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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-01 · Heft 9 (1.3.1895) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 9 (1.3.1895)
Date
1895-03-01
Page
Seite 100 (sequence 6)
Language
German
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100 würde zum Wohl des Mittelstandes mehr beitragen als tagelange Debatten über Schutzzölle, Zwangsinnungen und Umsturzvorlage, denn mancher strebsame Handwerker würde dadurch vor dem Umsturz seines Geschäfts bewahrt!!" Alle Guten sollten dieses ernste Mahnwort beherzigen! Für die jüdischen Bürger im Staate ist seine Befolgung eine uralte religiöse Pflicht, mit der wir es nicht streng genug nehmen können. Unsere gottentstammte Lehre gebietet (0. Moses 19, 1:1): „D n sollst dem Arbeiter seinen Lohn nicht über Nacht vorenthalten". Noch eindringlicher lautet eine andere Stelle t 5. Moses 24, 14—15): „Du sollst einen Arbeiter nicht drücken, einen Armen und Dürftigen, mag er dein Stammesgenosse sein oder von deinen Gäste», die in deinem Lande, in deinen Thoren leben. Am bestimmten Tage mußt du ihm seinen Lohn geben, und die Sonne darf darüber nicht untergehen, denn er ist arm und freut sich darauf, und er soll nicht deinetwegen zu Gott rufen, weil dann an dir Sünde wäre." Bon jeder jüdischen Kanzel sollte in dieser Zeit schwerer sozialer Noth wieder und wieder, im Sinne unserer Religion, gepredigt werden: Schutz dem Arbeiter, Schutz dem Handwerker! Briefe vom Rhrin. Köln, im Februar. eitbem ich Ihnen zuletzt schrieb, ist es Winter geworden, ja, ein Theil des Winters, und hoffentlich seine strengere ef Hälfte, ist nun schon vorüber, so daß uns noch seine „bessere" Hälfte in Aussicht steht. Der nunmehr verflossene Theil des Winters brachte für unser Gemeindeleben glücklicherioeise manches Erfreuliche. So fanden Anfangs Dezember die Repräsentantenwahlen statt und lieferten das Resultat, welches im Sinne des inneren Friedens unserer Gemeinde mir das allein wünschenswertheste sein konnte Man wählte die erprobten, friedlich gesinnten Männer der Mittelpartei wieder, und einige erforderlich gewesene Neuwahlen brachten ebenfalls Männer der gleichen versöhnlichen, gemäßigt konservativen Richtung ins Kollegirim. Es ist demnach das friedliche Berhältniß der einzelnen Parteien innerhalb der Gemeinde auch weiterhin nicht gefährdet, und Jeder kann auch zukünftig hier „nach seiner Fa<;ou" selig werden. Die Wahlkampagne selbst gestaltete sich sehr zahm und friedlich, so das; sensationslüsterne Gemüther ganz um ihre Rechnung kamen. Besser so; denn heutzutage thut innerhalb des Judenthums Ruhe und Frieden mehr noth, als je zuvor. Daß aber „holder Friede, süße Eintracht" über dem Gemeindeleben unserer Stadt schweben, beivies überzeugend das am 17. November v. I. stattgesundene 75 jährige Stiftungsfest unserer ältesten Chewra, Gemilluth Chassodim. Bei Gelegenheit dieses übrigens äußerst glänzend verlaufenen Festes konnte man die Rabbinen und Vorsteher der orthodoxen und der nicht minder orthodoxen Hauptgemeinde einträchtig beisammen sitzen sehen, ein schönes, aber dafür auch um so selteneres Bild! Herr Rabbiner Dr. Frank, Ehrenmitglied des Jubilar-Vereins, hatte die Bedeutung des Tages für die Chewra und die Gemeinde in einer inhaltreichen glänzenden Festpredigt anläßlich des Festgottesdienstes in der Shnagoge überzeugend zum Ausdruck gebracht und verherrlichte auch den Festabend durch einen zündenden Trinkspruch auf Se. Majestät den Kaiser und Sein Haus, sowie durch eine geistvolle Ansprache, in welcher er die dem Judenthum zu Grunde liegenden Idee» wahrhafter Menschenliebe und weitgehendster Toleranz in herrlichen Worten feierte. Unser geschätzter Kantor, Herr I. Blumenthal, und dessen reichbegabte, talentvolle Tochter, Fräulein Olga