Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- Seite 102 (sequence 8)
- Language
- German
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102 gegenüber ihren Mitgliedern, sondern auch ihre Stellung, ihre Tradition weisen sie gebieterisch barauf hin. Auch die mnt vorhandene Lehranstalt zur Heranbildung von Rabbinern fordert unabweislich das Vorbild begeisterter und begeisternder Kanzelberedtsamkeit. Woher sonst sollten ihre Jünger die Allregung empfangen? Die homiletischen Theorien werden es nie und nimmer zu Stande bringen. Wenn die Wiener Gemeinde sich nicht vollständig um die Berechtigung zur leitenden Position innerhalb der österreichischen Judenschaft bringen will, muß sie darauf bedacht sein, sobald als möglich diese Lücke ansznsülleu. Lange genug hat sie dieselbe klaffen lassen. Mail hätte sich gerne in manchen anderen Dingen ihrerseits Unterlassungssünden gefallen lassen; in der Predigerfrage hingegen wäre eine weitere Unterlassung mehr als eine Sünde; sie wäre — ein Fehler. Man pflegt in solchen Fällen auf die nachtheilige Wirkung hinzuweisen, welche diese Zustände auf die Heranwachsende Jugend haben. Das thnn wir nicht. Warum auch? Müssen wir Glicht wie David ausrufen: „Sie haben mich heute vertrieben, daß ich micht nicht anschließen kann dem Erbgute des Ewigen"? Die gähnende Leere in unseren Bethäusern ist die Illustration dazu. Berhängnißvoll für die Wiener Gemeinde ist das Vorstaudsprovisorium, das schon jahrelang andauert. So lange die Genehmigung der der obersten Landesbehörde vorgelegten Statuten von dieser nicht erfolgt ist, kann eine Neuwahl des Vorstandes nicht vorgenommen werden. Mittlerweile gehen die Dinge, wie sie eben während eines Provisoriums gehen können. Zudem ermangelt der Vorstand selber eines Präsidenten. Wer soll aber die Direktive geben, wenn der Kapitän auf dem Schiffe fehlt? Vielseitig wird wohl die Ansicht vertreten, daß es keinen Schaden mvolvire, wenn wer immer den Präsidentenstuhl einnimmt; das ist aber ein Jrrthmn, der eine große Gefahr in sich birgt. Ter Präsident muß vielmehr durch biederes Wesen, Hellen Geist, weiten Blick, strenge Unparteilichkeit, wohlwollendes Entgegenkommen, rechtliches Streben hervorragen, weil die in seiner Stellung unentbehrliche Autorität nur in seiner eigenen Kapazität Ursprung und Konsistenz hat. Jede Blöße entzieht seinem Ansehen, seiner Machtfülle den Boden. Was für das Gemeinganze ein autoritatsloser Präsident bedelltet, erleben wir schaudernd mit, lvenn unser Blick sich nach auswärts richtet. Ueberhanpt war vielleicht zu keiner Zeit die weitestgehende Behutsamkeit bei der Wahl der an die Spitze des jüdischen Gemeindewesens zu stellenden Persönlichkeiten so dringend geboten, wie in der gegenwärtigen. Die konzentrirten Angriffe der außen sich ansannnelnden Feinde, die eentrifllgalen Bestrebungell, welche im Innern nach Geltung riligen, erheischen Mällller in der Vorderfront, deren Willenskraft, Ueberzengungstreue, Charakterstärke unb Gerechtigkeitsliebe unbeugsam sind luie Stahl. Leider wird hierauf soviel lvie keille Rücksicht gellomnlen. Es wäre demmigeachtet unbillig, welln Ulan darill den Ausdrllck des herrschenden Jndiffereiltismns evMufcu wollte, da thatsüchlich ein lebhaftes Interesse für die Gemeindevorgälige ill allen jüdischell Cirkeln sich bemerkbar macht. Weml berechtigterweise diesfalls eilt Vorwurf erhoben werden fnnn, so ist es der, daß die besseril Kreise sich dermalen von jeder aktivell Betheiligullg an beit Wahlen fern halten unb jede passive Wahl ablehnen. Es gab eine Zeit, lvo Männer von Ansehen, Stellung lmd Einfluß es als die größte Ehre ansahen, in ben Areopag der jüdischen Gemeinde gewählt zu werderl; Ignatz Kilrallda war bis zu Thrällen gerührt, als die Wahl zum Präses auf ihn siel, lvie er überhaupt seine Pflichten als Jude nie aus dem Auge verlor. Anläßlich seiiles 70. Geburtstags-Jubiläums hob er selbst hervor, daß er auch ill seinem Verhalten im Parlamente nie