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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-22 · Heft 8 (22.2.1895) · p. Seite 93

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 8 (22.2.1895)
Date
1895-02-22
Page
Seite 93 (sequence 11)
Language
German
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93 Tagebuch eintrug. Einen kurzen Auszug habe ich bereits in meinem Nekrolog Komperts veröffentlicht; vielleicht gebe ich einmal an dieser Stelle den ganzen Bericht. Hier nur so viel, daß die Arbeiten thatsächlich ohne jede Anlehnung an irgend ein Muster und zu einer Zeit entstanden sind, wo er — als Hauslehrer in einem gröslicheu Hanse — jeglichem Verkehr mit Glaubensgenossen völlig entrückt war. Ich dankte ihm, nachdem er geschlossen, und versicherte den mir sehr theure», schon damals recht kränklichem Mann: so lange ich die Augen offen hätte, werde ihm Niemand ohne Widerspruch nachsagen, daß er durch Bernstein beeinflußt worden sei. Die Gelegenheit, dies auszusprechen und klar zu stestcu, fand sich sehr bald; schon am 22. Mai desselben Jahres feierte Kompert seinen 60. Geburtstag,° in einem Aufsaß, den ich zu diesem Tage (für die „Neue Jstustrirte Zeitung") schrieb, betonte ich: allerdings sei Bernstein zeitlich der Erste, doch habe Kompert seine Arbeiten erst ztvanzig Jahre nachher kennen gelernt; Beide hätten spontan denselben Weg gefunden und in dieser Beziehung, wie jeder anderen, könne man Jeden von ihnen herzhaft loben, ohne das; dadurch das Berdienst des anderen beeinträchtigt würde. In demselben Sinn äußerte ich mich in dem Nekrolog für Bernstein (Februar 1884), in demselben Sinn im Nekrolog für Kompert (Noveinber 1886.) Und als ich die vorliegenden Aufsätze zu schreiben begann, wollte ich auch bei dieser Gelegenheit das Gleiche betonen. Es ivar ja nothwendig! Denn Komperts Ahnung hat sich erfüllt; einer oder der andere Litterar-Historiker ist wirklich „ins Konstrnireu gekommen." Und wie! ... Ich beschränke mich auf ein einziges Citat. Im „Neuen deutschen Novellenschatz", heransgegeben von Paul Hehse und Ludwig La ist ne r (Band X., Seite 4 ff.) schreibt La ist» er über Bernstein: „Die geistige Grundkraft, aus welcher eine so vielseitige, regsame Thätigkeit erwuchs, eine empfängliche und bewegliche Phantasie, hat er nur spärlich auf ihrem eigensten Felde, dem der Dichtung, bethätigt, aber auch hier wieder als Bahnbrecher: er schuf die Ghetto-Novelle. Ende der dreißiger Jahre veröffentlichte er in jüdischen Kalendern die zwei Erzählungen: „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor" und erst, als sich auch christliche Leser dafür interessirten, entschloß er sich, sie in Buchform zu veröffentlichen ... Die Sprache hat etwas Jeanpaulisirendcs, auch stört ein tändelndes Uebermaß von Herzigkeit, Schönthnu und Gescheidreden, was übrigens litterar-historisch nicht ohne Interesse ist, sofern es zeigt, woher die Gestalten der Auerbach'schen Dorfgeschichten ihr sentenziöses Wesen haben. . . . Würde schon der Umstand, daß hier der Ausgangspunkt liegt für die Novellisten des Ghetto, L. Kompert, S. H. Mosenthal, K. E. Franzos, wie andererseits für jenen spezifischen Einschlag in die deutsche Dorfgeschichte, der durch die Namen B. Auerbach, A. Weilt, A. Silberstein bezeichnet wird, die Aufnahme des Mendel Gibbor in unseren Novestenschatz zur Genüge rechtfertigen, so tritt auch davon abgesehen der innere Werth und Gehalt der Erzählung hinlänglich für sich selber ein." Der Hehse-Kurz'sche, dann Heysc-Laistner'sche