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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-08 · Heft 10 (8.3.1895) · p. Seite 110

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 10 (8.3.1895)
Date
1895-03-08
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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110 Und dennoch, obgleich diese ganze Purimgeschichte wenig erhabene Momente enthält, haben sich die alten Weisen zu dem Satze ver- - stiegen: Mordechai sei i» seinem Zeitalter von demselben Gewichte gewesen, als Mose in dem seinigen, und ein wegen seines Tiefsinns bekannter Talmudheros, Rabbi Simon den Lakisch, behauptet gär, wenn auch alle Propheten und Weisen ihre Geltung verlören, das Buch Ester würde dauern und seinen Werth behalten. Das scheint ein kühnes Wort, besonders gegenüber den letzten Kapiteln des Büchleins, die uns eher stören als erbauen. Was hat denn diese Erzählung so Tröstliches, um ihr einen so großen Werth zu verj leihen? Nun, wie es scheint, gerade in dem nüchternen Hergang, in! der Einfachheit der Ereignisse und der Menschen, die uns in dem! Büchlein geschildert werden, liegt ein großer Trost, wenn wir vor j den Gefahren bangen, die das Judenthnm bedrohen. j Wir lesen von dem Auszug aus Aegypten, und das Lied des j Mose findet noch heute einen Widerhall, da Gott Himmel und! Erde erregte, um die Dränger zu strafen. Aber damals geschahen Zeichen und Wunder; die später» Geschlechter können sich nicht zu dem Glauben aufschwingen, daß Gott wieder so Gewaltiges vollbringen werde, um Israel zu helfen. Wir vernehmen sodann von den Kämpfen der Makkabäer, und die Seele unseres Stammes jubelt, daß solche Helden aus unserem Geschlechte entsprossen sind; aber diese Helden sind von seltener Art; es wäre schlimm um uns bestellt, wenn wir zu unserer Rettung aus mancherlei Gefahren immer Männer bedürften, die den Makkabäern gleichen. Da konnnt uns das Büchlein Ester recht gelegen, um uns zu lehren, daß Gott auch oft durch einfache Vorgänge die Frevler zu Falle bringt und die Gerechtigkeit zum Siege führt. Wer möchte ivagen, die Charaktere des Mose und des Mordechai zu vergleichen; darum bleibt es wahr, daß Mordechai gerade so sehr ein Retter Israels gewesen ist als Mose. Was am Schilfmeere geschah, was Juda Makabi vollbrachte, steht einzig da; was Mordechai und Ester litten und vollführten, hat sich oft im Laufe der Jahrhunderte wiederholt. Wie oft drohte irgend ein Berhängniß von einem Mächtigen, der den Juden feindlich gesinnt war. Da wurde dieser Mächtige von einer Krankheit heimgesucht; ein jüdischer Arzt wurde zu ihm gerufen, und am Krankenbett, wo auch ein hartes Gemüth milder ist, wurde der böse Befehl abgeschwächt, widerrufen; um solch ein Helfer zu werden, bedurfte es keines Heldenthums, bedurfte es nur der bei Vielen vorhandenen Pflichttreue und Liebe zur Glaubensgemeinschaft. Darum schöpfen wir aus dem Buche Ester, wenn wir um die Zukunft Israels sorgen, sicherer Trost als ans allen Reden der Propheten. Wenn Golt auch durch Mordechai und Ester hilft, dann kann es uns nie an Helfern fehlen. Es jchmeichelt dem Selbstgefühl der Menschen, zu glauben, daß Wunder geschehen, um sie zu befreien; der Dichter des Nathan schildert uns eine Maid, die sich gern einredet, nicht ein Mensch, sondern ein Engel, ihr Engel, habe sie aus Feuersgefahr befreit; so Viele, wenn ein Arzt ihnen ihre Krankheit hebt, glauben nicht an die natürliche Wirkung der Arzneien, sondern an die irgend einer Wunderkur. So hoffen auch Viele im Gange der Geschichte auf Wunderkuren. Aber der Besonnene fühlt sich erleichtert, wenn er sieht, daß ein schweres Uebel auf ganz natürlichem Wege und mit geringen Mitteln gehoben werden kan». Ein jüdischer Finanzman», der es