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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-01 · Heft 9 (1.3.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 9 (1.3.1895)
Date
1895-03-01
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Hochschule ernannt. Dr. Heinrich M arcz a l i wurde vom Nuiversitätssenat zum ordentlichen Professor prirno loco in Vorschlag gebracht. Großbritannien. z. London, 22. Februar. Der am Svlmabend erfolgte Tod von Mr. Elim Henry d'Avigdor hinterläßt eine sehr schwer ausfüllbare Lücke im englisch-jüdischen Gemeinwesen. Der Verstorbene, dessen Vater der Graf d'Avigdor aus der Provence stammte, gehörte einer hochangesehenen jüdischen Familie an und war ein naher Verwandter des jüdischen Abgeordneten Sir Julian Goldsmid, dessen Reichthum sein Einfluß oft genug der Allgemeinheit nutzbar machte. Besonders in der Anglo Jewish Association, dem englischen Schwesterverein der Alliance und den Chowawe Zion gelangte d'Avigdor zu tonangebendem Einfluß. Unmittelbar vor seiner Erkrankung hatte er beabsichtigt, eine Reise nach Palästina anzutreten. — Am Montag den 11. d. M. fand das monatliche Meeting des Board of Guardians statt, dem wir als das Bemerkenswertheste entnehmen, daß die 10 Alterversorgungshäuser, die der verstorbene Mr. I. Henry I Moses gebaut hatte, dem Board of Guardians übergeben werden. Zugleich wird demselben ein Fond zur Verfügung gestellt, aus dem jede Bewohnerin dieser Häuser (dieselben sind für alte jüdische Frauen bestimmt) einen Betrag von 13 Lstrl. per Jahr nebst freier Heizung und Beleuchtung erhalten kann. Die Gabe ist um so freudiger zu begrüßen, als gerade die Summen, die der Board of Guardians für Alterversorgung auszugeben hat, Jahr für Jahr erheblich wachsen. Die im Monat Januar außerdem eingegangenen Spenden beliefen sich auf 17,000 Mark, sowie 15,700 Mark zum Baufonds. — In der United Synagogue wurde das gemeinsame Budget vorgelegt und aceeptirt. Die Einkünfte belaufen sich danach auf 516,600 Mark gegen 518,200 Mark im Vorjahr. Rußland. z. Warschau, im Februar. Wie die Hazefirah berichtet, ist kürzlich ein neuer (5 hach am Basch i für Syrien ernannt worden. Sein Sitz soll in Damaskus sein. Es sollen ihm weitgehende richterliche Befugnisse und bedeutende Strafgewalt gegen Uebertreter von Religion und Gesetz eingeräumt worden sein. — In Wilna ist nun ebenfalls ein Auswanderungskomitee für Argentinien behördlich bestätigt worden. Im Frühjahr soll die erste Abtheilung aus dem Gouvernement Wilna nach Argentinien abreisen. Der Bevollmächtigte des Baron Hirsch, Herr D. Feinberg, wird demnächst zu diesem Zweck kurzen Aufenthalt in Wilna nehmen. — Die Karäer, welche im Jahre 1795 durch einen Erlaß der Kaiserin Katharina II. volle Bürgerrechte erhielten, rüsten sich, um das hundertjährige Jubiläum ihrer Gleichstellung mit den Russen durch eine öffentliche Feier zu begeben. Usn Nah und Fern. Am 22. starb der Kantor der Adaß Jisroel-Gemeinde, Joseph Olitzki, nach kurzem Leiden im vollendeten 55. Lebensjahre. Er warein frommer, rechtschaffener Mann und ein begabter Länger. Friede seiner Asche. - Ahlwardt thut sich jetzt als Geschichtsforscher besonders hervor. Er hat neuerdings die Entdeckung gemacht, daß das römische Recht unter Alexander Severus von einem Juden ansgearbeitet worden sei. Vermuthlich besitzt Ahlwardt auch zum Beleg dieser Entdeckung einige Aktenstücke. — Einem jungen jüdischen Uhrmachergehilfen in Celle wurde auf 28 Anfragen um Arbeit in fünfzehn Fällen die offene Antwort: „Nein, ich nehme keine Juden als Gehilfen." Die übrigen 13 antworteten entweder gar nicht, oder sie verschleierten ihre Absage unter allerlei Vorwänden. Einem anderen Juden in derselben Stadt, der seinen Sohn bei einem Kürschner in die Lehre geben wollte, war dies thatsächlich unmöglich, weil kein einziger Kürschner sich dazu verstehen wollte, einen Juden als Lehrling anzunehmen. — Zum Lehrer und Prediger der Synagogengemeinde Lehe-Geestemünde wurde Herr Lehrer S. Bachenheimer aus Bornheim a. Rh. gewählt. — Wie zugkräftig neuerdings die antisemitischen Versammlungen sind, wenn nicht gerade ein Sensationsmann k la Ahlwardt auftritt oder sonst ein Hauptulk zu erwarten ist, beweist ein Vorgang in Quedlinburg. Dort wurde vor Kurzem vom „Deutsch-sozialen Verein" eine Versammlung