Blumenthal, Schülerin des hiesigen Konservatoriums, erfreuten die dankbaren Zuhörer durch meisterhaft zum Vortrag gebrachte Gesangsbezw. Klavierstücke, und erste Kräfte unserer Oper hatten in uneigennütziger, liebenswürdiger Weise köstliche Gaben ihrer Kunst in den Dienst des Jubilar-Vereins gestellt. Daß der Nachwuchs unserer Gemeinde ein vielversprechender, hoffnungsvoller ist, bewies überzeugend der sich anschließende Festball, kvelcher dem schönen Fest den ortsüblichen Abschluß gab. Das Chanukafest endlich brachte uns zwei Festlichkeiten, welche beide, jede i» ihrer Art, als wohlgelungen zu bezeichne» sind. Zunächst fand am Sonntag Nachmittag den 23. Dezember v. I. im Saale des Hotel Höfer eine Chanukafeier statt, welche der Vorstand des hiesigen Lokal-Komitees des „Vereins zur Förderung des Handwerks unter den Juden" den seiner Obhut auvertrauten Lehrlingen und den Gönnern und Freunden des Vereins veranstaltet hatte. Wie ich Ihnen schon mittheilte, hat das sehr rührige Lokal- Komitee Köln i» jüngster Zeit Hierselbst ein eigenes Lehrlingsheini errichtet, in welchem die jungen Leute eine die Heimath ersetzende Pflege und eine vortreffliche religiöse wie nach der Seite des profanen Wissens hin sorgfältige Erziehung erhalten. Die Lehrlinge und auch einige Schüler der hiesigen Fachschule bewiesen durch die Gewandtheit und Tüchtigkeit, welche sie beim Vortrag von Deklamationsstücken ernsten und heiteren Inhalts bekundeten, einen wie hohen Grad allgemeiner Bildung sie schon besitzen, eine Wahrnehmung, welche die wirklich virtuose Aufführung eines hübschen Lustspiels seitens einiger der jungen Leute noch überzeugender darthat. Nachdem Herr Kantor Blumenthal die Chanukalichter angezündet, hielt der verdienstvolle Vorsitzende des Lokal-Komitees Köln, Herr Dr. med. Auerbach, ein Mann, der mit seltener Hingebung die großen und schwierigen Aufgaben des Vereins erfüllt, eine nach Form und Inhalt gleich hervorragende Festrede. Mit warmen Worten des Dankes gedachte der ausgezeichnete Arzt und vortreffliche Redner der uneigennützigen, unermüdlichen Lehrthätigkeit der Herren Rabbiner Dr. Lazarus und Oberlehrer A. Herrmanns, welche dieselben seit Jahren den Zöglingen zu Theil werden lasten. Nicht weniger herzlich waren die Dankesworte, welche Redner für das Ehepaar Julius Herz hatte, welches mit treuer Hingebung und eifrigster Pflichterfüllung die Leitung des Lehrlingsheims besorgt. Mit einem warmen Ausruf an de» Wohlthätigkeitssinn unserer Gemeindemitglieder zu Gunsten dieses schönen segensreich wirkenden Vereins beendete der Redner seine Ansprache, welche ans die Anwesenden tiefen Eindruck machte. Nach weiteren gehaltvollen Ansprachen der Vorstandsmitglieder Herren Jae. de Jonge und I. Dülken schloß die in allen Theilen wohlgelungene, schöne Feier. Die zweite Chanukafestlichkeit fand am 25. Dezember v. I. Abends im Hotel Kaufmann Hierselbst statt. Sie war veranstaltet von dem größten hiesigen israelitischen Wohlthütigkeitsverein, der eüva 350 Mitglieder zählenden Chewra Semichas Dalim. Die Generalversannnlung dieses überaus wohllhätig wirkenden Vereins ging dem Stiftungsfest, welches zugleich eine in echt jüdischem Geist gehaltene Chanukafeier war, voraus. Der Vorsitzende, Herr Dav. Klein, erstattete den Jahresbericht, aus welchem hervorging, daß der Verein über 5000 Mark zu Ztvecken der Wohlthätigkeit und der Armenunterstützung vertheilen konnte. Der belehrenden Vorträge des Herrn Rabbiner Dr. Frank, welche derselbe am Schluß des Sabdath- Nachmittags-Gottesdienstes für die Mitglieder beider Chewras hält, wurde in herzlichen Dankesworten gedacht. Herr Rabbiner Dr. Frank nahm Veranlassung, am Schluß des geschäftlichen Theils der Berathuugen auf den überaus segensreich wirkenden Gefängnis Verein

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