Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- Seite 101 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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101 hiuzuweisen, eines Vereins, welcher seine menschenfreundliche Aufgabe darin erblickt, den «ns den hiesigen Strafanstalten entlassenen Gefangenen Arbeit und vorläufiges Unterkommen zu verschaffen, um sie so der menschlichen Gesellschaft als brauchbare Mitglieder wieder zuzuführen. Diese zu Herzen gehende Ansprache hatte den schönen Erfolg, daß sich die Anwesenden, soweit sie noch nicht Mitglieder jenes Vereins waren, als Mitglieder in denselben aufnehmen ließen und ein jährlicher angemessener Beitrag für den „Gefängniß- Verein" einstimmig beschlossen wurde. Das Stiftungsfest selbst verlief in schönster Weise. Gemeinschaftliche Lieder, humoristische Vorträge, zündende Trinksprüche, an welchen sich in erster Reihe Herr Rabbiner Dr. Frank betheiligte, schufen eine überaus glückliche Stimmung. Der hervorragenden gesanglichen Vorträge eines der beliebtesten Mitglieder unserer Oper, des Herrn Opernsängers Klein, sei noch mit besonderem Danke erwähnt. Nach diesen freudigen Ereignissen hat unsere Gemeinde leider auch einen schmerzlichen Verlust zu beklagen durch das Ableben des in weitesten Kreisen beliebten und hochgeachteten Mitgliedes unseres Repräsentantcn-Kollegiums,Herrn Nathan Leubsdorf. Der leider so früh aus unserer Mitte abberusene Mann war alle Zeit ein treues, opferbereites Mitglied unserer Gemeinde, ein Mann, dessen kluger Rath ebenso geschätzt war, wie seine stete Bereitwilligkeit, nach besten Kräften jedes gemeinnützige Werk innerhalb der Gemeinde zu unterstützen. Ein treues Gedenken bleibt diesem Ehrenmann für alle Zeit gesichert. Und kein Zufall war es, daß man den Schwager dieses vortrefflichen Mannes, Herrn Dr. med. Apfel, durch einstimmige Wahl des Repräsentantcn-Kollegiums in den Vorstand unserer Gemeinde berief. Herr Dr. Apfel wird der Gemeinde die durch das Hinscheiden des Herrn Leubsdorf entstandene Lücke auszufüllen wissen, denn er besitzt die Fähigkeit hierzu und erfreut sich des allgemeinen Vertrauens in solch hohem Maße, daß seine Wahl zum Vorstandsmitglied als eine überaus glückliche zu bezeichnen ist. Zum Schluß sei noch erwähnt, daß sich kürzlich Hierselbst ein „Verein der Rabbiner und jüdischen Lehrer in Rheinland und Westfalen" unter dem Vorsitz des Herrn Rabbiner Dr. Lazarus (Köln) gebildet hat. Der Verein bezweckt: die gegenseitige Weiterbildung, die echte Standeszusammengehörigkeit und die wirthschaftlichen Interessen seiner Mitglieder zu fördern. Der Jahresbeitrag beträgt 3 Mark. Der junge Verein hat bereits eine Anzahl hervorragender Männer in unserer Gemeinde gefunden, tvelche die Zwecke des Bereins durch ansehnliche Beiträge zu unterstützen suchen. — So zeigt sich hier auf vielen Gebieten unseres Gemeindelebens ein löbliches Streben nach Vervollkommnung und Verbesserung des Bestehenden und des Schaffens neuer, segensreicher Einrichtungen. Es geht ein frischer Zug durch unser Gemeindelcbe», der hoffentlich in der Zukunft »och manches Gute und Schöne zu Tage fördert. Es bedarf hierzu meist nur einer kräftigen Anregung — und dann geht's wie am Schnürchen. H. M. Die Juden in Oesterreich. in. 