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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-22 · Heft 8 (22.2.1895) · p. Seite 95

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 8 (22.2.1895)
Date
1895-02-22
Page
Seite 95 (sequence 13)
Language
German
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05 deutlich fkmgeu mir wieder jene furchtbaren Worte in den Ohren, die sich mir einst weinend entrangen, während ich auf das todte Besicht meines Vaters geblickt: „Ich werde es nie, nie thun, thenrer Vater." Ich sah das Alles so deutlich, das; ich mich krümmte vor Weh, und immerfort mußte ich jene Worte vor mir Heringen. Was ich in jenen Stunden empfunden habe, es war zu grauenhaft, um es Ihnen schildern zu köilnen. Sv saß ich lange Stunden, während die Dunkelheit trübe Schatten um mich wob, daß mein Herz ansstöhute. Dann war ich keines Gedankens mehr fähig. Ich fühlte nur, wie etwas Schweres ans meinen! Herzen lastete, das mich ganz zu erj drücken drohte. Bis ich einschlief, so schwer, so dumpf. Und jetzt wieder dasselbe Bild — nur noch deutlicher, klarer. Ich sah meinen Vater und ich wollte seine Hand ergreifen, ihn um Verzeihung bitten — doch er wandte sich zürnend von mir ab. Da weinte ich auf, aber ich vermochte kein Wort über die Lippen zu bringen. Und ich erwachte. Zuerst, als ich den ersten Eindruck überwunden hatte, redete ich mir zu, doch nicht abergläubisch zu sein, es sei Alles ja nur Einbildung meiner Phantasie. Aber was half es? Ich sah es Heinrich an, daß er über mein Aussehen, über die Veränderung, die ich über Nacht erfuhr, erschrak. Trotzdem konnte ich ihm nichts davon sagen, wie ich gelitten; er suchte mich zu erheitern, aber wie ich mich auch dazu zwang, es war vergebens. Als ich es nicht länger anshielt vor innerer Onal, da bat ich ihn nlich nach Hanse zn lassen. Ich hoffte noch innner, dort zu gesunden. Es mußte ja vorübergehen! Und so sagte ich ihm, daß ich niich etwas unwohl fühle — daß ja Alles, Alles bald gut lverden wird. Vielleicht merkte er etwas davon, was in mir vorging, aber da ich schwieg, wollte er nicht weiter in niich dringen. Als ich auf der Schwelle stand, um Abschied von der Baronin! zu nehmen, da kenn mir plötzlich der Gedanke, daß eS vielleicht ein Abschied sei für immer. Schmerzliche Wehmnth ergriff inich, und ohne daß ich es wollte entrang sich mir unter Thränen die Bitte:! „Bleiben Sie mir gut, bleiben Sie mir innner gut, meine Mutter." Heinrich begleitete niich, er war liebevoll zu mir wie noch nie. Ich suchte nlich emporzuraffen, ich klammerte mich an mein Glück, — aber mir sagte ein inneres Gefühl, daß nun Alles vorbei sei, daß keine Brücke hinüberführe über die festgewurzelten Vornrtheile, die trotz aller Liebe uns innewohnten. Es war dann ein langes, schmerzliches Abschiednehmen. Wie ich dann all die Tage des Alleinseins ertragen konnte, ich weiß es nicht. Ich war krank, sehr krank. Es war wie ein Gespenst, etwas Todtes, das hinter mir herjagte, und es gab keine Rettung. Eines Abends ging ich an einer Kirche vorbei. Man hielt dort Andacht, die Glocken läuteten und -Orgelton drang an mein Ohr. Lange stand ich da und mußte den Tönen horchen. Da gingen zwei Herren in Begleitung einer Dame vorbei, und ich hörte, luie sie unter verächtlichem Lachen sagte: „Schauen Sie mal das Judenmädel, das sich einen christlichen Baron gekauft hat." Wie mich diese brutalen Worte trafen! Und noch einmal erwachte ein grimmiger Haß in mir, daß ich hinwegeilen mußte. Es stand mir Alles so fremd, so furchtbar fremd gegenüber. Ich wußte nicht, wohin mich meine Füße trugen. Ich wollte in dieser Stimmung nicht nach Hause gehen. — Plötzlich