Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1895)
- Date
- 1895-03-08
- Page
- Seite 113 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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113 Berufswahl bei den Inden. Von Konsul A. M. Siniou in Hannover. f ie Leser Ihres geschätzten Blattes werden cs mir hoffentlich verzeihen, wenn ich obiges Thema noch einmal beriihrc. Bei der Wichtigkeit der Berufswahl fite das ganze Leben unserer Jugeild, aus welcher doch die Zukunft unseres Volkes beruht, halte ich es für sehr erwünscht, wenn diese Frage nach allen Seiten hin geprüft wird. Bei der Berufswahl sollen Eltern und Vormünder vor allen Dingeit Anlagen und Neigungen der Kinder berücksichtigen. Bei der Erziehung soll man den Kindern schon einen möglichst großen Spielraum gewähren, um Befähigungen itach der einen oder andern Richtung hin an den Tag legen zu können. Der seit einigen Jahren, theilweise auch in den höheren Schulen, namentlich aber in den Volksschulen betriebene Handfertigkeitsunterricht bietet eine sehr gute Gelegenheit, die Fähigkeit der Kinder für praktische Handleistnngen keniren zu lernen. Es ist deshalb sehr lvünschenswerth, jüdische Kinder, wo irgend möglich, an diesem Unterricht theilnehmen zu lassen. Auch möchte ich sehr empfehlen, ent allen jüdischen Lehrerseminaren gleich vielen christlichen und namentlich auch bei dem jüdischen Seminar in Hannover den Handfertigkeitsunterricht, tmd wenn thunlich atich den Garteubannnterrichl einzuführen, damit die dort ausgebildeten Lehrer auf dem Lande und in den kleinen Städten den ihnen anvertrauten Kindern diesen Unterricht regelrecht ertheilen können. Entdeckt man alsdann bei den Kindern irgend welche Anlagen und Neigungen siir Handwerk oder Bodenktlltnr, oder bei den Kindern der höhereit Schulen für Ban- und Jngenieurwesen, so soll man diese Neigungen nicht unterdrücken, sondern möglichst fördern. Knaben, welche eine derartige Vorbildung genossen haben, werden auch viel rascher und gründlicher ei» Handwerk erlernen als solche, tvelche bei ihrem Eintritt in die Lehre kaum wissen, >vie matt irgend ein Werkzeug anznfassen hat. Heutigen Tages können i» allen Fächern nur solche Personen vorwärts lomnien, welche in ihrem Fache.wirklich Tüchtiges leisten. Auch junge Kariflente mit mittel mäßigen Leistungen werden schlecht bezahlt und finden nur schwer eine Stellung selbst bei den bescheidensten Ansprüchen. Ist ein junger Kaufmann ohne eigenes Vermöge» und ohne wohlhabende Verwandte, die sich seiner annehmen, wenn er längere Zeit ohne Stellung ist, so geräth er in eine viel traurigere Lage als ein stellenloser Handwerker. Während dieser, falls er in seinem Fache keine Beschäftigtnig findet, als Handarbeiter oder Taglöhner sein Leben fristen kann, wird dies einem Kaufmann schon wegen der maugelhasten Körperkräftc kaum uiöglich sein. Ist ein solcher junger Mann einmal in Garderobe und in anderer Weise heruntergekommen, so kann er in einem kaufmännischen Geschäfte überhaupt keine Stellung wieder erhalten, wogegen ein Handwerker, so lange er gesund ist, immer wieder Aussicht hat, in seinem Fache Beschäftigung zu finde». Nun wird vielfach der Eiuwaud erhoben, daß das Handwerk feinen goldenen Boden verloren hat, daß die Kouknrenz groß ist und daß auch Gärtnerei und Landtvirthschaft schlecht rentiren. Aber auch im Kaufmanns- und im Gelehrteustande ist der Kainpf um's Dasein, namentlich für Juden, ein sehr schwieriger und nur hervorragenden tüchtigen Männern ivird es verhältnißmäßig leicht, sich eine auskömmliche Existenz zu gründe». Während aber ein f fleißiger und kräftiger, wen» auch nur mittelniäßiglbegabtcr Handwerker oder Landwirth, falls er hier sein Ziel nicht erreichen kann, begründete Aussicht hat, durch Anwsanderuug