'w ein Lichtblick aus dicht umwölktem Himmel erscheint die Nachricht, daß im Wahlkampfe der Rückschrittsmit der Fortschrittspartei in Nikolsburg die letztere sieghaft aus der Urne hervorging. Schon der Umstand, daß in dieser Kultusgemeinde auch der Fortschritt seine Vertreter hat, muß die Brust eines jeden Fortschrittsfreundes mit Genugthuung erfüllen. Wie lange ist es her, daß Nikolsburg als der Sitz der starren Orthodoxie galt? Wenn auch nicht so intolerant, wie die seiner Zeit in Preßburg fanatisch kultivirte, so war sie doch rigoros genug, selbst die Strenggläubigkeit des nunmehr in Gott ruhenden Samson Raphael Hirsch nicht für echtfarbig gelten zu lassen. Daß er das Achtzehngebet nicht in so langsamem Tempo verrichtete wie mancher FrömmlerJ), daß er cs wagte, mit seiner Gattin gemeinsame Spaziergänge zu unternehmen — gab zu abfälligen Bemerkungen nicht selten Anlaß. Freilich haben sich seitdem die Zeiten geändert und wir mit ihnen. Man kann seine Andacht mit der Schnelligkeit eines Dampfes absolviren und, entgegen der Tendenz des Jerusalemiten Jose, Sohn des Jochanan, unterhaltende Konversation mit Frauen suchen und doch für seine Orthodoxie die Echtheit in Anspruch nehmen; immerhin bleibt es eine bemerkenswerthe Erscheinung, daß die Fahne des Fortschritts in Nikolsburg, der früheren Stätte des mährischen Landesrabbiners, entrollt wird, und das; man die Mitglieder des Vorstandes aus der Mitte derjenigen wählt, die ihr verständnißinnig folgen. Fast gewinnt es den Anschein, als sollte die Sonne einer aufgeklärten Religionsanschauung ihre Strahlen durch die engen Spalten kleiner Gemeinwesen hinaussenden, um wieder die Herrschaft über die Geister zu erringen. Denn es muß — soll man sagen mit tiefer Beschämung oder mit tiefer Trauer — zugestanden werden, daß die großen jüdischen Gemeinden Oesterreichs und vor Allem die Wiener Gemeinde sich darin gefallen, in ihrem Kultuswcsen einem reaktionären Zuge zu folgen. Wenn nur damit das religiöse Leben eine Förderung erführe! Es ist aber das Umgekehrte der Fall. Denn je dichter die Schaale sich verkrustet, desto winziger gestaltet sich der Kern, und in dem Maße, als die Werkheiligkeit zur suprcma lex erhoben wird, erleidet die werkthätige Religiosität erhebliche Einbuße. Wenn cs auch wahr und richtig ist, daß — wie jedes Denken der äußeren Wahrnehmung — auch die Religion zu ihrer Rezeption der äußeren Form bedarf, so folgt doch nur daraus, daß diese würdig, edel, vornehm sein müsse, wie cs die Empfindunge», Gedanken sein sollen, die hervorzurufen sie bestimmt ist. Muß cs nun nicht beklagt werden, wenn die gottesdienstlichen Einrichtungen Gestattungeu annehmen, die am allerwenigsten darnach angethan sind, „den reinen, sittlichen, frommen, wohlthätigen Sinn zu wecken, welchen die Wahrheiten unserer Gotteslehre und deren Erkenntniß über das ganze Leben und Denken ihrer Bekenner zu verbreiten" die Aufgabe haben? Muß es nicht tief bedauert werden, wenn zumal die Predigt nicht mit jener Sorgfalt gehegt und gepflegt wird, die sie zum Mittelpunkte unseres Gottesdienstes zu erheben vermochte? O, das; man nicht bei manchen Predigten a» das Urtheil gemahnt werde, das Hermann Sud ermann seinen Pfarrer in seinem Roman „Es war" über ähnliche fällen läßt, indem er sie als solche bezeichnet, „die ohne Saft und ohne Kraft sind, und von denen jeder einzelne Satz ein Stück ausgekochtes Rindfleisch mit Rosiiiensauce ist!" Die Predigt soll das Judrnthum als solches lehren; es in seinem Geiste, in seiner Weise verbreiten, mit seinen Tröstungen und Segnungen die Herzen füllen und die Seelen gewinnen, um sie ihm in Wahrhaftigkeit zuzuführen; vermögen dies aber Predigten wie die geschilderten? Geradezu unverständlich ist es, daß die erste Gemeinde des Reiches noch nicht die Nothwendigkeit wahruimmt, an die Gewinnung hervorragender Prediger, soweit die Größe und die Bedeutung der Gemeinde ihrer dringend bedürfen, zn gehen. Nicht nur die Pflicht i) Treffend war die Abfertigung, die S. R. H. einem solchen angedeihen ließ, als dieser sich vermaß, ihn darüber zur Rede zu stellen, daß er beim Sch'mone Eßra-Gebet in so kurzer Zeit „ausgehe"; „wissen Sie," war die Replik, „ich gehe aus, wenn ich fertig bin."