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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-03-01 · Heft 9 (1.3.1895) · p. Seite 98

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 9 (1.3.1895)
Date
1895-03-01
Page
Seite 98 (sequence 4)
Language
German
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98 Selbst das Stöckersche „Volk" wundert sich ob dieser Metamorphose, und freikonservative Blätter gestehen offen ein, daß man von der Versammlung zuweilen den Eindruck hatte, als ob es sich mehr um eine antisemitische als um eine agrarische Kundgebung handle. Mit frenetischem Jubel wurden alle gegen die Juden gerichteten Aeußerungen ausgenommen. Getreu dem Programm des Tivoli- Meetings war über die ganze Veranstaltung gefliffentlich eine grell antisemitische Kouleur ausgegossen. Die hohen Herren erwiese» sich als Meister des antisemitischen Kneipenjargons, warfen mit Ausdrücken wie „Knoblauch", „semitisch-römisches Recht", „schmutzige Judcnpresse" u. s. w. um sich und hieben auf das „internationale Judenthum"^ein. Selbst die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" ist über diesen neuerlichen Seitensprung der Junker entrüstet, und dabei versicherte der Talmudforscher, Herr v. Laugen, mit Emphase: „Wir sind keine Radauantisemiten!" Aber auch das Treiben dieser Bündler ist überaus charakteristisch für die Zeitrichtung. Unmittelbar »achdei» sie aus kaiserlichem Munde^die Warnung vernommen haben, sich aller „sensationellen Agitationen" zu enthalten, gehen sie in ihre Versammlungen und betreiben die sensationellste Agitation gegen gleichberechtigte Staatsbürger. Sie wissen genau, daß ihr Treiben an maßgebender Stelle mißbilligt wird, aber sie setzen es dennoch ungestört fort, um unter der Maske der Loyalität den Anschein zu erwecken, als seien sie die wahren Träger des Staatsgedankeus, während ihnen doch wiederholt von allerhöchster Seite mit Entschiedenheit bemerkt wurde, daß Vörden Stufen des Thrones alle Staatsbürger, gleichviel welcher Konfession sie auch seien, und alle Stände im Vaterlande gleiche Liebe und gleiches Recht genießen. Und hier ist der Punkt, wo sich die Agitation der agrarischen Heißsporne gegen sie selbst kehren wird. Die brutale Art, mit der sie die Judenhetze gegenwärtig betreiben, muß ja den von ihnen geflissentlich verbreiteten Mythus zerstören, der einen Unterschied macht zwischen dem „vornehmen" und dem „demagogischen" Antisemitismus. Mit Recht sagt die „Köln. Volksztg.": „Das Entrüstung?- bedürfniß mußte nach einer Richtung sich geltend machen, und da man gegen den Kaiser und die Regierung nichts sagen wollte, so nahm mau die Juden vor." Das ist iu der That der Kernpunkt der Sache. Die sensationelle Agitation des Bundes der Landwirthe muß mit solchen Kraftleistungen arbeiten. Ohne die gepfefferte Kost des Antisemitismus würde es schwer fallen, für die ausschweifenden Forderungen der Agrarier auf die Dauer zahlreiche Anhänger zu gewinnen. Wie füralles Unglück und Elend, so muß auch für die Noth der Landwirthschaft das Judenthuni als Sündenbock herhalten. Die Bündler treiben aber dabei freilich ein gefährliches Spiel. Die ihrer Führung sich anvertrauenden kleinen Landwirthe werden früher oder später erkennen, daß die agrarischen Großgrundbesitzer mit dem Antisemitismus ein Geschäft machen, zur Erlangung eigener Vortheile. Und der Haß, den man jetzt gegen die Juden zu erregen bemüht ist, wird sich gegen sie selbst kehren. Für uns sind alle diese Bestrebungen aber nur charakteristische Symptome der Zeitströmung. Unser einziger Trost liegt in der geschichtlichen Erfahrung, daß sich solche Versuche und Bestrebungen schon