Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- Seite 105 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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105 die große Masse des Volkes, deren Umgangssprache in Palästina das Aramäische, aber nicht mehr das Hebräische war. Heute aber, wo die allermeisten der in Deutschland und den romanischen Ländern wohnenden Juden entweder gar nicht oder äußerst wenig Hebräisch verstehen, scheut man sich — mirabile dictu — der jeweiligen Landessprache im Gottesdienst einen größeren Raum zu gewähren. Gewiß, ich wünsche auch, wie es 4. M. 11, 29 heißt: „daß das ganze Volk des Herrn aus Propheten bestände", d. h. ins Moderne übersetzt, daß alle Juden Hebräisch verstünden, aber wie die Verhältnisse nun einmal liegen, wird das, wie ich hier schon einmal ausgeführt habe, nur ein frommer Wunsch bleiben. Es soll freilich nicht damit gesagt sein, daß der ganze Gottesdienst Deutsch statt Hebräisch sein müßte, sondern nur der größte Theil. Man wird vielleicht einwenden, daß ja jetzt schon in den meisten Gebetbüchern neben dem hebräischen Text die deutsche Uebersetzuug stehe. Es ist aber, meiner Ansicht nach, ein Unterschied, ob das gesprochene Gebet der Muttersprache entnommen ist und daher ohne Weiteres verständlich ist, oder ob es erst durch das Medium der Uebersetzuug wird, die noch dazu den Uebelstand hat, daß sie, wäre sie noch so gut, sich an das Original halten muß, dadurch vielfach uns fremdartig cmmuthet und unserm modernen Denken und Empfinden keineswegs gemäß ist. Und damit komme ich auf ein zweites, meines Erachtens wohl zu erwägendes Moment. Man betont mit Recht, daß das Gebet vor Allem und zuerst wahr sein müsse, daß es dem innigsten Wünschen und Hoffen des Betenden entsprechen müsse. Trifft nun bei allen unfern täglichen Gebeten diese Voraussetzung zu? Ich behaupte geradezu: keinesfalls. Da spielen vor Allem nach wie vor, selbst in dem Gebetbnche, soviel ich mich erinnere von Geiger, immer noch Zion und Jerusalem eine große Rolle. Allein in dem bekannten Achtzehn-Gebet — dem Schemone Esre — das der fromme Jude Wochentags dreimal täglich spricht, heißt es bald: „Und nach Jerusalem, deiner Stadt, kehre mit Erbarnien wieder und wohne in ihr, wie du gesagt hast, und erbaue sie bald in unfern Tagen", einige Benediktionen weiter: „Es mögen unsere Augen sehen, wenn bn »ach Zion erbarmungsvoll zurückkehrst; gelobt seist du, Ewiger, der seine Herrlichkeit mit Erbarmen Zion wiedergiebt." Nun ist das genannte Achtzehn-Gebet im ersten oder zweiten Jahrhundert nach der Zerstörung des zweiten Tempels entstanden, zu einer Zeit also, in der jene Gebete ihre volle Berechtigung hatten und den Herzenswünschen der Betenden unzweideutigen Ausdruck gaben. Sie mögen ferner auch im Mittelalter zeitgernäß gewesen sein, wo es für den Juden keine Heimath gab, keine sichere Wohnstätte, wo er lingestört und mit Ruhe hätte leben können. Heute aber haben jene Gebete, geradezu gesagt, gar keinen Sinn. Hand aufs Herz, wer von uns will nach Jerusalem, wer will heute dort ein jüdisches Reich gründen? Selbst der orthodoxeste polnische Jude, wenn ec nicht gerade ein Erzschnvrrer ist, der in Europa nichts zu verlieren hat, denkt nicht daran, nach Palästina zu gehen, wenn er auch noch so inbrünstig a» den Peßachabenden und am Ausgang des Jomkippur „leschono habe be Jeruscliolajim“ betet. Es ist der deutsche Jude mit Leib und Seele Patriot geradeso, wie der Deutsche für Deutschland und der französische für sein Vaterland ist. Ich habe es selbst erlebt und zu beobachten Gelegenheit gehabt, daß der Jude in verschiedenen Länder», trotz allem antisemitischen Gekläffe, gerade so gut sein Vaterland liebt, als mancher Christ, der anstandslos dem Juden Mangel