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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-01 · Heft 9 (1.3.1895) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 9 (1.3.1895)
Date
1895-03-01
Page
Seite 106 (sequence 12)
Language
German
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106 Vorstudium bewilligt worden war, begonnen. Die Judenfeinde, denen sich natürlich die professionellen Skandalmacher und alle Gegner der neuen Ordnung angeschlossen hatten, waren vor die Kammer gezogen und während drinnen einige Moldauer Abgeordneten von der Tribüne sich gegen die politische Gleichstellung der Juden verwahrten, lärmten Jene vor den Thoren. Zu spät ergriff I. Bratianu das Wort und erklärte im Namen der Regierung, daß dieselbe nicht auf dem bekämpften Artikel bestände. — Zwar wurde ihm brausender Beifall von Seiten der Deputirten zu Theil, aber der draußen tobende Volkshaufe ließ sich nicht mehr beruhigen, sondern zog, wie eine Lawine anschwellendt den Metropolieberg hinab, durch die Stadt bis vor die Synagoge. Dieses erst kürzlich vollendete stilvolle Gotteshaus ward gänzlich zerstört! Das konnte nur geschehen, weil die Bukarester Polizei nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe stand und durchaus nicht ihre Pflicht that. Erst durch die Nationalgarde, die leider zu spät auf dem Platze war, um die Demolirung der Synagoge zu verhüten, wurde die Ruhe wieder hergestellt. Nachts um halb zwei Uhr trifft der Fürst in Crotoceni ein, hier erwarten ihn General Golesku und der Ministerpräsident, um ihm das Geschehene zu melden. 111. Juni /1. Juli (Sonntag) Der Ministerrath tritt unter Vorsitz des Fürsten zusammen und beschließt, wegen der gestrigen Unruhen einen Aufruf an die Bevölkerung zu richten; in beredten Worten wird den bethörten und aufgehetzten Menschen ans Herz gelegt, was sie Alles aufs Spiel setzen würden, wenn sie sich jetzt zu Judenhetzen hinreißen ließen. Eine der gelesensten Zeitungen, Cesar Boliacs „Trompeta Carpatzilor", hetzt ganz offen zu Ausschreitungen gegen die Juden. Die ausländische Presse hat die Angelegenheit zu der lügenhaften Behauptung ausgenutzt, daß jener Artikel über die Emancipation der Juden unter dem Druck eines bezahlten Pöbelhaufens zurückgezogen worden sei, und daß Bratianu gegen die Juden gesprochen habe. Die Wahrheit ist, daß der Artikel auf Verlangen der Juden selbst zurückgezogen wurde, welche schon vor jener stürmischen Kammersitzung, als sie die allgemeine Aufregung int Volk bemerkt hatten, den Vertretern der Negierung erklärt hatten, daß sie auf Erweiterung ihrer Rechte verzichteten, wenn dieselbe auf Kosten der öffentlichen Ruhe und Sicherheit erkauft werden müßten. — Das spricht doch nur für die rumänischen Juden selbst in sehr vortheilhafter Weise. Tags darauf weiß der Biograph leider zwei widersprecheiche Nachrichten zu melden: 20. Juni / 2. Juli. Für den Wiederaufbau der zerstörten Synagoge spendet der Fürst aus seiner Privatschatulle sechstausend Dukaten. 21. Juni / 3. Juli. Die Kammer verwirft nach erregter Debatte den Art. 7 der Konstitution, daß die Konfession kein Hinderniß der Naturalisation bilden solle, und ersetzt ihn durch einen Artikel folgenden Wortlauts: „Nur Christen können rumänische Staatsbürger werden", so daß es den rumänischen Juden unmöglich gemacht ist, auch unter den schwersten Bedingungen in den Besitz der politischen Rechte zu gelangen. Damit ist mm das oerhärignißvolle Urtheil gesprochen und es beginnt nunmehr ein Kampf aus Tod und Leben. Aber erst im nächsten Jahre berichtet das Memoirenwerk Näheres über diesen Kampf. Zum ersteumale taucht hier der Name Bratianu auf, der in der Geschichte der rumänischen Juden eine so seltsame Doppelrolle spielt. 