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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-22 · Heft 8 (22.2.1895) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 8 (22.2.1895)
Date
1895-02-22
Page
Seite 94 (sequence 12)
Language
German
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04 Wie konnte die Lebende entstehen, wie sich festsetzen? Ein ähnliches Kuriosum verzeichnet die Geschichte der neueren Litteratnr nicht, geschweige denn bezüglich eines Dichters unserer Tuge, Mitgewirkt Hot sicherlich die Verschollenheit jenes Kalenders, Lein voller Titel lautet: „Kalender und Jahrbuch auf das Jahr 5618 (1857-58) für die jüdischen Gemeinden Preußens. Heransgegeben von Ph, Werthcim. Zweiter Jahrgang. Berlin 1858. Verlag von Veit Comp." Hier ist S. 5 —108 „Vögele der Maggid" zuerst erschienen; „Mendel Gibbor" im dritten Jahrgang 5019 (1858—59) S. 5—144. Wie Wenige wissen dies heute noch! Ich selbst habe vier Mal in vielgelesenen Blätter» die falsche Entstehnngszeit genannt. Niemand berichtigte mich. Sechs Male habe ich vor einem Publikum, das vornehmlich aus Juden bestand, über Bernstein gesprochen, stets den Jrrthum wiederholt — auch im Hörerkreis wußte cs Niemand besser. Aber dadurch wird nur erklärlich, wie der Jrrthum fortwähren konnte —, wer aber hat ihn aufgebracht und in Verkehr gesetzt? Es liegt nahe zu sagen: Bernstein selbst. Aber das ist geradezu undenkbar. Tenn cs nüderspcicht jener Eigenschaft, die ihm Jedermann zucrkennt, seiner Wahrheitsliebe in allen öffentlichen Fragen. Bernstein hat viele warme Freunde, viele heftige Gegner gehabt; mir siird chrenwerthe Männer ans beiden Lagern bekannt, ich habe sic gefragt, ob sie Bernstein einer solchen Handlungsweise fähig hielten, und nicht blos die Freunde, sondern auch die erbittertsten Gegner haben einstimmig geantwortet: „Nein, unmöglich!" Was aber seine Feinde, die ihn gekannt haben, einem Manne nun und nimmer Zutrauen, das darf ihm auch niemand Anderer nachsagen. „Aber warum," höre ich fragen, „hat er dir deine Anfrage nicht klipp und klar beantwortet?" Weil er, antworte ich, ein sehr saumseliger Briefschreiber war, der vielleicht schon langst vergessen hatte, wonach ich ihn eigentlich gefragt. Geringer Ordnungssinn und Sorglosigkeit bezüglich seiner Korrespondenz wird ihm allgemein nachgesagt. Konnte er einen Brief oder ein paar Worte spare», so that er's. So allein kann sich auch sein lakonischer Tank für meinen erste» Artikel — statt einer Berichtigung, wie sich's gebührt hatte — erklären, und so allein — weil er nnr schrieb, ivenn er mußte, und in seiner Sorglosigkeit Persönliches gern von Anderen besorgen ließ — die Entstehung des Jrrthums überhaupt. Es mag also damit meines Erachtens ctiva so zugegangen sein: Bernstein erhält eines Tages von der Redaktion irgend eines Lexikons oder einer Zeitschrift das Ersuchen um biographische und bibliographische Talen, Wie sich der Autor dazri verhält, ist eben nach seinem Wesen verschiede», der Eine schreibt alles Gewünschte bald und objektiv ans; der Andere womöglich noch rascher, aber ein tvenig ansgeputzt, ein Trittcr, der wenig Zeit hat, bittet wohl einen Freund: „Ich theilc Tir Alles mit, mach' Tu'S!" So Bernstein. Vielleicht ist'» ein jüngerer Redaktionskollege, den er drum ersucht. Auf diese Weise entsteht eine Notiz, in der das Meiste authentisch ist ttnd von Bernstein selbst herrührt. Einiges freilich ist falsch und giebt ihm einen Ruhm, den er nicht verdient; eine Absicht des Tauschcns braucht trotzdem nicht vorzuliegeu, cs kann sich sehr wohl um einen Jrrthum Iwnu fi<Ie handeln. Und diese Notiz dient nun bei Bernsteins Lebzeiten wie nach seinem Tode als lknterlage, so