Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1895)
- Date
- 1895-03-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Ar. 10. Allgemeine Berlin. 8. Mür? 1895. ettung Des Dudenlhums. Ern unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacterir: Gustav Karpeles. Begründet von Nabbincr Ludwig Philippso»-i3onn. Verlags-Expedition: Berlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fi'it Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums*, Berlin I 8^V.. Jerusalemer Straße 48/49 zu richten.! Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. I InhltÜ. Leitartikel: Purim. -- Die Woche. — Mm Henry dAviador. B. A. Von Dr. S. R. Landau. — Berufswahl bei den Inden. Von Konsul A. Simon. — Unser Gottesdienst. Von Dr. I. Babad. (Schluß.) — UeLer A. Bernstein. IV. Von Karl Emil Franzos. - Feuilleton: Der erste Ätaun in der Gemeinde. Von Mo riß Scherbe!. — Litterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Lissa. Moschin. Hamburg. Hildesheim. Hannover. Eisenach. Frankfurt a. M.. Sirlzbnrg. Wien. Sofia. — Don Rah und Fern. — Geschäftliche Notizen. Purim. Berlin, 6. März. s giebt eine Ueberliefernng, daß unsere Vorfahren trotz der Wiiiische des Mordechai und der Ester beit Purimtagen keinen höhern festlichen Charakter beimessen wollten; sie entschlossen sich gern dazu, diese Tage durch Speise und Trank, durch Lust und Fröhlichkeit, durch Schenken und Wohlthnn auszuzeichnen, aber nicht einmal im Gottesdienst des Purim ist eine wesentlich erhöhte Feierlichkeit bemerkbar. Jene Psalmen, die wir an allen Festen, die wir sogar an Chanuka und an Neumonden «nstimmen, das Hallet ertönt am Purim nicht im Gotteshause. Es wird den Talmudlehrern schwer, es zu erklären, warum nicht auch zum Preise der Errettung in der Zeit des Ahasverus die Hastellieder gesungen werden; offenbar hat sich das Volksgefühl dagegen gesträubt, die Erinnerung an jene Befreiung durch Mordechai lind Ester mit so hohem und heiligem Sang zu feiern, wie wir ihn freudig erheben, so wir des Auszuges aus Aegypten oder so wir der Heldenthaten der Makkabäer gedenken. In der That haben weder die Menschen noch die Ereignisse, an die uns Purim mahnt, etwas besonders Erhabenes. Der Talmud erzählt, ein Theil des Synhedrio», d. h. einige der Besten und Edelsten des damaligen Israel, habe sich von Mordechai fern gehalten; und wir können uns ungefähr vorstellen, was diese gelehrten Häupter gegen den ja zweifellos mit vielen Tugenden gekrönten Mann einzuwenden hatte». Denken wir uns, Mordechai wäre weniger klug gewesen, er hätte der Ester nicht den schlauen Rath ertheilt, ihre Angehörigkeit zum Jndenlhum zu verbergen, so wäre wahrscheinlich nach menschlichem Ermessen Ester dennoch auf den Königsthron gestiegen, Haman aber, der Feigling, hätte sich wohl gehütet, gegen den Stamm Pläne zu schmieden, dem die Königin angehörte; die ganze Gefahr wäre vermieden worden. Mordechai war nicht der Letzte unter denen, die beim besten Willen Unheil anstiften, weil sie etweder selbst mit ihrem religiösen Bekenntniß hinter dem Berge halten oder ihren Angehörigen dazu rathen. Und dieser wackere Mann, dessen stärkste Seite sonach der Mulh nicht gewesen ist, hatte zur Unzeit wieder zu viel Math, sogar Uedermuth. Warum erwies er nur dem Haman nicht die Ehre, die der König verordnet hatte, ivarum warf er sich nicht vor Haman nieder? Das ist nun einmal im Orient eine Form der Verehrung, wie sie die Herrscher und ihre Günstlinge für sich fordern. Das Jndenthnm verbietet dergleichen Förmlichkeiten nicht; sie sind unzähligemal vor und nach Mordechai von Inden geübt worden, ohne daß diese sich dadurch in ihrem religiösen Gewissen beschwert gefühlt hätten. Mordechai hat den bösartigen Feind ohne Noth gereizt. Vollends im Monient des Trirunphs; wir glauben es dem Talmud gern, daß nicht alle Israeliten einverstanden waren niit jenem tollsten Hinmorden ihrer Widersacher, wenn auch die Juden sich nicht soweit vergaßen, um zri rauben und zu plündern. Von der Stadt Susa, von den Einwohnern der Residenz des Königs, heißt es: Die Stadt Susa war wirr und betrübt, als Israel gefährdet war, und die Stadt Susa war wieder fröhlich, als die Gefahr wich. Sicherlich lebten auch Feinde der Juden in Susa, aber da die große Mehrheit der Einwohner den Inden ivohlgesinnt war, so war es kein Akt der Nothwehr, so gegen die Feinde zu wüthen. Ueber solche Siege singt man keine Hallelpsalmen. Auch Ester zeigt bei vielem Lichte einigen Schatten; sie hieß als Jungfrau Hadassa, die Myrthe, sie war hold, und lieb und anmnthig, und daß sie jeden Schmnck verschmähte, als sie vor dem Könige erschien, ist ein Zeugniß ihrer Bescheidenheit; später hieß sie Ester, der Stern, sie war ein Stern, aber keine Sonne. Schon unsere alten Weisen haben es herausgefundeii, daß ihre anfängliche Weigerung, zum König zu gehen und für ihr Volk zu bitten, schlecht von ihr begründet wurde. Wie konnte sie glauben, daß die Verordnung, Jeder müsse sterben, der ungernfen znm Könige komme, ans die Königin werde angewendet werden. Wie unwürdig benimmt sich Ahasverus, ein frappantes Beispiel dafür, daß kein Herrscher so abhängig, so ohnmächtig ist, als ein Despot. Er ist die Marionette in der Hand seiner Diener; das eine Gute freilich müssen wir gelten laffen, was auch der Talmud von ihm rühmt: er schreibt sich diejenigen auf, die ihm wohlgethan haben. Aber so wenig kennt er seine königliche Pflicht, daß er, als Haman die Vernichtung eines ganzen Volkes fordert, nicht einmal fragt, wie das Volk heiße, und dem Günstling die grausame Forderung bewilligt. Haman selbst hat keine Spur von Größe; er ist feig und eitel; nur unter Despoten könne» solche Lakaien zu den höchsten Aemtern gelangen. Und unter welch' komischen Verhältnissen wird Haman von seinem Schicksal ereilt; er fällt, eigentlich unschuldig, als das Opfer eines lächerlichen Mißverständnisses seitens des eifersüchtigen Königs.