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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-22 · Heft 8 (22.2.1895) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 8 (22.2.1895)
Date
1895-02-22
Page
Seite 2 (sequence 16)
Language
German
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gepflogen. — Nach Verlesung des Kassenberichts fand die Wahl statt. Es wurden wiedergewählt die Herren Rechtsanwalt Dr. Stein und Bäckermeister H. Lewinsohn, neugewählt die Herren Uhrmacher L. Joseph und Kaufmann H. Moskiewitz. — Bei der am 28. Dezember v. I. unter Vorsitz des König!. Konnnissarius Herrn Oberbürgermeisters Dr. Kohli stattgehabten Vorstands wähl der Synagogengemeinde wurden von den Repräsentanten zu wirklichen Vorstehern die Herren Nathan Leiser und Abraham Kirchstein wieder- und Herr Kaufmann H. Loewenson zum stellvertretenden Vorsteher neugewählt, deren Einführung in Bälde stattfinden wird. Die neugewählten Repräsentanten wurden in voriger Woche in ihr neues Amt eingeführt. X Bromberg, im Februar. Vom Oberlandesgericht Marienburg ist in diesen Tagen ein bemerkenswerthes Urtheil gefällt worden. Tie jüdische Gemeinde in Preußisch-Friedland kaufte vor etwa zwei Jahren von dein dortigen Färbereibesitzer K. einen Platz zum Bau einer neuen Synagoge. Der Kaufpreis betrug 4000 Mark, von welcher Summe 8000 M. gleich bezahlt wurden: 1000 Mk. sollten bei der Auflassung entrichtet werden. Nachträglich aber erwies sich der Platz zum Bau der Synagoge als ungeeignet, und die Repräsentanten der Synagogengemeinde verweigerten! die Auszahlung der letzten 1000 M; auch wollten sie das Grundstück nicht beim hiesigen Amtsgericht für die Gemeinde eintragen. Ter Besitzer des Platzes beschritt den Rechtsweg. In der ersten Instanz bei dem Landgericht zu Könitz siel der Prozeß zu Gunsten der Gemeindevertretung in Pr.-Friedland aus, bei dem Oberlandesgericht zu Marienwerder ist wieder zu Gunsten des Klägers entschieden worden. — In Cz arnikau verstarb das Gemeindemitglied Herr I. Bernstein im Alter von 103 Jahren. — In Bromberg verstarb der Rentier Baruch Löweuberg im Alter von 95 Jahren, er war der Mitbegründer der rj]e\vm-Kedischa in Bromberg. — Der Beerdigungs- und Unterstützungsverein in Bromberg hielt am 28. Januar eine ordentliche Generalversammlung ab. Bei der Vorstandswahl wurde als stellvertretender Vorsitzender Herr Cohnfeld als Krankenvorsteher gewählt, und zu Stellvertretern die Herren Fränkel und Meyersohn. — Wie bereits mitgetheilt wurde, hat die Königliche Negierung die Wahl des Kantors Leiserowitsch in Gollantsch nicht bestätigt, der Vorstand in G. theilte dieses Herr L. mit, welcher auch sogleich seine Funktionen als Kantor nicht ausübte; nachdem der Kantor eine kurze Zeit weg war, erhielt das Bürgermeisteramt die Anfrage, ob Herr Leiserowitsch etwa noch im Amt sei. 8. Lissa i. P., 11. Februar. Nachdem am . 0. Januar in unserem Litteraturv erein ein sehr anregender Disknssionsabend über das Thema: „Wodurch erklärt sich die besondere Befähigung der Juden für die Bühne?" stattgesunden, wurde uns am gestrigen Abend ein sehr interessanter Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Bloch aus Posen geboten über das Thema: „Die Sabbathidee und ihre kulturhistorische Bedeutung". Der Redner führte in seinem lichtvollen Vortrage aus, daß die Sabbathidee weder ägyptischen noch, wie neuerdings auf Grund wichtiger Ausgrabungen in Mesopotamien angenommen werde, assyrischen Ursprungs sei oder von irgend einem der anderen Völker des Alterthums herrühre, sondern daß sie streng jüdisch sei. Dadurch, daß das Christenthum die Sabbathidee ausgenommen, habe diese ganz besonders eine kulturhistorische Bedeutung erlangt. Die Sabbathidee setze sich aber aus drei Hauptmomenten zusammen: aus der zeitweiligen Unterbrechung der Arbeit durch die Ruhe (die Arbeit gilt den Juden seit jeher, im Gegensätze zu Griechen, Römern u. s. w., als ein sozialer Imperativ, als eine sittliche Forderung), ferner aus dein Rhytmus von auf einauder folgenden 0 Arbeitstagen und 1 Ruhetage (bei vielen andern Völkern besteht die Woche aus 10 oder auch aus 8 Tagen ohne; strengen Ruhetag > und endlich aus der Forderung der Ruhe des Gemüths. Eben diese Gedanken und dieser Inhalt des Sabbaths sind echt jüdischen Ursprungs. — Die geistvollen Ausführungen des Vortragenden ernteten reichen Beifall. Der Abend war noch besonders! ausgezeichnet durch die Anwesenheit des bekannten österreichischen Reichs-! raths- Abgeordneten Dr. Bloch aus Wien, des wacker» Vorkämpfers für die Rechte der Juden in Oesterreich. # Breslau, 17. Februar. Vor der 1. Strafkammer des hiesigen j Landgerichts fand am 14. d M. eine Verhandlung statt, die wieder! einmal die „jüdische Geheimlehre" betraf. Angeklagt war der! frühere Herausgeber des hier erscheinenden Blattes „Deutsche