Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- Seite 108 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228104--51560-3272312- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
108 Smiflc flmid er jo. An seinem inneren Auge zogen jene Ferienwochen vorüber, wo er täglich mit ihr so nahe, so paradiesisch schön verkehren durfte .... Und das Aktes ist für immer verloren! Warum, warum bin ich so unglücklich? Den Rest seiner Kräfte zusammenraffend, eilte er vortvärts. In der That, begann er ruhig zu überlegen, ich war sehr unvernünftig, sehr dumm. Wie konnte ich nur einen Augenblick an sie glauben. . . . Wie durfte ich hoffen, daß Lemberg für einen ungeschickten, nichtsnutzigen Bocher besondere Rücksichten haben könnte. . . . Wenn ich mich doch nie aus diesem Sumpfe herausgerissen Hütte, i» dem Andere bis au den Hals stecke», . . . wenn ich nie in dieses reißende, kochende Wasser geratheu wäre! . . . Muß ich denn ertrinken . . . ertrinke», . . . ohne Rettung . . .? Er zitterte wie im F-iebersrost, das Gesicht wurde abwechselnd roth und blaß. Er legte sich auf der Bank nieder. Die Bäume über ihm rauschten düster; Regentropfen fiele» von de» Zweigen auf sein Haar und auf das flammende Gesicht, durchnäßten seine Kleidung. Rach einer Weile schrie er voll Augst und Wuth auf, wie wenn er dem ärgsten Feinde gegenüberstünde. Er athmete schwer, warf sich von einer Seite auf die andere, aber hatte keine Kraft, sich zu erhebe». Das harte Holz drückte ihn, der Hunger zerriß wie mit Zangen die Eingeweide, breitete einen Nebel über die ermattenden Sinne. Schon verfiel er in Erstarrung, aber noch bewegten sich die Lippen: Wo ist die Wahrheit? wo? Seine Gedanken schweiften plötzlich zurück. Wie Traumgesichter zogen dunkle, traurige Bilder an ihm vorüber. Er fand sich in einer engen, dumpfe» Stube, von den Geschwistern herumgestoßen, mit Abfällen gefüttert. Er sah sich im finstern Cheder, hörte das Sausen des Riemens, vernahm die erwachenden, sich anfbäuinenden Gedanken... Nie, nie bin ich ein Kind gewesen ... Ich habe keine ungetrübte, Helle Freude gekannt. . . Ich weiß nicht, was Freiheit, was Lache» oder jugendlicher Muthwille fft, kenne keine Küsse, keine Liebkosung. . . Im ewigen Schmerze, in nnaufhörtichem Ringen mit dem Mangel, mit dem Feinde, dem eigenen sich empörenden Geiste . . mit den sich mir cntgegenstellende» Hindernissen . . . flössen meine Tage dahin. . . Wo ist mein Frühling? Wo? Wohl habe ich ihn gesehen ... ach! so nahe gesehen. ... Er ist aber enlflohen . . . mich mit gliihenden Kohlen überschüttend, welche so brennen . . . ach, so brennen . . . ohne Erbarmen! Auch habe ich hoch, hoch über mir . . . einen anderen Himmel gesehen . . . hier sehe ich ihn . . . wundervoll . . . mit hellen, lächelnden, zauberischen Sternen übersät . . . Ach! Er suchte sich auf der Bank aufzurichte» und öffnete die Augen, um das in der erlöschenden Phantasie ansgesponnene Bild zu erhaschen. Er erblickte einen riesigen, schwarzen, undurchdringlichen Punkt über seinem Haupte. Ist das der Himmel? Es entfielen ihm schwere, schmutzige, brennende Tropfen. Ist das der wohlthuende Regen? Die Blatter wehten und rauschten . . . trüge, traurig. . . Sind das die Stimmen der Bäume? Jizchak breitete mit einer konvulsivisch verzweifelten Bewegung die Hände ans und sog die Lust wie einen belebenden Heiltrank ein. . . Nein, nein ... das ist keine Arznei . . . kein Brod! Mit dumpfem Stöhnen fiel der Jüngling auf die Baut. * Am Morgen standen einige Passanten um ihn herum, und ein Polizeimann schüttelte ihn. „Heda, ansstehen." „Krank oder betrunken?" flüsterten die Leute. Den halb