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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-08 · Heft 10 (8.3.1895) · p. Seite 112

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 10 (8.3.1895)
Date
1895-03-08
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
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112 Glim Henry d'Avigdor. S. A. Von Dr. S. R. Landan. tusere Glaubensgenossen jenseits des Kanals haben einen empfindlichen Verlust erlitten. Ein jäher Zufall hat ans - w ihren Reihen einen Mann entrissen, der, ein treuer, glühender Anhänger seines Volkes und angestammten Glaubens, voll aufopfernder und idealer Selbstlosigkeit gegenüber seinen armen Brüdern, getragen von großartige» Plänen, mit nimmer rastendem Eifer und unter Ausnutzung seiner hohen sozialen Stellung, sowie der besonderen Geiftesgaben für Juden und Iudenthum eintrat. Die Großen, mit denen er theils durch Verwandtschafts-, theils durch Freundschafts-Bande verbunden war, die Kleinen, denen er Baier, Retter und Beschützer war, sie trauerten Alle an seiner Bahre, und weit hinaus bis in das Jndeuviertel New-Horks und das ländliche Stillleben an den Ufern Jordans brachte die Nachricht von dem Tode'de» ersten Chief der „Chovevi Zion Association" tiefe Wehmuth und aufrichtigen Schmerz. Etim Henry d'Avigdor hat in de» besten Jahren, kaum einige fünfzig Jahre alt, in Folge eines während der Jagd zugestoßenen llnfalles den Schauplatz seines viel^verheißenden Schaffens verlassen. WerAiioch vorigen Jahres diese vornehme, kraftstrotzende Gestalt mit ihren markanten Gesichtszügen, jeder Zoll ein Genileman, sah, als er in Paris der Delegaten-Konferenz aller europäischen und ainerikanischen Zions-Vereine präsidirte und mit parlamentarischer Gewandtheit die in vier Sprachen geführten Debatten leitete, die Gegensätze mildernd, stets den richtigen Kern der Rede herausfindend, mochte nicht an ein so schnelles, so schreckliches Ende denken. Und er mußte sterben, gerade als er sich anschickte, in das Land seiner Sehnsucht.zu pilgern, jenen Boden zu erblicken, auf ,dem er^ Tausenden seiner armen Brüder eine wirthschaftliche Existenz und einen sicheren Morgen verschaffen wollte. In der Provence, in dem schönen südfranzösischen, von den Pyrenäen umrahmten Winkel erblickte Elim Henry als Sohn des Grafen Salomon Henry d'Avigdor »nd der Rachel, Tochter des Sir Jsaac Äon Goldsmid, das Licht der Welt. Siebzehn Jahre alt, übersiedelte er mit seiner Mutter nach London, wo er die Hochschule besuchte, um sich zum Ingenieur für Hoch- und Wasserbau j ausznbilden, und tvo er als akademische Würde den Grad des B. A. (Bachelor of Arts) erwarb. Die nahe Verwandtschaft mit den höchsten jüdischen Kreisen Londons, fachmännische Begabung, kühner Unternehmungsgeist, dabei auch schriftstellerisches Talent und besonvere Regsamkeit ließen ihn einer großen Zukunft entgegenblicke». Wir treffe» ihn bald auf einer Reise nach Indien, bald als Direktor der Neu-Zeeland'schen Association in Australien; in Steiermark bei den Eisenbahnbauten, nnd in de» siebziger Jahren in Wien, wo er sowohl für die Wasserleitungen, wie auch für die geplante Stadtbahn Projekte ausarbeitete. Ins öffentliche Leben trat er ein als Herausgeber der Wochenschrift „Eraniiner", die er von Taylor kaufte und deren konservative Tendenz ex durch die liberale ersetzte. Hier erschieneir oft interessante Artikel über Juden und Iudenthum. Sie hielt sich jedoch nicht lange; d'Avigdor widmete nun seine Feder englisch-jüdischen Zeitungen und veröffentlichte u. A. einen bemerkenswerthen Artikel über „die Juden in Ungarn". Daneben ein passionirter Sportsmann, Jäger nnd Segler — Mitherausgeber der „Jachting