oft Angaben über ihn von seiner Familie gewünscht ivcrden. Daß sich die Sache so erklärt, schließe ich nicht blos daraus, Iveil sich jener Anonymus, Laistucr und lullt rzuunti ihre Angaben unmöglich aus dein Finger gesogen haben können, sondern ich habe dafür noch einen viel direkteren Beleg. Nach Erscheinen meines ersten Aufsatzes überschütte mir der Redakteur dieser Zeitschrift ein Manuskript über Bernstein, das er vor geraumer Zeit von einer dem Dichter verwandten Persönlichkeit mit dem Bemerken erhalten hatte, es sei dies eine von Bernstein selbst korrigirte Skizze seines Lebens. Sie stimmt im Wesentlichen durchaus mit Laistners und Anderer Angaben, enthält auch einige unwesentliche Korrekturen von mir nnbekannler Hand. Bernsteins Hand aber war dies iricht, und so bat ich denn Herrti Dr. Karpeles um Auskunft, ob die Skizze wirklich authentisch sei. Er erwiederte, sie sei ihm ausdrücklich als „völlig authenlisch und von Bernstein selbst korrigirt" übergeben tvvrden. „Aber es ist ja nicht Bernsteins Hand," wandte ich ein, worauf Herr Dr. Karpeles nochmals an die Besitzerin schrieb und mir als ihre Antwort mittheilte, Bernstein habe die Korrektrire» diktirt, die Skizze selbst durchgesehen. Nun denn, in dieser Skizze heißt es wörtlich: „Diese geschäftliche Thüligkeit (als Leihbibliothekar) nahm aber seine Zeit nicht voll in Anspruch, er setzte eifrig seine Studien fort, und im Jahre 1838 erschienen von ihm, ebenso wie seine ersten Publikationen unter dem Pseudonym Rebenstein, die „Grundlagen zu einet» System der Philosophie der Geschichte" und bald darauf, 1840, die beiden Novellen aus dein Ghetto-Leben, welches er aus eigener Erfahrung so genau kannle, „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor". Damit hat Bernstein ein ganz neues Genre hervorgernfen, und andere Novellisten, wie Koinpert und Karl Emil Franzos, sind ihm auf dies Gebiet gefolgt." Man sieht, dies kann Bernstein weder selbst geschrieben, noch diktirt, noch dnrchgesehe» haben. Aber jene dem Dichter verwandte Persönlichkeit ist dieser Meinung, hält die Skizze für authentisch, giebt ihr immer weitere Verbreitung und erfährt sicherlich erst ans diesen Zeilen, welche Verwirrung sie damit angestiftet, tvelche ernste Gefahr für des Dichters Nachruhm heraufbeschworen hat. Da ich in Nr. 5 meiner Korrespondenz mit einer Tochter des Dichters erwähnt habe, so fühle ich mich verpflichtet beizufügen, daß es sich nicht um diese, in Brannschweig lebende Tome handelt, die mir im Gegentheil schon »ach meinem ersten Aussatz spontan schrieb, die Novellen seien erst Ende der fünfziger Jahre erschienen. Was Bernstein, sagte ich bereits am Schlüsse meines zweiten Aufsätze», durch diese Richtigstellung au litterar-historischer Bedeutung verliert, gewinnt er an psychologischem Interesse. Die Entstehnngs- Geschichle der beiden Novellen ist in ihrer Art einzig. Mein nächster Aufsatz wird sie erzählen. <L m Ä& w ■juammmum. — sg 1.- - W 1 1 FEUILLETON n * 1 —-1 Es — vy ■' -- - -' 1 1— I nMiiflyniidiiiggs!|“UAu!M!IZB l- Dorurtherle. Novelle von Hermann Menkes. (Schluß.) As ich dann in mein Schlafzimmer ging, nahm ich die Geschenk, mit, die ich von Heinrich und seiner Mutter bekam. Die Baronin hatte mir eine prachtvoll ausgestattete Bibel geschenkt, das alte Testament. Ich öffnete sie, und ihre uralte Poesie erquickte mich. Plötzlich entfiel sie meinen Händen. Was ich darin las, hatte ein furchtbares Bild in mir heraufbeschworen. „Du sollst nicht meineidig werden." Wie oft hatte ich es gehört und es war mir gleichgiltig gewesen — denn was hatte ich damit zu schaffen gehabt? Aber jetzt? Ganz

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