Ostwacht",! >iatschmer, der seiner Leitung im Februar vorigen Jahres das berüchtigte! Flugblatt Nr. 61 von Theodor Fritsch „Die Wahrheit Tiber das Juden- 1 thum" beigelegt hatte. Der „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hatte nun gegen Katschmer Klage wegen Beleidigung eine! staatlich anerkannten Religionsgesellschaft erhoben. Auf Grund von gefälschten Auszügen aus dem Schulchan Aruch hatte Fritsch den Satz aufgestellt: Ich bestreite hiernach den Juden, die diese Gesetze sitzen, das Recht, sich eine „Religionsgesellschaft" zu nennen, und nenn sie eine interational verschworene Betrügergesellschaft." Der von der Vertheidigung (Rechtsanwalt Dr. Arndt, Liegnitz,) als Sachverständiger vorgeführte Privatdozent der Breslauer evangelischen theologischen Fakultät Dr. Georg Beer, erklärte bei seiner eidlichen Vernehmung, daß er all von Fritsch in dem Flugblatt zitirten Stellen in einer Ausgabe de- Schulchan-Aruch, den er der hiesigen Stadtbibliothek entnommen habe vorgefunden habe. Die Stellen seien theilweise etwas frei, doch sinn gemäß überseht!! Auf ausdrückliches Befragen des Staatsanwalt Hübschmann erklärte der neuentdeckte Orientalist Dr. Beer: Das Wor Akum werde im Schulchan-Aruch sehr häufig auch auf die Christen be zogen, und das komme daher, daß dem strenggläubigen monotheistischer Juden das mittelalterliche Christenthum mit seinem Marien- oder Heiligenkultus als Götzendienst erschienen sei!! Der Staatsanwalt Hübschmann beantragte gleichwohl die Vernehmung des ersten Kultus beamten der hiesigen jüdischen Gemeinde über die Frage, ob der Schulchan ''Aruch noch heute für die Juden bindend sei, und der Gerichtshof gal diesem Anträge auch Folge. Wir werden auf diese Verhandlung nock zurückkommen. r Aus Schlesien, 14. Februar. Nachdem die Mauthe auf dem Wege nach Kätscher von Domshöhe in die Nähe der Stadt verleg! worden, liegt der jüdische Friedhof in Ratibor außerhalb der Zollhebestelle. Auf einen Antrag des Vorstandes der Synagogengemeinde beschloß auf Befürwortung des Geheimen Negierungs- und Landraths Pohl am 19. Januar der Kreisausschuß, daß Wagen, die nur bis zum jüdischen Friedhof fahren, statt 60 Pf. nur den Zoll für eine halbe Meile, d. h. hin und zurück insgesammt 10 Pf. zu entrichten haben 1 Bei Leichenbegängnissen sind nach dem Gesetz bekanntlich alle Wagen frei. Ebenso hat der Geistliche der Gemeinde zu offiziellen Amts; Handlungen, sowie der Dezernent des Friedhofwesens als Vertreter des Vorstandes, welcher der gesetzliche Eigenthümer des Friedhofes ist, jeder-! zeit freie Durchfahrt. — Zu einem Vortrag von Karl Emil Franzos; hatten sich jüngst in Ratibor imBruckmann'schen Saale mehrere hundert : Hörer eingefunden, die dem anderthalbstündigen, geistreichen Geplauder; mit hohem Interesse lauschte. — Am 31. Januar sprach der Dichter in! Lublinitz im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur", und am! darauffolgenden Freitag, den 1. d. M. in der „Eintracht" zu Kattowitz. — Vom Vorstande, dem Repräsentanten-Kollegium und der Baui kommisston der Synagogengemeinde zu Myslowitz ist in gemein-! schaftlicher Sitzung beschlossen worden, die Ausführung des Synagogen-! baues im Submissionswege zu vergeben.! X Beuthen O.S., im Februar. Im ehrenvollen Alter von fast 90 Jahren! starb vor wenigen Tagen Hierselbst das älteste weibliche Mitglied hiesiger Gemeinde, Frau Handel Badrian. Die Tugenden der Verstorbenen als Hüterin und Wächterin jüdischer Bräuche und Sitten pries Herr Rabbiner Dr. Kopfstein in ergreifender Grabrede. — Anläßlich seines 25jährigen Ehejubiläums wurden dem hiesigen Bäckermeister Herrn Simon Adler mannigfache Ehrungen zu Theil. Eine Deputation der Bäckerinnung, deren Obermeister Herr A. ist, und eine solche der Synagogen-Gemeinde, innerhalb welcher derselbe Vorstandsmitglied des Armen-Unterstützungs-Vereins ist, brachten dem Jubelpaare ihre Glückwünsche. Herr Adler hat 1870/71 den Feldzug gegen Frankreich als Kombattant mitgemacht und sich hierbei durch Tapferkeit und Entschlossenheit ausgezeichnet. L Schwerin a. Warthe, 15. Februar. Im Anschluß an die, in Nr. 6 der Allg. Z. des Judenthums enthaltenen, dem Andenken des Morris Lißack aus Bedford, zuletzt London, — gewidmeten Zeilen kann ich Ihnen auch mittheilen, daß demselben die Ehre zu Theil wurde, für unfern verehrten Kaiser Wilhelm II., nachdem er das erste Lebensjahr vollendet, ein Jahrgeschenk zu überbringen. Die Kaufmannschaft von Bedford, welche dasselbe, bestehend aus einem kostbaren weißen Anzuge, von den Schuhen bis zum Hütchen, gespendet, hatte Lißack zum Ueberbringer gewählt und wurde derselbe durch eine Audienz in deutscher und englischer Sprache, seitens des damaligen Kronprinzenpaares, unserm unvergeßlichen Kaisers Friedrich und der hochvereehrten Kaiserin Viktoria,

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