Bewußtlosen, Durchnäßte», Zähneklappernden führte ein Wächter der öffentlichen Sicherheit in das Polizeikommissariat. Jizchak antwortete wie im Halbschlafe, und war keiner rascheren Bewegung fähig. Der amthabende Kommissar beschloß lurz »nd bündig: „Auf Grund der Landstreicherverordnung . . . soll er mit Schub in den Ort seiner Zuständigkeit befördert werden. Borläufi: geht er i» den Arrest!" Während er den frischen Posten in dem Amtsbuche ansfülltc brummte er noch: „Gottes Strafe. . . Daß auch das Lumpengesindel aus de ganzen Welt sich nach Lemberg schaart. . . Haben wir au unseren Bagabunden nicht genug? Und der Jude. . . Hm ... die Jude:: sind ja wegen ihrer Solidarität und gegenseitigen Hilfsbereitschasi bekannt! . . . Sonderbar . . ." Der Polizeimann erfaßte den Bezeichneten am Arme, dieser lies: sich wie eine kraftlose Masse zu Boden sinken. „Aber Herr Kommissär," begann Jener. „Er scheint krank zu sein. . . Typhus oder der Teufel mag wissen, was?" „So?" und der Herr mit den drei Sternen am Sammtkrage:: warf über die Lehne seines Fauteuils einen Blick »ach dem Soph« „So? Was läßt sich da thun? Ins Spital mit ihm. . ." Kprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! (^Abzüglich der Bemerkung in der letzten Nummer der „Allg Zeitung 0zf des Judenthums", daß christliche Gelehrte zuweilen in judaici eine auffallende Unwissenheit verrathen, möchte ich darauf Hinweisen, daß Brockelmann's falsche Auffassung der Phylakterien durch Hieran:) mus verschuldet fein könnte. In seinem Kommentar zum Pentateuch beschreibt Johannes Clericu Exodus 13, 9, sachgemäß die Phylakterien, giebt richtig die vier Bibel abschnitte, welche, auf Pergament geschrieben, am Handgelenk und der Stirn getragen werden, au und drückt schließlich seine Verwunderung aus, daß Hieronymus weder selber gesehen, noch durch seinen Lehrer aufgeklärt wurde, wie die Phylakterien beschaffen sind. Zu Matt. 23, 5, bemerkt nämlich der berühmte Kirchenvater „Pharisaei male interpretantes Deuteronomium 6, 8, sevibunt ii membranis decalogurn Mosis, id est, decem verba leg-is, oornpl. cantes ea et ligantes in fronte, et quasi coronam capiti facientes, i; semper ante oculos moverentur.“ Wie aus diesem Citat ersichtlich ist, war Hieronymus der falschen Ansicht, die Phylakterien enthielten die Zehngebote und wurden nur an der Stirn befestigt, nicht aber auch an der Hand. Von da bis p: Jrrthum Brockelmann's ist der Weg nicht mehr weit. Bukarest, 6./18. Februar. Ganz ergebenst Dr. M. Becl. $ Geehrter Herr Doktor! cMn Nr. 4 der Allg. Ztg. findet sich ein Fehler. Frl. Laura Seaso. <rg) Sood, welche dem Hebrew Union College 8000 Doll, vermachte, hieß Seasongood und war Jüdin. Sie gehörte einer angesehenen hiesigen Familie an, die vor vielen Jahre:: aus Baiern einwanderte und Süßengut hieß. Neulich haben Sie auch die Wahl Mayer Sulzbach'- aus Philadelphia zum Richter in N. A. gemeldet, während thatsächlicg der betreffende Mayer Sulzberger heißt und zum Richter in Philadel phia gewählt war, ja nach der amerikanischen Verfassung als Bürger von Pennsylvanien nicht im Staate N. A. wählbar ist. Cincinnati, 11. Februar. G. i>- Druck und Serbin von Nudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die NcdcPbott: Mar Bauchwitz in Berlin. f>9. 3a! B. Sitzung nachte ' daß He: Wochen oertrete: gungs-2 nes Vo Cine n Pankon raths 3 oinguno tagen Versam Hospito 9200 T steckend« Gemei erstatte: gegen! habe; Finanz Abstani erste T besond« wird e^ Natur wiesen. schlüge: der V Mein:: zeigt si und be waren möchte ihr nu trage tragt. ein, i: weist, Unters solchen der Ko bittet, Erwer Mitgl Gerinl wüßte thätig Sachs wird komn W00( aussch bOOO UM 1 erläut grüße