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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-08 · Heft 10 (8.3.1895) · p. Seite 114

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 10 (8.3.1895)
Date
1895-03-08
Page
Seite 114 (sequence 6)
Language
German
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114 bauern und Handwerkern bestanden Hütte, anstatt als Hausirer. Schneider :c. zu Hunderttausenden »ud mehr in elenden Wohnungen in den großen Städten, wie New-Aork, Philadelphia, Chicago rc., znsainmeu zu hocken. Es wurde dann zu ihrem eigenen und zum Nutzen ihrer dortigen Glaubensgenossen gelungen sei», sie int Lande zerstreut, in einzelnen Kolonien nnterzubringeu, wo sie, wenn auch keine Reichthümer, so doch einen anständigen Lebensunterhalt hätten erwerben können, während sie jetzt zum großen Theil als Hausirer und dergleichen im Elend leben und durch ihre, den Amerikanern anstößige, Sitten, die durch die große Zahl dieser Einwanderer noch auffälliger in die Erscheinung treten, den früher in Amerika unbekannten Antisemitismus herborgernfe» haben. Mit dem königlichen Regierungsbaumeister, dem Verfasier des Artikels in Nr. 7 d. Ztg., bin ich im Allgemeinen, namentlich aber damit einberstanden, daß wir suchen solle», diejenigen Anlagen unserer Glaubensgenossen wieder zu fördern, die sie früher besaßen. Hierzu gehört besonders auch Acker- und Gartenbau. Hierin habe», wie historisch nachgewiesen ist, unsere Vorfahren Hervorragendes geleistet. Auch in der biblischen Zeit waren nicht alle Theile Palästinas von Natlir fruchtbar. In manchen Gegenden konnte nur durch harte Arbeit und künstliche Bewässerungsanlagen, von denen vielfach Spuren vorhanden sind, der Boden fruchtbar gemacht werden. Durch ihren Fleiß und ihre Geschicklichkeit in der Bearbeitung desselben, nicht durch den Handel, gelang es auch nach der babylonischen Gefangenschaft trotz der vielen Kriege und damit zusammenhängender Verwüstung des Landes den damaligen Juden, in der Friedensperiode, und zwar in verhältnißmäßig kurzer Zeit, das Land zur Blüthe zu bringen und selbst zu Wohlstand zu gelangen. Nur der anerkannten Mäßigkeit und ihrem strengen Familiensinn haben die Nachkommen jenes kräftigen und muthigen Geschlechts zur Zeit der Makkabäer cs zu danken, daß sie die vielen Drangsale und Jahrhunderte lange Gefangenschaft in den dunkeln uud ungesunden Ghettos überdauern konnten. Doch was ihnen zum großen Theile infolge dieser ungünstiger Lebensverhältnisse abhanden gekommen, ist die Muskelkraft und der kräftige Körperbau der Vorfahren. Diese, für die Lebensdauer uud Entwickelung eines Volksstammes nothwendigen Eigenschaften einem möglichst großen Theil unserer Jugend durch eine entsprechende Erziehung wieder zu gewinnen, muß eine Hauptaufgabe unserer Erziehungsinstitute sein. Knaben von ihrer ersten Schulzeit an Gelegenheit zu geben, die Grundbegriffe von Bodenkultur uud Handwerk kennen zu lernen, theils durch Anschauen, theils durch leichte Beschäftigung in diesen Zweigen in spielender und doch zugleich lehrreicher Weise, ohne dabei die geistige Ausbildung zu vernachlässigen, ist eine Hauptaufgabe der von mir im Jahre 1893 begründeten israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem bei Hanover. Wenn bisher hauptsächlich nur solche jüdische Knaben für ein Gewerbe bestimmt wurden, welche ihrer schwachen geistigen Begabung wegen sich für andere Fächer, auch für den Kausmannsstand nicht eigneten, so sollen hier auch Knabe» für Handwerk und Bodenkultur vorgebildet werden, welche für diese Fächer besonders Neigung zeigen ohne in geistiger Beziehung hinter andere» zrirückzustehen. Vor allen Dingen werden hier aber sämmtliche Kinder durch Turnen. Schwimmen, geeignete Spiele und andere Leibesübungen in reiner frischer Luft zu kräftigen Jünglingen