auch den 15. Psalm deutsch aufnehmen, den wir selbst im Original in unseren Gebetbüchern vergebens suchen, und der nur Wenigen von uns bekannt sein dürfte, iveshalb ich mir erlaube, ihn hierherzusetzen. Er lautet: „Gesang Davids. Ewiger, wer darf in deinem Zelte weilen, wer darf auf deinem heiligen Berge wohnen? Wer rechtschaffen wandelt, Gerechtigkeit übt rmd Wahrheit spricht in seinem Herzen. Nicht verleumdet mit seiner Zunge, seinem Nächsten nichts Böses thut, nicht Schmähungen ausbringt auf seinen Freund. Verächtlich ist in seinen Augen der Verworfene, aber die Gottesfürchtigen ehrt er; er schwört zum Schaden sich und ändert es nicht. Er giebt sein Geld nicht hin auf Zins, nimmt nicht Bestechung wider den Unschuldigen. Wer solches thut, wankt nicht in Ewigkeit." Nähme inan dazu noch das Schema-Gebet in hebräischer Sprache und einen Auszug aus dem Achtzehn-Gebet, so wäre das, meiner Ansicht nach, vollkommen genügend für ein tägliches Gebet. An den Sabbathen endlich ist das Vorleseu der Thora auf einen Cyklus von drei Jahren zu beschränken, zumal ivenn man bedenkt, daß das durchaus keine unerhörte Neuerung ist. So kennt das talmudische Schriftthum einen Vorlesungscyklus des Pentateuchs für die Sabbathe des Jahres von 3 p 2 und 1 Jahr. Im Talmud wird derselbe (der dreijährige Cyklus) als der in Palästina gebräuchliche bezeichnet. Noch im zwölften Jahrhundert war der dreijährige Cyklus in einer Gemeinde von Kahira (Kairo) üblich. Auch Maimonides (im zwölften Jahrhundert) erzählt, daß es Gemeinden giebt, in denen der Pentateuch (von Anfang bis Ende) in drei Jahren vorgelescn wird. Ebenso lesen wir in dem um diese Zeit abgefaßten Blich Hachinnch neben dem ein- und zweijährigen auch von einem dreijährigen Cyklus (Hamburger, Real-Encyklopüdie für Bibel und Talmud II. Strelitz 1883, S. 1264). Natürlich ist es auch unrimgängig nothwendig, daß der vorgelesene Abschnitt aus der Thora in die Landessprache übersetzt wird, gerade so, wie es wenigstens in vielen deutschen Synagogen mit der Haphthora geschieht; ein Vorgang, der ebenfalls sehr alt, ja noch älter als der dreijährige Cyklus ist. Denn mag es auch nicht ganz sicher sein, ob, wie Einige wollen, die Anfänge der Bibelübersetzung bereits bis in das babylonische Exil reichen, so steht es doch fest, daß zur Zeit Esras, als die von Babylon nach

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