2/14. April 1807. Der Minister des Innern, I. Bratianu, richtet ein Zirkular an alle Präfekten, welches auch im „Moniteur" veröffentlicht wird und in sehr scharfen Worten Befehl ertheilt, gegen alle „Vagabunden" streng vorzugehen. Seit Abschaffung der früher üblichen Wegescheine werde Rumänien von allen seinen Grenzen her mit Fremden überschwemmt, die ohne Hilfsmittel seien, und in diesen Zeiten der Noth, wo die Regierung kaum beix Hunger der Einheimischen stillen könne, müsse man gegen diese Plage der Einwanderung durch strenge Mittel vorgehen. Zur Ausführung dieses Befehls habe der Kriegsminister seine Mitwirkung zugesagt. Obwohl in dem ganzen Zirkular der Ausdruck „Israeliten" nicht vorkommt, erregt dasselbe die öffentliche Meinung in Europa, die unter dem Ausdruck „Vagabunden", „Fremde" in erster Linie jene durch die strengsten Maßregeln betroffen sieht. Wie sehr die öffentliche Meinung mit dieser Ansicht im Rechte war, sollte sich nur allzu bald zeigen. Kaum eineu Monat später hören wir die beiden folgenden Nachrichten: 11./23. Mai. Herr Desjardins, Professor der Gesuchte in Paris, trifft ein und berichtet dem Fürsten, daß der Kaiser über Bratianus Maßregeln gegen die Moldauer Juden sehr aufgebracht sei, auch vermuthet derselbe, daß die rumänische Regierung unter russischem Einfluß stehe. 12 /24. Mai. Die moldauischen Konservativen unterbreiten dem Fürsten wegen der Maßregeln gegen die Juden eine Petition, die ihre Spitze gegen Bratianu richtet. Unter den neunzig Juden, die durch eine ad hoc von der Jassyer Munizipalität auf des Ministers Befehl ernannte Kommission für Vagabunden erklärt worden sind, befinden sich acht Hausbesitzer und kein einziger, der nicht ein Gewerbe betreibt. Siebenunddreißig dieser Leute find ausgewiesen, vierunddreißig vor Gericht gestellt worden. So bedauerlich dies ist, so verdient es doch nicht das Entsetzen, das es hervorgerufen hat. Eine gut gemeinte hygienische Maßregel ist eben schlecht ausgesührt worden, und es geschieht Alles, um das Versehen wieder gut zu machen. Eine „gutgemeinte hygienische Maßregel" nennt der Memoirenschreiber die entsetzliche Verfügung, nach welcher angesehene Männer, Hausbesitzer und Gewerbetreibende einfach als Vagabunden erklärt werden. Die Objektivität des Hofes den Juden gegenüber fängt bedenklich zu wanken an. Aus einem Schreiben an Madame Cornu, die zwischen dem rumänischen Hof und dem Kaiser Napoleon vermittelte, wird am selben Tage Folgerndes mitgetheilt: Schließlich bemerkt der Fürst, daß auch die sogenannte Judenfrage ungemein übertrieben worden sei. Bratianu habe eine administrative Maßregel — hauptsächlich gegen die Juden, die in den Dörfern unberechtigterweise Schänken hielten — getroffen, welche sich auf frühere Verordnungen stützten. (Fortsetzung folgt.) 1— Ü ^wiiaiüffiiaEKfaiäg i * FEUILLETON *- —--1 —-1; — Ner Iudenjunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. (Schluß.) XIX. (Mer ganze Vormittag verging ihm über der Wanderung von J&l einer Werkstätte zur anderen. Die Wirthin führte ihn zu den ihr persönlich bekannten Handwerkern oder machte ihn auf die anderen aufmerksam, er ging überall hin und bat um Aufnahme. „Nein," erwiderte man nach längeren oder kürzeren Auseinandersetzungen. Hier und da wurde er gefragt, ob er einige Klassen des Gymnasiums oder der Realschule beendigt habe, anderslvo fand man, daß er zu alt sei und gewiß nicht genug elastisch in der Bedienung und nicht geduldig im Empfangen der Hiebe sein würde, dort wieder tvurde er ivegen der weißen Hände und des kraftlosen Körpers verspottet. Um die Mittagsstunde lag er nicht lange in seiner Ecke und schlief ein. Er fühlte sich sehr schwach, infolge des unfreiwilligen Fastens. Dann berechnete er, ob er nichts von seiner Garderobe veräußern könnte, aber das, was er besaß, war eben unentbehrlich. Er ging in die Stadt. An einer Straßenecke wurde ihm zutraulich auf die Schulter geklopft. „Servus, Kamerad." Es war sein Stubeiigefährte, der schwarze, schmutzige Stiefelputzer. Jizchak bebte zurück.

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