einberufen, zu welcher 8 (schreibe acht) Personen erschienen. — Dem Lehrer der israelitischen Gemeinde in Gersfeld a. d. Rhön ist seitens der königlichen Regierung die Beibehaltung einer Agentur der Lebensversicherungs-Gesellschaft „Victoria" untersagt worden. — Herr Kommerzienrath Karl Maison, Landlagsabgeordneter und schwedischnorwegischer Konsul in München, wurde vom König von Schweden mit dem Wasa-Ritter-Orden 1. Klasse ausgezeichnet. Maison ist der Sohn des israelitischen Lehrers Maison-Frankfurter in Oberdorf. — Der Redakteur des antisemitischen „Deutschen Volksblattes", Wengg in München, ist wegen Beleidigung des praktischen Arztes Dr. Victor Erdt in Partenkirchen vom Landgericht zu München zu 100 Mark Geldbuße verurtheilt worden. Dr. Erdt (Christ!) hatte seinerzeit vor dem Besuche der Antisemiten-Bersammlung in Partenkirchen gewarnt. Wengg hatte seinerzeit in seinem Blatte behauptet, Dr. Erdt habe gelegentlich eines bei einer Bergtour verunglückten Lieutenant Röder, als er um Hilfe angegangen wurde, sich sofort nach den Vermögensverhältnissen des Verunglückten erkundigt, und erst, als er hörte, daß es sich um einen Offizier handle, sein Erscheinen in Aussicht gestellt. Diese Darstellung beruhte auf Schwindel. — Der Privatdozent Dr. A Cahn in Straß bürg ist zum außerordentlichen Professor in der medizinischen Fakultät der Kaiser-Wilhelm-Universität zu Straßburg ernannt worden. — Am 13. Februar verschied in Braila Bernhard Mendl, schwedisch-norwegischer Konsul, Ritter des Oesterr. Franz Josef-Ordens und vieler anderer Orden, 62 Jahre alt. Der Verewigte entstammte einer angesehenen Familie, welche in tiefe Trauer versetzt ist. — Die jüdischen Studenten in Montpellier haben an die in Paris eine Adresse gerichtet, zur Vertheidigung gegen das antisemitische Treiben im Quartier Latin eine Vereinigung zu begründen. — Das französische Budget enthält auch diesmal den israelitischen Kultus im Kap. 20 und zwar für das Personal des isr. Kultus 133,530 Frs., für das isr. Seminar 22,000 Frs., Unterstützung zu Synagogenbauten 58,000 Frs. Diese Posten des Budget sind in der Kammersitzung vom 18. Februar auch angenommen worden. — Unser geschätzter Mitarbeiter, Herr F. Oelsner in Amsterdam ist zugleich mit seiner Gattin zum „Chevalier de l’ordre de sainte Catherine du Mont Sinai“ ernannt worden. Gewiß eine Seltenheit, daß Mann und Frau zugleich dekorirt werden. Es ist dies ein französischer Orden, der dem des Louisen-Orden für Damen resp. dem des Johanniter für Herren entspricht. - In Brüssel ist Jules Erlanger, ein Bruder Michel Erlangers gestorben. Er war eines der eifrigsten Mitglieder der dortigen jüdischen Gemeinde. Als Musiker hat er Kompositionen geschaffen, die in der französischen Synagoge Eingang gefunden haben. Er war auch Präsident des Lokalkomitees der Alliance in Brüssel. — Das rumänische Parlament hat das Jndigenatsgesuch des Chefredakteurs der „Independance Romaine“ Armand Rubin, der als begeisterter Patriot und als ausgezeichneter Schrifsteller in Bukarest bei allen Parteien angesehen war, mit sechzig gegen dreiundfünfzig Stimmen abgelehnt. Die Blätter aller Richtungen sprechen ihr tiefes Bedauern über dieses Abstimmungs - Resultat aus. — In C u r a q a o in Westindien starb der Beamte der Portugiesischen Gemeinde Rev. Erich Pollak, nachdem er erst vor 18 Monaten dem Rufe dorthin aus Amsterdam gefolgt war. — Einer Anzahl jüdischer Familien, die den Befehl erhalten hatten, im Monat Oktober 1894 Orel zu verlassen, war eine Frist bis zum 1. Januar 1895 gewährt worden. Dieselben machten sich bereit, um nach dem Territorium aufzubrechen, als der Gouverneur von Orel das Ausweisungsdekret zurückzog. — Die „Agenee Havas meldet aus Tanger daß in Marakes ch zwischen den Einwohnern und Aufständischen ein blutiger Zusammenstoß stattgefunden habe, dem zahlreiche Personen zum Opfer fielen. Zum Schutz des israelitischen Viertels seien Vorkehrungen getroffen. Dieser letztere Satz klingt leider sehr verdächtig. — Aus Marocco kommt abermals die Nachricht von der Ermordung eines Juden, Namens Jsaac Quahnen, in Fez, und wieder müssen wir hören, daß der Gouverneur in Fez sich weigert, gegen den stadtbekannten Mörder einzuschreiten. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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