Gazette" — genoß d'Avigdor im Londoner high-life großes Ansehen. Seine Novellen aus dem Jägerleben, mit dem Pseudonym „Hauderer" gezeichnet, suchten ihresgleichen, und der aufmerksame Leser der „Sporting News" konnte'oft jenen Namen in den Spalten finden. So vereinigten sich jüdischer Ernst und jüdische Universalität mit englischen Passionen und englischer Leichtlebigkeit zu einem eigenartigen Ganzen und gaben uns eine Individualität, die als geschmeidiger Gentleman in den Salons der Aristokratie und als warmer Volksfrennd in den russisch-jüdischen Meetings von Whitecheapel stets den richtigen Ton zu treffen wußte. Sein großartiger Plan der Errichtung eines Eisenbahnnetzes über Syrien lind Palästina, um nicht »ur diese Länder, sondern auch! Persien »nd Mittelasien dem inittelländischen Meere und damit dem! internationalen Waarenmarkte näher zu bringen, ein Plan, dem zu : Folge die Eisenbahn von Jaffa nach Jerusalem fertig dasteht, die! Linie von Acca über den Hauran nach Damascus und dann z nach Beiruth bereits ihrer Vollendung entgegengeht, hat d'Avigdor j den englische» Kolonisationsversuchen in Palästina näher gebracht.! Es war noch ein kleines Häuflein, das am 1. Februar 1890 1 unter dem Einflüsse des^Reverend Maccoby (Kamenitzer Magid) beschlossen, den litterarisch-geselligen Verein „Kadimah" in die „Chovevi Zion Society" umzugestalten. Damals war d'Avigdor noch nicht dabei. Aber alsbald schloß er sich nebst seinem besten Freunde Colonel Goldsmid und dem Parlamentsmitglied Sir Samuel Montagu7diesem Vereine an und wirkte an deffcn Spitze mit dem Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit, seinem ganzen Einflüsse nnd seiner ganzen Energie für die Sache, in der er das beste Heil für seine verfolgten, der Heimath beraubten russischen Brüder sah — bis an das Lebensende. Von idealer Weltanschauung, aber auch nüchterner Denkart,! Phantastereien abhold und das gesteckte Ziel aus den; Auge nicht! lassend, hat Elim d'Avigdor eine weitverzweigte, die aus 27 über das ganze englische „United Kingdoin" verbreiteten Einzelvereinen bestehende Organisation ins Leben gerufen; auf seine Initiative wurden in Transjordanien 2500 Acres Boden um 1500 Pfd. Lstr. angekauft, unter seiner Aegide versammelten sich vorigen Jahres in Paris die Delegirten aller Verbände Europas nnd Amerikas, um eine gemeinsame Aktion im größeren Maßstabe für die bedrängten russischen und rumänischen Juden in Palästina einznleiten. „Ich wünsche, daß meine Glaubensgenossen in der einstigen Heimath Israels sich »iederlassen, wo ein Bruder neben dem andern arbeiten könnte, wo der Sabbath ein Sabbath Aller nnd der Versöhnungstag im ganzen Lande gleich beachtet wäre," erklärte d'Avigdor in einer Versammlung und legte in einer anderen in folgenden Worten sein ganzes Programm nieder: „Wir haben gar nicht die Absicht, die Juden aller Welttheile in Palästina anzusiedeln, »nd handelt es sich hauptsächlich darum, den Opfern der Verfolgung eine sichere Zufluchtstätte zu verschaffen. Wir sind begeistert für die Kolonisation Palästinas, aber diese Begeisterung geht gepaart mit Umsicht und Maß." Und hinter dieser Nüchternheit, wie viel Liebe zu seinem Volke, Opferwilligkeit, Hingebung! Nun bedeckt ihn der Grabhügel — einen der besten und edelste» Söhne des Judenthums, einen der immer selteneren jüdischen Männer, die auch in ihren Palästen ihrer armen Stammesbrüder nicht vergessen. Darum sei dem Verstorbenen Dank und Anerkennung von Allen, die vornehme Denkart, jüdisches Selbstbewußtsein, Charakterfestigkeit, Selbstlosigkeit und vor Allem wahre Nächstenliebe zu schätzen wissen. Und es giebt noch solche!

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