Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- Seite 99 (sequence 5)
- Language
- German
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99 Und in der Sonnabendsitzung ließ Prof. Virchow gewissen Kreisen eine ebenso feine wie zutreffende Abfertigung znkonnnen: bürgerliche Freiheit und Gleichberechtigung einzelner Klassen der Bevölkerung aufheben oder einschränken wollen." Ich halte es für das Beste, die Wissenschaft von allen konfessionellen Einschränkungen frei zu halten; sie hat ihre Prinzipien in sich selbst. Es giebt keine Universität, wo die Religion als Hinderniß der Wissenschaft > gilt. Wir in Berlin pflegen Einen nie zu fragen, welcher Konfession * er angehört. (Zuruf im Centrum: Na, na!) Manchmal stellt es sich ja freilich heraus, daß Jemand einer Konfession angehört, die man ihm nicht zugetraut hat. (Heiterkeit.) * I Während die Phäakenstadt Wien in ihrer Uuthütigkeit verharrt, > beginnt es sich in Böhmen und Mähren gegen die öfter-! reichische Koalitionsregierung zu regen, die den" Antisemitismus ungehindert fortlvuchern läßt. So haben jüngst in einer Wähler- Versammlung in Karlsbad zwei wackere Männer den Abg. Dr. Ruß, einen der Führer der Vereinigten Linken, in sehr scharfer Weise interpellirt, wie der folgende Bericht mittheilt:! Der erste Redner war Herr S. Neubauer. Dieser kritisirte! in überaus scharfen Worten das wüste Treiben der Antisemiten im Reichsrathe und bedauert die energielose Abwehr dieser Partei durch die Vereinigte Linke. Auch Herr Dr. Ruß nennt das Auftreten der antisemitischen Partei im Reichsrathe eine verabscheuenswürdige Erscheinung und bedauert hierbei die Ohnmacht der parlamentarischen Gewalt gegen die Rohheit der Menschen. Der Rednerbetont schließlich, daß seine Partei den Antisemitismus auf das Schärfste bekämpfe, und diese Thatsache die einzige Scheidewand zwischen der Vereinigten Linken und den Deutschnationalen bilde. Als weiterer Redner meldete sich Herr Rabbiner Dr. Ziegler zum Worte und sagte j ungefähr Folgendes: Der Herr Reichstagsabgeordnete habe nach einem Mittel gefragt, wie man jene vorerwähnten parlamentarischen Auswüchse bekämpfen könne. Herr S. Neubauer hat bereits ein gutes Mittel hierfür genannt, und zwar die Bekämpfung der Schmutz- und Schandlitteratur. Ein anderes Mittel wäre aber eine Thar der Re-! gierung, womit sie uns zeigen würde, daß sie mit Jenen, die rms mit! Koth bewerfen, nicht einer Meinung ist. Es müßte doch das Bestreben der Regierung sein, das gut zu machen, was Andere au uns verschulden. Sie könnte dies thun, indem sie bei Beamtenbesörderungen auch auf Israeliten Rücksicht nimmt und sie zu Beamten, entsprechend ihrem Prozentsätze, wählt. Die Regierung thut dies aber nicht, und da es eben sehr selten vorkommt, daß ein Israelit ein Amt erhält, so ist es auch leicht begreiflich, daß die Meinung vorherrscht, daß die Regierung so- , gar das Treiben jener Leute unterstützt, da sie überdies noch zu Allem schweigt. Wenn aber eine Person beschimpft wird, die ich achte, so werde ich jenen Beschimpften gn mir emporziehen, um ihm dadurch meine Sympathie zu beweisen. Es ist daher auch nicht meine Ansicht, daß man zu solchen Beschimpfungen stets schweigen soll. Es Hütte mir Trost gewährt, wenn ich nur einmal gehört hätte, daß Herr Finanzminister Plener, Graf Wurmbrandt oder Dr. Ruß re. nur ein Wort für uns gesprochen hätten. Wir würden dann den Trost gehabt haben, zu wissen, daß die Regierung mit diesem Treiben nicht einverstanden ist. Das ist aber gar nie geschehen. Es giebt demnach einen doppelten , Antisemitismus in Oesterreich, und zwar den Gesellschaftsautisemitismus j und den Regierungsantisemitismus. Des gesellschaftlichen Antisemitismus! kann ich mich selbst erwehren, der Regierung gegenüber erwarte ich j jedoch, daß mich der von mir gewählte Vertreter im Reichsrathe schützt j Die Regierung nennt sich trotzdem deutsch-liberal. Deutsch ist sie wohl aber liberal ist die Negierung in dieser Beziehung nicht. (Stürm, langj andauernder