nach den Bereinigten Staaten, Argentinien, Syrien oder einem anderen Laude sei» Loos zu verbessern, gehl ein nur mäßig begabter Kaufmann, wen» er nicht durch einen außerordentlichen Gllickszufall begünstigt ivird, einer traurigen Zukunft entgegen. Wie leider allgemein anerkannt ist, wird da» Handelsgeschäft in den Städten wie auf dem Lande immer schlechter. Durch die großen Magazine und Versandhäuser der Hauplplatzc werden die kleinen Ladengeschäfte »ngemein geschädigt, und mancher fleißige und solide Kaufmann wird zum Bankerott getrieben. Das Hausirgeschäft, welches in früheren Jahren manchem unserer Glaubensgenossen es ermöglichte, sich, weint auch im Schweiße seines Angesichts nicht nur sei» Brod zu erwerbe», sonder!« ihm auch häufig eine Vertrausstellung bei Hoch und Niedrig verschaffte, ist jetzt vollständig in Mißkredit gerathcn. Der Hansirer, welcher früher bei den maugelhaflen Verkehrswegen selbst auf den Edelhöfen eine gern gesehene Persönlichkeit war, ist jetzt bei dem ausgedehnten Eisenbahnnetz und den schönen Ehausseen bis auf die Sammler von alte» Metallen und sonstigen Abfällen übetsliissig geworden. Auch selbst diejenigen Knaben, welche neben einem praltischen Sinn für Handfertigkeit und Handwerk kaufmännisches Talent an den Tag legen, tvürde ich zu veranlassen suchen, natürlich ohne jedweden Zwang, ein ihnen besonders zusagendes Handwerk zu ergreifen, da auch dem Handwerker die kansmäunischr Veranlagung sehr viel nütze» kann. Kaufmännische Geschäfte, bei denen handiverksmüßige Tüchtigkeit mit zur Geltung kommen kann, sind eher im Stande, mit größeren kaufmännischen Geschäften derselben Branche konknrriren zu können, als beispielsweise ein kleiner Manusakturwaarenhandel mit einem großen derartigen Geschäfte, da dieses durch billigeren Einkauf und größere Auswahl den Käufern mehr bieten kann. Wie kaufmännisches Genie, wenn es in dem Menschen einmal steckt, auch ohne besondere Ausbildung früher oder später zur Geltung kommt, kann man am besten in Amerika beobachten, wo die größten Kaufleute und Fabrikanten ans beut Bauernstände hervorgegangen sind und in ihrer Jugend nur den llnterricht einer einfachen Volksschule genossen haben. Dem Schreiber dieses sind verschiedene Beispiele bekannt, wie auch in Deutschland und verschiedenen anderen Ländern jüdische Handwerker durch technische Fachkenntuisse, verbunden mit Fleiß. Tüchtigkeit und kaufntünnischm Anlagen, große Kaufherren geworden sind. Ebenso wenig wie Herr Rabbiner Dr. Rülf bin ich der Ansicht, daß ein Jude mit Gewalt, ob mit seinem oder ohne seinen Willen, zum Ackerbauer oder Handwerker erzogen werden soll. Dagegen scheint mir doch aus seinem Artikel hervorzugehcn, daß er die Zweckmäßigkeit, einen Theil der russischen und der deutschen Inden zu Ackerbauern und Handwerkern zu erziehen, nicht genügend gctvürdigt, während er selbst eingesteht, daß bei der Austreibung der Juden aus Rußland man einen Theil der Handwerker bis auf den heutigen Tag gewähren lassen mußte, weil für diese kein Ersatz zu finden war. Wenn Herr Dr. Rülf dann ferner auf die Ausweisung jüdischer Handwerker ans Memel iin Jahre 1885 himveist, während dem Haudelsstande angehörende, russische Juden dort wohnen bleibe» durften, so war dies doch nur eine Ausnahme, tvelche hier und an einzelnen anderen Handelsplätzen in der Nähe der russischen Meitze gemacht wurde, tveil man hier wie dort die russischen Komtnissionaire und Zwischenhändler nicht entbehren konnte. Es war nicht Rücksicht auf diese, sondern auf die deutsche Kaufmannschaft, was diese Ausnahme veranlaßte. Wiediel besser wäre es nicht nur für die zunächst Betheiligteu, sondern auch für die europäische» und amerikauischeu Glaubensi genossen gewesen, wenn die Mehrzahl der Ausgewiesenen aus Acker-