herangebildet. Daneben erhalten die Zöglinge kräftige aber einfache Beköstigung und werden, soweit der Anstaltsarzt es für die Gesundheit zulässig erklärt, möglichst abgehärtet. Zeigen Knaben zwischen dem 10. uud 14. Lebensjahre besondere Neigungen und Fähigkeiten für andere Berufszweige, so sollen dieselben durchaus nicht unterdrückt werden. Auch in diesem Falle wird der Aufenthalt des Kindes in der Anstalt für die körperliche Ausbildung und den späteren Gesundheitszustand von guten Folgen sein. Von den augenblicklich in der Anstalt befindlichen 42 Zöglingen besuchen 20 die mit der Anstalt verbundene Schule, in welcher sie von zwei ständigen und einem Fachlehrer unterrichtet werden, und die übrigen 22 werden als Lehrlinge in der Anstalt praktisch ausgebildet, während sie den Unterricht einer guten Fortbildungsschule von denselben Lehrern erhalten. Falls, woran wir nicht zweifeln, der von angesehenen Glaubens genoffen aus allen Theilen Deutschlands unterschriebene Aufruf zu Beiträgen für diese Anstalt den gewünschten Erfolg hat, wird eine größere Anzahl Zöglinge bei mehr oder weniger Freistellen Aufnahme in der Anstalt finden. Namentlich sollen dann auch solche Lehrlinge Wohnungsund Beköstigung, auch Unterricht in der Anstalt erhalten, welche bei christlichen Meistern in Linden bei Hannover ei» Handwerk erlernen, damit dieselben während ihrer Lehrzeit im Stande sind, die Religionsgesetze zu beobachten und zugleich die uöthige körperliche und geistige Ausbildung genießen. Es ist geplant, alsdann auch noch weitere Lehrkräfte anzustellen und allinälig die Austaltsschule zu einer Volksschule zu gestalten, welche der einer Großstadt vollständig ebenbürtig ist und wohl noch insofern übertreffen würde, als die Klassen weniger überfüllt sein werden. Es ist rvohl nicht anzunehmeu, daß Neid, Mißgunst und Judenhaß aus Deutschland vollständig verschwinden, wenn auch ein größerer Prozentsatz unserer Glaubensgenossen Handwerk und Bodenkultur treibt, wohl aber kann nian erwarten, daß ein großer Theil derjenigen Personen, welche jetzt mit den Antisemiten sympathisiren und nicht selbst Geschäfts- oder Rassenantisemiten sind, von ihren Borurtheilen geheilt werden, sobald sie sehen, wie auch eine Anzahl Juden sich an körperlich anstrengenden Arbeitern betheiligt. Doch nicht um unsere Gegner zum Schweigen zu bringen und ihnen zu Liebe, sondern zu nnserm eigenen Besten »vollen wir uns bemühen, für alle Bernfszweige tüchtige Männer auszubilden. Unser Gottesdienst. Bon Dr. I. Babad, Bibliothekar i» Greifswald. o (Schluß.) fion und Jerusalem werden stets, wie ich gar nicht in Abrede stellen ivill, besonders für den Juden eine ehrwürdige historische Erinnerung bilden, schon als Wiege des Judenthums und seiner Religion nicht minder, wie die seiner Tochterreligioneu, mithin der ganzen zivilisirten Menschheit — „denn von Zion geht die Thora aus und Gottes Wort vvir Jerusalem" — aber heute noch für sie zu beten, daß sie in alter Pracht und Herrlichkeit wieder erstehen und erstrahlen sollen, als wären sie noch immer die Heimath Jener, die „sie mit der Seele suchen", das heißt doch den thatsächlichen Verhältnissen geradezu Hohn sprechen. Wie in den Gebeten der Wochentage, heißt es auch in denen der Sonn- und Feiertage, daß Gott „uns mit Freuden nach unserem Lande bringen möge, wo wir tinsere schuldigen Opfer darbringen wollen." Wer, frage ich, darf und kann das mit gutem Gewissen beten? Man wird mir vielleicht erwiedern, das geschieht nur aus Pietät, aus Pietät gegen unsere Altvordern. Aber so sehr diese Eigenschaft bei Juden nur zu loben ist, so ist sie meiner Ansicht nach beim Beten, das dem geheimsten, iuuigsten und wahrsten Wunsche des Menschen an die Allmacht Gottes Ausdruck geben soll, völlig unangebracht.

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