an Patriotisnuls vorwirst, (Schluß folgt.) Aus dem Leben König Karls von Rumänien. Von Theodor Braun. I. rnch den „Aufzeichnungen eines Augenzeugen" ist jetzt im j\y, Verlage der I. Cotta'schen Buchhandlung in Stuttgart ein zweibändiges Memoirenwerk erschienen, welches das Leben des regierenden Königs von Rumänien von seiner Thronbesteigung an bis auf die Gegenwart in ausführlicher und zuverlässiger Weise schildert. Das Buch hält sogar mehr, als es verspricht. Denn es ist nahezu eine vollständige Autobiographie des Fürsten. Für uns bietet dieses Memoirenwerk ein ganz besonderes Interesse, da es im Verlaufe der Erzählung, in Notizen, Briefen hoher Persönlichkeiteil und anderweitigen Mittheilungen eine nahezu vollständige Geschichte der rumänischen Judenfrage darbietet. Und da diese Jndenfrage gegenwärtig leider wieder einmal aufgerollt ist, so haben jene Mittheilungen geradezu ein aktuelles Interesse. Es erscheint uns aber nvthwendig, ehe wir an dieselben herantreten, zweierlei zu bemerken, was für eine objektive Beurtheilung dieser Mittheilungen nvthwendig [ein dürfte. Das Erste ist: daß König Karl selbst dllrchaus kein Gegner der Juden ist, ja, er steht sogar der leidigen Judenfrage wohlwollend gegenüber. Erst im Verlauf der Dillge, da die Frage die ganze Knlturwelt zu bewegen und die Existenz Rumäniens zll gefährden beginnt, das ihm vor Allem am Herzen liegt, wird auch er dieser Frage gegenüber zweifelhaft und bedenklich, ohne indeß von seinen liberalen Grundprinzipien abzugehen. Das Zweite aber ist, daß der Herallsgeber des vorliegendeli Bllches keineswegs auf demselben wohlwollellden Standpunkt steht wie fein Fürst. Nach seinen Mittheilungen wird die Judellfrage in Rumänien nur ailfgeballscht, uni SRumättim in der öffentlichen Meillung zu schaden. Mall weiß, wie wenig diese Anschauung ben geschichtlichen Thatsachen entspricht. Und nun zll dem Bllche selbst. Im Juni des Jahres 1866 beginnt die Judellfrage akut zll werden. Die innere Lage Runläniens ist eine recht unerfreuliche, die Verfassungsfrage will llicht vorwärts rücken, die Situation ist eine sehr erregte; es heißt mm unter dem Datum dieses Tages: 10./28. Juni. Besonders die sogenannte Judenfrage erhitzt die Gemüther, während man sich über den Senat, die Vetofrage und die kollaterale SuceessionsMöglichkeit in der Familie des Fürsten von Hohenzollern schneller einigt. Die Regierung schlägt der Kammer eine Frist von achtundvierzig Stunden zum Studium des Entwurfs vor, in der Hoffnung, unter der Hand versöhnlich einwirken zu können. Man hat der chauvinistischen Stimmung der Kammer schon dadurch Rechnung getragen, daß man ein Verbot der Kolonisation durch Fremde in die Konstitution aufnahm, obgleich weitsehende Männer das Mißverhältniß zwischen dem Areal und der Bevölkerungsdichtigkeit des Landes wohl erkannt haben. — Ein erbitterter Kampf ist nun aber über folgende von der Regierung vorgeschlagene Artikel entbrannt: „Die Konfession ist kein Hinderniß zur Naturalisation in Rumänien", und „Was die (bereits in Rumänien ansässigen) Israeliten anlangt, so wird ein Spezialgesetz ihre stufenweise Zulassung zur Naturalisation (und damit zu den bürgerlichen Rechten) regulieren". Ein Schrei des Entsetzens geht durch die Moldau! Die heinilichen Gegner der geplanten politischen Regeneration des Landes haben seit Wochen nichts unversucht gelassen, um die Gemüther in Aufregung zu versetzen und den Rassenhaß gegen die Juden stärker anzufachen. Es stehen deshalb Unruhen und Straßenaufläufe zu befürchten. Fürst Karl kehrt deshalb von einer Reise innerhalb des Landes eiligst nach der Hauptstadt zurück. 18./30. Juni 66. In der Kammer hatte nämlich die Debatte über die Konstitution nach der achtundvierzigstündigen Frist, welche zum