befand ich inich vor unserm großen Bethanse. Es war am Freitag, unb wie gebannt, horchte ich den innigen, pathetischen Gesängen, die zu mir drangen. Wie das anders klang! Ein? unendliche Liebe war über mich gekommen und ein seliger Friede. Das milde Licht der Sabbathflammen ergoß sich in meine Seele, und ganz leise sang ich die Melodie mit. Aber diese Beruhigung hatte nicht lange gedauert. Ich konnte die Liebe zu Heinrich ans meinem Herzen nicht bannen. Ja, es gab Momente, wo eine heftige Sehnsucht nach ihm mich verzehrte, das; ich dann alles Andere wieder vergaß. Es war ein großer Kampf in mir. Sollte ich Alles, Alles dahingeben, sollte ich inich opfern für einen Wahn, für ein Vorurtheil, für ein Versprechen, das ich in meiner Besinnungslosigkeit gegeben? Grausame Forderung! Ich wollte stark sein! Und dann all' der Triumph meiner Neider! Heinrich, Heinrich! Tausendmal rief ich seinen Namen in grenzenloser Sehnsucht. Mochte kommen was innner, das Verderben und der Tod, ich wollte noch für kurze Zeit glücklich sein. Und als er kam, da sagte ich ihm, daß ich folgen wolle, daß sein Glauben und seine Gefühle auch die meinen sein werden. Gewaltsam kämpfte ich Alles nieder. Die Liebe ist heiliger als alle Religion, aller Wahn, tröstete ich nrich. Unsere Vermählung sollte bald stattfinden. Wir trafen alle Vorbereitungen. Alle meine Freundinnen sprachen mir Muth und redeten Nlich ins Glück hinein. Als ich aber dann vor dem alten Pfarrer stand, da erwachte mit noch größerer Gewalt eine Furcht in mir. die niich meiner Sinne beraubte. Ich stand ganz starr da, und unwillkürlich sagte ich vor mich hin: „Ich werde es nie thun, mein Vater!" Der alte Geistliche, ein freundlicher Herr, ergriff meine Hand: „Gehen Sie nach Hause, Kind, Sie sind krank." Ja, ja, ich war furchtbar krank in jenen Tagen. Schlaflose Nachte und ruhelose Tage, und immer und innner wieder nur dieser eine furchtbare Gedanke. Innner wieder stand ich vor dem Pfarrhanse und ich uuifete umkehren. Ich brach zusammen. Was war mit mir doch geschehen? Und eines Tages, als ich mich schon ganz verloren gab, und ich keinen Ausweg inehr sah, da sagte ich meinem Heinrich, daß Alles zwischen uns Täuschung war, daß wir von einander gehen müssen, weil wir Beide über unsere Vergangenheit nicht hinaus können. Ich fühlte, wie ich mit meinen Worten alt' mein Glück begrub, jedes Wort stach mich ins Herz. Zuerst fiel er vor mir nieder und flehte mich unter Thränen an, ihn nicht zu verlassen. Ich erzählte, wie ich gekämpft, und wie ich unterlag. „Lasse Du, als der Stärkere, alles Vorurtheil fahren, zeige mir, daß das jüdische Mädchen Dir eben so lieb ist als ein christliches. . . . „Und soll ich das arme Herz meiner Mutter brechen?" fuhr er auf. „Du hast bereits ein Herz gebrochen, Schwächling. Lebe wohl." Ich hatte mich abgewandt, um meine Thränen zu verbergen. Er hatte meine Hand ergriffen und küßte sie lange, lange. Ein Seufzer. Dann erhob er sich, und ich hörte, wie seine schweren Schritte verhalten. Ich horchte ihnen noch lauge; noch hoffte ich auf seine Wiederkehr. Er taut nicht. Und dann begann ich zu lachen, das; ich inich selbst entsetzte. Das ist, lieber Freund, die seltsame Geschichte meiner Liebe. Sie können ja nun die Schlußfolgerungen ziehen." * Das waren dann Tage und Wochen voll trüber Stinmumg. Wie ein trauriges Lied klang immer in mir die Erzählung Antonias. Wir sahen uns täglich, und ich sah, wie wohl ihr meine Theilnahme that; den trüben Schatten, der auf ihr lastete, tonnte ich jedoch nicht verscheuchen. Und wenn ich ihr von meiner Josi erzählte, leuchtete ihr Auge auf.

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