heut zu Tage ablehnt, einem Staat Dienste zu leisten, der die Inden bedrückt, ist »och kein Held; aber er thut seine Schuldigkeit und verschafft seinem religiösen Bekenntniß Achtung und erweckt vielleicht das Gewissen unserer Gegner. Die Politik der kleinen Mittel ist nicht zu verschmähen. Mordechai lind Ester sind keine überragenden geschichtlichen Gestalten; aber Gottes Größe zeigt sich in jener Zeit darin, daß auch ein Mordechai erlösen kann. Die geschichtliche Wahrheit dieses Buches ist angezweifelt worden; aber warum sollte sein Inhalt nicht wahr sein, da ja, was dort erzählt wird, in ähnlicher Weise sich unzählige Mal wiederholt hat. Tröstlicher, als alle Propheten, ist die Puriinknnde, daß Gott keine Wunder braucht, um zu erretten und zu erlösen. Nie Woche. Berlin, 5». Mürz. m vergangenen Mittwoch fand also die große Judendebatte im deutschen Reichstage statt. Es kamen die beiden bekannten antisemitischen Anträge betr. die Einwanderung von Juden zur Verhandlung. Tie Befürworter der Anträge, die Abgeordneten Jacobskötter (dk.) und Bindewald, wiederholten diejenigen Vorwürfe gegen die Juden, die aus den antisemitischen Volksversammlungen zur Genüge bekannt sind, ohne diese durch kontrolirbares statistisches Material zu stützen. „Wir haben schon Juden genug in Derltschland und brauchen keine fremden Inden, und wir haben auch überschüssige Arbeitskräfte genug," das war der einzige sachliche Kern, der sich aus ihren mit dem üblichen Pathos vorgetragenen Ausfällen gegen die Juden herausschälen ließ. Im klebrigen brachte die Debatte auch nicht ein einziges Argument für die Anträge. Einen vollständigen Heiterkeitserfolg erzielte der Abgeordnete Sachße (dk.), als er die Tribüne bestieg, um „vom sächsischen Standpunkte aus" den Antisemiten zu Hilfe zu kommen. Sachsen sei vor den übrigen Staaten auch hier voraus, denn es hat keine jüdischen Richter und Lehrer, aber die bösen Preußen schicken ihnen womöglich die jüdischen Schnorrer auf den Hals, um das sächsische Handwerk zu ruiniren. Davor muß sie der Reichskanzler und der Reichstag schützen. Von Gegnern des Antrages kamen nur noch die Abgeordneten Vogtherr (Soz.) und Paasche zum Wort. Der Erstere wies darauf hin, daß unlauterer Wettbewerb, Wucher und andere böse Eigenschaften nicht an die Forin des Bekenntnisses gebunden sind, wie denn gerichtlich festgestellt sei, daß der Abgeordnete Zimmermann in seiner litterarischen Thätigkeit sich der Doppelzüngigkeit rmd des unlauteren Wettbewerbes bedient habe, und daß diese Anträge nur die Aufmerksamkeit von wirklichen großen Nothständen ableuken sollen, die ihre Wurzel in dem internationalen Großkapital habe». Abgeordneter Paasche erklärte namens der großen Mehrheit der uationalliberalen Partei, daß sie die unleugbaren Mißstünde des unlauteren Wettbewerbes, der lügenhaften Reklame u. s. w. durch allgemeine gesetzliche Maßregeln, nicht durch Soudergesetze gegen eine Bevölkerungsklasfe oder Religionsgemeinschaft bekämpfen wollen. Hierauf wurde die weitere Berathung auf nächsten Mittwoch vertagt. Die „Nationalzeitung" sagt über die Debatte: „Die gestrige Verhandlung des Reichstags über den Antrag verlief großentheils. Dank dem Verhalten der Antisemiten, im Stil der Radau- Versammlungen." * Viel wichtiger als diese Debatten sind die Verhandlungen der Kommission für das Umsturzgesetz, die in der vergangenen Woche über den 8 130 berathen hat, welcher nach dem bestehenden Gesetze wie folgt lautet: „Wer in einer den öffentlichen Friedeil gefährdenden Weise verschiedene Klassen der Bevölkerung zu Gewaltthütigkeiten gegen einander öffentlich anreizt, wird mit Geldstrafe bis zu sechshundert Mark oder mit Gefängniß bis zu zwei Jahren bestraft."

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