Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- Seite 107 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228104--51559-3272311- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
107 n Rechte at später in Paris, Sratianus auch verruß stehe, äten dem die ihre )urch eine Zefehl ern sich acht Siebenr Gericht nicht das ygienische cht Alles, emoiren- Männer, i erklärt er fängt e Cornu, eon derrdenfrage nistrative cn unbe- ' frühere lg folgt.) rnn. ng von ihn zu ihn auf fnahme. inanderssen des nd man, diennng t wieder rspottet. cke und willigen irderobe jrlich. hm znelputzer. „Habt Ihr das Geld gefunden?" fragte der Kamerad, ihn am Kockknopfe festhaltend. „Nein." „Was macht Ihr?" „Nichts." „Wißt Ihr was? Ihr könntet mir helfen!" Lustig lachend zeigte er die weißen Zähne zwischen den rußigen sippen. Einige Gefährten umringten Jizchak mit Witzen und derben ifinfällen. Jizchak entfernte sich eilig. So tief bin ich schon gesunken! dachte er schmerzlich. Er chüttelte den Kopf, als wollte er eine lästige Idee vertreiben. Plötzlich durchzuckte es ihn, wie ein feuriger Strom. Ich muß sie sehen! Er hatte Fräulein Lola seit mehreren Tagen nicht gesehen, er nette sich gesagt, daß er keine Ansprüche erheben dürfe. Aber ihr siild hatte er nicht zu vertreiben vermocht. Seine Phantasie gerieth plötzlich in mächtigen Schwung, gleich iner Riesenglocke in seineni ganzen Wesen ein Echo erweckend, »nd wn einer unwiderstehlichen Macht getrieben, fand sich Jizchak vor der Bohnung der Familie Bauer. — In der Küche blieb er erschrocken letzen; er streckte lauschend den Hals vor. Ein stilles, halbnnterdrücktes Schluchzen drang zu ihm. Ach ms ihrer Brust kam es. Und in abgerissenen, schluchzenden Sätzen wiederholte sie: „Mama ist immer so. Warum kann ich nicht dieses Kränzchen besuchen? . . . Warum? . . . Warum? ... Ich Unglückliche!" Er öffnete die Thür, und was sah er da? Fräulein Lola saß, ms Köpfchen in beiden Händen haltend, am Tisch. Die Brust wogte, sie rieb sich die Augen und jammerte. „Unausstehlich bist Du," erscholl die Stimme der Mutter aus >em anstoßenden Zimmer. „Habe ich Dir doch bereits gesagt . . ." Das Mädcheir sprang auf, um wegzulaufen, als sie Jemand intreten hörte. Aber Jizchak, dessen Herz brannte, stellte sich ihr n den Weg. „Fräulein!" sprach er mit gedämpfter, bebender Stimme. .Was ist Ihnen? Brauchen Sie etwas?" Lola blieb, hochaufgerichtet, mit geröthetem Antlitz, Thränen in >en Augen, stehen. Jizchak betrachtete sie voll Entzücken. „Fräulein," sprach er elegisch, „Sie wissen nicht, was mit mir 'vrgeht. . . . Aber seitdem ich Sie kenne, bin ich ein anderer 'Keusch. . . . Immer muß ich an Sie denken . . . und das schmerzt uich so sehr und thut mir so wohl. . . . Mir war es, als wen» man mich mit Messern schneiden würde. ... wie ich Ihr. . . Beinen hörte. Sagen Sie mir, . . . vielleicht ist es nothwendig, . . ich würde Alles . . . hingeben, . . . mein Leben, . . ." Lola blieb nach den ersten Worte» wie versteinert stehen. Dann naß sie ihn vom Kopfe bis zu den Füßen und brach in ein Helles, unaufhaltsames Gelächter ans. Jizchak erstarrte. „Die Nichtswürdige!" sprach er langsam, wie ans schwerem Traume erwachend. „Sie verspottet mich." . I» diesem Augenblicke sah er Frau Bauer vor sich stehe». „Es thut mir sehr leid, Herr Graf, aber Sie dürfen nicht mehr u uns kommen." „Sie," stotterte Jizchak verblüfft, . . „Sie . . treiben mich fort?" „Zürnen Sie mir