Beifall.) Herr Dr. Ruß beantwortet die vorerwähnten Ausführungen in erschöpfender Weise und bedauert es hierbei, daß seine Stellung ihn zwinge, über manche Schritte schweigen zu müssen, die zur Abwehr des Antisemitismus unternommen wurden, wenn er der Sache selbst nicht schaden will. Schließlich wurde eine Resolution einstimmig angenommen, in der stimmliche Wähler den Wunsch ausdrücken, „daß die Regierung, das Parlament Jenen strengstens entgegentreten möge, welche die Volksklassen untereinander verhetzen und die politische und * Die Befürchtung, das; mit der Interpellation Denis dem Antisemitismus auch in der französischen Kammer Thür und Thor geöffnet werde, hat sich leider nur zu rasch bestätigt. Schon am 22. beschäftigte sich die Kammer wieder mit den Juden, und zwar mit denen voll Algier. Die Antisemiten behaupten scholl seit Jahrell, daß alle Uebel, all beiten Frankreichs große afrikanische Besitzung leidet, voll ben Inden herrühren, die iit Algerien sehr zahlreich sind. Die Abgeordlleten ulld Sellatoren der drei algerischell Departelllents nehmen sie gegen diese Beschuldiguilg in Schutz, die Antisemiten aber alltworterl ihilell, daß die algerischen Vertreter die Jllden vertheidigen, lveil diese ihr stets arbeitswilliges Stimmvieh sind Ulld alle Wahlen in Algeriell durch Judenstimmell elltschiedell werden. Dort silld nämlich nur die Franzosen und die eillgeborenen Judell stimmberechtigt, die Araber und Kabylen aber nicht. Nach der Eroberung des Landes ließell die Franzosell der einheimischen Bevölkerung ihre (Sitten und Gebräuche, schlossen sie aber vonl Genüsse aller politischell Rechte aus. Das dauerte bis zum Jahre 187o. Am 24-. Oktober jenes Jahres erließ die Regierung der 3cationalvertheidigullg auf Betreiben ihres Mitgliedes, des Justizlllinisters Eremieux, eine Verordnung, die alle Judell Algeriens zil französischen Staatsbürgerll lnachte. Die algerischell Alltisenlitell haben mm immer behauptet, daß der blutige Araberaufstand von 1871 blos die Alltwort auf die Ermnieursche Verordlllmg gewesen sei, welche die Araber mit tiefster Entrüstung erfüllt habe. Und nun erzählte der Abgeordnete Foreioli in der Kammer eine Anekdote von Thiers, bereu Authentiritüt ja leider nicht mehr festzustellen ist, die aber großen Eilldruck machte. Der Generalgonverneur von Algerien, Gambon, kam Herril Foreioli zu Hilfe. Jul klebrigen verlief die Debatte resultatlos. '$r Schuh dem Handwerker! Von Dr. Heinrich Lewp, Gpnmasialoberlehrer in Mülhausen. fie „Münchener Neuesten Nachrichten" schriebeil dieser Tage: „In unserer Zeit, in der alle staaterhaltenden Kreise auf Rathschläge und Mittel sinnen, wie der sozialistischen Gefahr zu begegnen und wie dem Mittelstände zu helfen sei, wird auf ein Hauptmoment, durch das die besten Handwerker dem Sozialismus in die Arme getrieben werden und wodurch Tausende von Existenzen vernichtet werden, viel zu wenig Beachtung verwendet. Dieser Punkt ist Baarzahlung bei Lieferung von Handwerkserzeugnissen. Möchteil doch alle Gutbemittelten die Rechnungen der Handwerker sofort bezahlen, sie würden dadurch mehr Gutes wirken als durch oft hohe Beiträge für alle möglichen Wohlthätigkeitsanstalten! Aber wie wird der Handwerker oft hingehalten! Reicht er zum Jahresschluß die Rechuilng ein und hofft, mit dem Erlös seine Zahlungen leisten zu können, so wird er sehr oft mit dem Verlust der Kundschaft für diese „Dreistigkeit" bestraft. Und wie viele Entbehrungen hat sich die Familie des Handwerkers schon auferlegen müssen, um bis zu Neujahr warten zu können? Welch' hohe Prozente müssen oft bezahlt werden, wenn der Handwerker eine Zahlung nicht einhalten kann? Wie oft kann ein Handwerker seine Waare nicht pünktlich abliefern, da er sich infolge der schlechten Zahlung die Rohmaterialien nicht kaufen kann? Wie würde es bei dem Kapitalisten aussehen, wenn er keine Zinsen, und wie bei dem Beamten, ob hoch oder niedrig, wenn er sein Gehalt nicht bekäme? Möchten diese Zeilen weiteste Verbreitung und Beachtung finden! Dies