unzählige Male wiederholt haben, ohne daß es ihnen gelungen wäre, den Lauf der Entwickelung zu hemmen, oder die Existenz des Judenthums auch nur im Geringsten zu gefährden. Die Woche. Berlin, 26. Februar. f ie Berathungen der Kommission für die Umsturzvorlage halten das allgemeine Interesse in Athem.M Neuerdings hat das Eentrum durch Abg. Rintelen zu 8 130 beantragt, „denjenigen mit Geldstrafe bis zu 000 Mark oder mit Gefängniß bis zu 2 Jahren zu bestrafen, wer öffentlich oder vor Mehreren oder durch Druck, Schrift oder Bild das Dasein Gottes oder die Unsterblichkeit der menschlichen Seele oder den religiösen oder sittlichen Eharakter der Ehe oder der Familie angreift oder leugnet." Viel wichtiger aber ist für uns der Zujatzantrag der Konservativen zu jenem Paragraphen. Dieselben fordern, Absatz 2 wie folgt zn fassen: „Dieselbe Strafe trifft denjenigen, welcher das Christenthum, die Heiligkeit des Eides, die Monarchie, die Ehe, die Familie oder dix Unverletzlichkeit des Privateigenthunis durch beschimpfende Aeußerungen öffentlich angreist, welche geeignet sind, den öffentlichen Frieden zu gefährden." Die bemerkenswertheste Aenderung gegen die Regierungsvorlage besteht darin, daß die „Religion" durch das „Ehristenthum" ersetzt wird. Dian will die Antisemiten nicht der Möglichkeit berauben, auch iu Zukunft die gehässigsten Angriffe auf das Judenthnm ungefährdet zu verbreiten. Insofern handelt es sich auch bei diesem Anträge um ein Umstnrzgesetz, nur daß es sich diesmal nicht gegen die Sozialdemokraten, sondern gegen die Juden richtet. Aber es ist dafür gesorgt, daß die konservativen Bäume nicht in den Himmel wachsen. Selbst die Germania wendet sich gegen den Antrag der konservativen Partei, in dem Gesetzentwurf statt „Religion" „Ehristenthrnn" zn setzen, also dem Judenthnm gegenüber Schimpffreiheit zu gewähren. Das ultramontane Blatt meint, eine solche Absicht könne doch die Rechte nicht hegen: „Denn es giebt viele orthodoxe Juden, welche als Grundlage auch ihrer Religion den Glauben an einen persönlichen Gott und an die Unsterblichkeit der Seele lhatsächlich anerkennen, während der Protestantisnius auch diejenigen Leute als dem Christenthum angehörig betrachtet, welche in der That gar keine Religion anerkennen." Wir glauben, gegen die Auffassung, als glaubten nur Orthodoxe au einen Gott und an die Unsterblichkeit der Seele, entschieden Verwahrung einlegen zu müssen, da ja auch alle Reformjnden auf deniselben Standpunkt stehen und den Gottesglauben festhalten. Am 27. d. M. kommt endlich der konservativ-antisemitische Antrag wegen eines Verbots der Einwanderung ausländischer Juden auf die Tagesordnung — in erster Lesung. Sei es! Zehn Tage später werden wir etwa die zweitausendste Lesung der Geschichte von Haina» und von der antisemitischen Fraktion in Susa, von ihre:» Hochmuth und ihrem tiefen Sturz, abhalten. Und »venu nach abermals zweitausend Jahren ferne Geschlechter diese Geschichte lesen werden, wo werden dann die heutigen Antragsteller sein? Das ist ein Trost, der über viele Widerwärtigkeiten hinweghilft. * Aus den letzten Sitzungen des Abgeordnetenhauses ist mancherlei Interessantes zu berichten. Bei dem Schnletat sagte Abg. Pleß (Etr..) kürzlich sehr richtig: Wenn der Minister aus deni geringen Prozentsatz der katholischen Schüler an den höheren Lehranstalten auf eine geringere Berechtigung der Katholiken zu den Staatsämtern schließe, so müßte er logischer Weise den Juden, die einen noch höheren Prozentsatz als die Evangelischen aufwiesen, noch mehr Antheil an diesen Aemtern znweisen. (Sehr richtig! im Centrnm.)

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