Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Nr. 9. Berlin» 1. Mar? 1895. Allgemeine eitung des Zudenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Phttippfon-Konn. Verlags-Crpedition: Berlin, Lerufatemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fl'rr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Ällgem. Zeitung des Judenthums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nudolf Masse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Die Lage. — Die Woche. — Schul; dem Handwerker! Von Dr. Heinrich Lewh. — Briese vom Rhein. — Die Juden in Oesterreich. III. — Eine jüdische Vereins-Bibliothek. II. — Unser Gottesdienst. Von D. I. Babad. — Aus dem Leben König Karls von Rumänien. I. Von Theodor Braun. - Feuilleton: Der Judenjunge. Eine Erzählung aus Ost- Galizien von Wilhelm Feldmann (Schluß). — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin- Sckivelbein. Breslau. Aus Westfalen, Paderborn. Mainz. Karlsruhe. Fürth. Wien. Budapest. London. Warschau. — Don Rah und Fern. — Miseellen. Are Lage. Berlin, 26. Februar. cr^V^Tetm man inmitten der Ereignisse lebt, so verliert man nur zn leicht den Blick über die gesammte Lage. Es ist darum 'P u e nothwendig, daß man von Zeit zu Zeit innehält auf der mühevollen und beschwerlichen Wanderung, um einen Blick auf die Gesammtlage zu werfen. Dieser Blick ist heute leider kein erfreulicher. Schien es zu Anfang des Winters, als wollten sich die antisemitischen Wasser verlaufen, so zeigt uns die augenblickliche politische Konstellation, daß diese Hoffnung wieder einmal eine allzu sanguinische gewesen ist, und wir müssen leider mit Goethe sagen: „Den Bösen sind wir los, die Bösen sind geblieben!" Der Radau-Antisemitismus hat seine Rolle wohl ziemlich ausgespielt, dafür aber haben jetzt die konservative Partei und der Bund der Landwirthe den Antisemitismus als ein willkommenes Agitationsmittel in ihr Programm ausgenommen. Das ist aber natürlich viel gefährlicher als das Treiben der Radau- Antisemiten. Ja, es könnte sogar zu einer schlimmen Wendung führen, wenn nicht, Gott sei dank, noch Mächte vorhanden wären, die dieser Bewegung hemmend entgegentreten würden. Der Judenhaß der Junker ist freilich für den, der die Geschichte der letzten fünfzig Jahre aufmerksam verfolgt hat, keine neue oder befremdende Erscheinung. Seit die konservative Partei besteht, ist sie eigentlich judenfeindlich, »nd sie hat dies, so oft sie in der Lage war, eifrig bethätigt. Was daher von dieser Seite gegen uns gesagt und unternommen wird, kann uns weder überraschen noch kränke», umsoweniger, als die besonnenen und judenfrenndlichen Elemente innerhalb dieser Partei seit längerer Zeit kalt gestellt worden sind, und die Leitung derselben in den Händen der Herren v. Hammerstein, v. Frege, v. Langen und Klasing liegt, die sich eigentlich in nichts von den „reinen" Antisemiten unterscheiden. Das einzige Hinderniß einer Verschmelzung der konservativen und antisemitischen Partei ist dies, daß die Antisemiten den Konservativen nicht über den Weg trauen. Sie halten ihren Antisemitismus nicht für waschecht, und daher rührt der große Eifer der Konservativen in letzter Zeit, durch Thaten ihren aufrichtigen Judenhaß zu dnkumentiren. Es ist recht charakteristisch, zu beobachten, mit welchen Mitteln die Junkerpartei dabei operirt. Da sie es doch nicht wagen darf, offen einen „Umsturz" der Verfaffung zu empfehlen, so möchte sie den Versuch machen, auf dem Verwaltungswege die Juden aus allen öffentlichen Aemtern zn entfernen. Da der mehr als lächerliche Versuch, eine staatliche Prüfung der jüdischen Religions-Bücher von der Regierung zu erzwingen, sogar vom Herrenhause abgelehnt wurde, schickt sie Herrn v. Langen als Vorkämpfer dieses Wunsches in die Arena der Wissenschaft. Herr v. Langen ist der neu entdeckte Talmud-Gelehrte der konservativen Partei! Wir haben schon oben gesagt, es sei ein Glück, daß die konservative Partei nicht allein auf der Welt ist. Dicht neben ihr sitzt das Centrum, das sie mit heißem Liebeswerben umgirrt — bis jetzt aber vergeblich. Auf die letzte Anregung der Konservative», keine jüdischen Richter mehr zu ernennen, ist ihr ans dem Centrum die folgende offiziöse, aber sehr deutliche Abfertigmig zu Theil geworden: „Das ist eine echte Kreuzzeitungs-Polemik! Herr von Heereman bemerkte, daß, wenn man Leute Gerichts-Assessoren werden lasse, ihnen auch die Beförderung zum Amtsrichter nicht abgeschnitten werden könne. Sonst müsse man ihnen von vornherein sagen: Richter könnt ihr nicht werden. Für diesen Standpunkt des Rechts hat die Kreuzzeitung kein Organ; sie versteht ihn einfach nicht. Man wagt nicht, den Juden ihre staatsbürgerlichen Rechte offen zu nehmen, daruni soll die Sache von hintenherum gemacht werden. Man muthet dem König zu, einen solchen Weg zu beschreiten! Hätte die Kreuzzeitung bei ihrem Fanatismus nicht jegliche Besinnung verloren, so würde sie selbst fühlen, wie unmöglich dieses Verfahren ist. Wir Katholiken müßten nicht bkos recht ungerecht, sondern auch außergewöhnlich dumm sein, wenn wir den altpreußischen Konservativen dabei helfen wollten. Erst will man uns zumuthen, die Juden zu entrechten, und nach diesem Präcedenzfall sollen wir selber daran glauben. Die Kreuzzeitung will ja unter den höheren Beamten weder Juden noch Katholiken sehen. Gott bewahre uns in Preußen vor der Herrschaft dieser Kreuzzeitungspolitiker!" Und auch bei dem Versuch, gelegentlich der Umsturz-Vortage die Beschimpfung des Judenthums einfach frei zu geben, hat das Centrum die Aufforderung mitzutanzen freundlich aber entschieden abgelehnt. Dafür aber haben die konservativen Heißsporne einen andern Bundesgenossen gewonnen, nämlich den Bund der Landwirthe. Während vor zwei Jahren in den Versammlungen des Bundes das Wort „Jude" überhaupt noch nicht erwähnt wurde, ja sogar noch Juden Mitglieder des Bundes werden durften, änderte sich die Situation urplötzlich im vorigen Jahre, indem zunächst der Ausschluß der Juden beschloffen wurde. Damals wurden zum erstenmal leise antisemitische Töne angeschlagen, und dieses Mal war Alles antisemitisch bis auf die Knochen.