vergaß, welche Zurückhaltung j er sich als Jude anfzuerlegen habe. Das Gefühl der Solidarität i loderte wie eine heilige Flamme in feine Brust. Wie man sich dessen bewußt war, was man den ewigen Wahrheiten des Jndenthums schuldig ist, um sie nicht voll Außell verunglimpfen und in der eigenen Mitte trüben zu lassen, so hat man nie daran vergessen, daß eine Interessensphäre alle Bekenner des Judenthums umgiebt. Was den Einen trifft, läßt ben Andern nicht unberührt. Diese Auffassung beherrschte jeden Besserdenkenden, und man konnte darauf rechnen, daß denlgemäß es nicht schwer fallen wird, vorkommendenfalls willige Kräfte zur Mitarbeiterschaft an der Nerwaltlmg der Gemeinde zu finden. Wohl ist es wahr, daß es heutzutage angesichts des rücksichtslosen agitatorischell Treibens gewisser Elemente schwer hält, sich zur nnmittelbarell Antheilnahme an der Gemeindeleitung zu elltschließen; wirkt schon eilt solch widerliches Treiben an und für sich abschreckend, so will man sich der Peill nicht preisgeben, iil seinen besten Absichten sich verkailnt, sein ehrliches Streben mißdeutet, seill verdienstliches Wirkell ill den Koth gezerrt oder auf fremde Rechnung gestellt zu sehen. Liegt aber darill ein berechtigter Grund, die vitalsten Interessen der Gemeinde versnmpfell zu lassen? Es wird sicher eine Zeit kommen, vielleicht ist sie schon im Anzuge, daß die Lästerzungen verstummen, die Herrschaft des Skandals aufhoren, die bessere Einsicht siegen wird; llmso welliger aber darf bis dahin llicht Alles ungehindert über den Haufen geworfen werden und ein Tohu wabohu platzgreifen. Soll etwa bann die Arbeit von vorne beginnen xtitb die Kraft sich ablnühen, den angehäuften Schlitt aus dem Wege 31t räumen? Wie viel der rechte Mann, wenn er an den rechten Platz gestellt ist, verinag, zeigt die Prager Gellleindeverwaltung. Dr. Arllold Rosenbacher, durch Wissen, Charakter, Stellmlg unb ernste Hingebung gleich bedeutend, versteht es als Präsident, ben Bedürfnissen der Gemeinde mit Uilterstützung würdiger Vorstandskollegen nad) allen Richtungen hin zur vollen Zufriedenheit gerecht zu werden. Es ist dies speziell in Prag llicht so leicht. Dailk ben einschlägigen Stiftungen von altersher. bildet llahezu jede voll den dortigell zahlreichell Synagogen eine Gemeinde für sich. Das Gemeindewesen hat sozusagen einen föderalistischen Charakter. Als aber in Folge des neuen Gesetzes die Forderung herantrat, ein Gelneiudestatut der Bei Hörde zur Genehmigung vorzulegen, verstand es der hervorragende; Jurist und Kenner des jüdischell Gemeindelebens Dr. Rosellbacher, z unter Berücksichtigung der vorhandellen eigenthümlichen Umstünde, > eilt solches zu entwerfen, darall alle Parteien ihre Befriedigung! fanden. Wir sprechen ein allderes Mal lloch weiter davon.! Daß die Rabbiller in Böhmen 311 einer Vereinigung ihrer Mitglieder schritten, war zeitgemäß. Durch das schon erwähnte Gesetz waren manche Gemejnderl alls Mangel der hierzu erforderlichen Mittel bemüßigt, manchell Gellleilldefunktiollür als Rabbiner zu deklariren, bem die wissenschaftliche Qualifikation hierfür fehlte; die Vereiiligling wird diesbezüglich ill sofern eine Remedur schaffen, als eine nothwendige Scheidung zwischen dem ad hoc herangebildeten itub dem „Verlegenheitsrabbiner" sich vollziehen dürfte. Wohlthuend wirkte es, daß die illllängst stattgehabte Bersanlinlung der bereinigten Rabbiner einen höchstwichtigen Gegellstand zur Diskussion brachte: den Religionsunterri cht. Es zeigte sich wieder, daß es gar nicht so schwierig für den jüdischen Geistlichell ist, für sich ein Feld lohnender Thätigkeit zu erobern. Der Ernst, mit welchem dieser Progranlmpunkt behandelt wurde, gereicht den Theilnehmem an der Versammlung zur großen Ehre. Sie manifestirten damit, daß sie j die volle Erkenntnis; für das besitzen, was uns zuliächst noth thllt. Die Jugend illuß dem Jlidellthum erhalten bleibell. Dies kalln, wenll auch zum großell Theile durch das Haus, doch auch wesentlich