nicht, aber ich wünsche nur Ihr Bestes. . . Glauben Sie mir, nur die Rücksicht auf Ihr Wohl läßt mich so handeln. Und ich wünsche Ihnen von Herzen Glück," schloß sie, ihni die Hand entgegenstreckend. Jizchak fühlte eine Banknote in seiner Hand. Er legte sie auf den Tisch, und sprach mit gebrochener Stimme: „Ich danke . . . für Alles." Sinnend blickte Frau Bauer dem Fortgehenden nach, und das gewohnte wohlwollende Lächeln weilte ans ihrem Gesicht. XX. Unsägliche Qualen folterten ihn. Jetzt erst empfand er Schrecken vor dem Abgrunde, dem er entgegen eilte, übermannte ihn die Angst der Hoffnungslosigkeit. Sollte jetzt Alles, Alles zn Ende sein? fragte er sich. Giebt es keine Rettung mehr für mich? Was habe ich denn gewollt? Bon Zeit zu Zeit auf sie zu schauen, einige Worte von ihr zn hören . . . und wenn cs mir gar zn schwer um's Herz gewesen wäre, hätte ich ihre Hand berührt, sic um ein gutes Wort gebeten. . . Ist das so viel, daß ich dafür verlacht, herausgetrieben werde? Ich . . . hier schlugen seine Gedanken eine andere Richtung ein ... ich. . habe Hunger und bin ganz allein in dieser Menge . . . fremd und verlasse». Das Thier erwachte in ihm. „Essen, essen," schrie cs. Aus dem nächsten Haus fluthete ein Strom Hellen, freundlichen Lichtes. Er sah rnn sich; in der Auslage standen Berge zierlicher Zuckerwaaren, ganze Pyramiden einladender, feinster Backwerte. Ein Stück, ein Stückchen Brodes . . . flehte er im Geiste. Eilig entfernte er sich von der glänzenden Konditorei. Der Wind heulte stärker, eine durchdringende Kälte machte sich fühlbar. Langsam, gesenkten Hauptes ging Jizchak weiter. Vielleicht doch zur Wirthin zurück? Der beleidigte Stolz bäumte sich. Und Du willst von diesen Hungerleidern Almosen annehme»? rief es in ihm. Ter Menschenstrom trug ihn vor ein prächtiges, Gebäude, aus welchem eine geputzte, laut lachende, die Witze und Melodien der soeben gehörten Operette wiederholende Menge sich auf die Straße ergoß. Wie kann man sich so freue». . . Diese Menschen genießen das Leben, sind seiner froh, und wir.. . Unter diesem „wir" verstand er die ungezählte Schaar jener „Kleinen" und Enterbten, in deren Mitte er anferzogen war. Die Stadt wurde still und öde. Ungeduldig, mit großen Schritten eilte er vorwärts. „Eh," murmelte er, „was kümmert mich Alles, ich bin verteufelt hungrig." Er stand vor seiner Wohnung und hob die Hand zur Glocke. Aber da erinnerte er sich an den Hausmeister, welcher immer an einer Pfeife schmauchte und unbarmherzig fluchte, wenn ec nicht sein Sperrgeld bekam; er erinnerte sich der armen Wirthin, bei der einig Kreuzer schon ein Vermögen bildeten, und bei welcher der Abgang dieser paar Kreuzer ein fühlbares, den unglücklichen Krüppel, die schwindsüchtige Tochter schädigendes Defizit bildete. „Und was wird sein, wenn ich mich jetzt satt esse? — Wie wird es morgen, übermorgen werden? Bon ihrem blutigen Schweiß leben? Nein, besser ist es, heute den bitteren Kelch zn leeren, welcher morgen nuvermcidlich sein wird." Gedankenlos zog er weiter, an den Lippen nagend. Ter Wind pfiff, und der Himmel wlirde immer dunkler. Ihm gegenüber rauschten eintönig und träge die in langer Reihe stehenden Bäume, und die Schatten derselben, mit denen der seltenen Fußgänger und Droschken zusammenfließeud, sahen wie hundertköpfige, phantastische Ungeheuer, wie bewegliche, sich kreuzende, entsetzliche Galgen aus. Jizchak lehnte sich an ein Hansthoc. die Augen schließend.