Rovellenschatz gilt in seinem biographischen und bibliographischen Theil als Quelle von unbedingter Verläßlichkeit, und mit Recht; diese Notizen stammen insgesammt von den Dichtern selbst oder, falls cs sich um Verstorbene handelt, von ihren Familien. Hätte ich auch nur den geringsten Zweifel gehabt, daß Bernstein thaisächlich diesen Platz in der Litteratur-Geschichte verdiene, so wäre er angesichts dieses einen Beleges verstummt/ Dennoch gestehe ich, daß mich gerade diese Notiz zu der Bemerkung in meinem ersten Aussatz bewog, die dann die Aufdeckung des wahren Sachverhalts herbeisührte. Diese Folgcrnugeu gingen mir nämlich doch ein wenig zu weit: nicht blos für die Novellisten des Ghetto war also Bernstein der Ausgangspunkt, sonder» auch für die deutsche» Torfgeschichtenschreiber ans dem jüdischen Stamme; ja noch mehr, auch für das sentenziöse Wesen der Auerbach'schen Bauern! Daß dies Letztere im Kern unrichtig war, wußte ich ja, aber stimmte es wenigstens der Zeit nach? Konnte so cs sein? Ich glaubte es fest, aber ich wußte es ja nicht. Und so schrieb ich: ich Hütte für diese Angabe keinen Beleg, weil ich den Kalender nie gesehen; ob ihn mir nicht Jemand leihen könne'? Hub mit dem ersten Exemplar, das ich bekam, war diese litterarhistvrische Legende für mich zu Ende. Aus triftigen Gründen habe ich diese Mittheilung mit solcher Ausführlichkeit gegeben. Zunächst um der Wahrheit willen, die ich ja selbst, wen» auch sehr gegen meinen Willen, durch lange Jahre habe trüben helfen. Bernstein ist kein Bahnbrecher auf dem Gebiet der Ghetto-Novelle; sie stand zur Zeit, da er — 1867 — „Vögele der Maggid" schrieb, bereits in reichem Flor. Voransgegangen sind ihm, wenn man die historischen Novellen hinznrechuct: Heine („Rabbi vonBacherach" 1824) Auerbach („Spinoza" 1837, „Dichter und Kaufmann" 1889) und einige geringere Talente; wenn man, nur die Schilderung der Gegenwart ins Auge faßt: Hermann Schiff (1842), Leopold .Kompert (1847—48), Josef Samuel Tauber (1863), Michael j Klapp(1867). Salomo» Kohn(„Gabriel", 1863), D. Honigmann j (feit 1860) u. v. A. Will man jenen Dichter, der zuerst das gegeni wärst ge Leben der Juden in seine» Geschichten schilderte, als „Vater j der Ghetto-Novelle" ehren, so gebührt dieser Name dem unglücklichen j Hermann (eigentlich David Baer) Schiff (1861—67) mit Rücksicht! auf seine 1842 erschienene Sammlung: „Hundert und cinSabbath"; i demselben, mit Unrecht verschollenen Dichter gebührt auch das Vecj dienst, den ersten komischen Roman aus dem jüdischen Leben gei schrieben zu haben („Schief Levinche mit seiner Kalle" 1848). Der j „Ausgangspunkt für die Novellisten des Ghetto" ist also Bernstein! nicht. Kompert ging ihm um ein Jahrzehnt voraus; von Mosenthal weiß ich zufällig aufs Bestimmteste, daß er ihn nie gelesen hat, wenn ich seine Geschichten kennen lernte, habe ich bereits erzählt. Ans den „spezifischen Einschlag in die deutsche Dorfgeschichte" hat er gleichfalls keinerlei Einfluß geübt. Auerbach und Weil! gehen ihm um Jahrzehnte, Silberstein, der seit Mitte der fünfziger Jahre seine Dorfgeschichten schrieb, um Jahre voraus. Woher Auerbachs Gestalten ihr „sentenziöses Wesen" haben, weiß Jeder, der süddeutsche Dorfjnden kennt und Auerbach selbst gekannt hat, aber ans Bernsteins Novelle», die fünfzehn Jahre später erschiene» sind, könnten sie es nur auf dem Wege der — antehhpnvtischen Suggestion haben! Bernstein ist ein bedeutender Dichter, auf dem Gebiete der Ghetto-Novelle eines der stärksten Talente, das sichert ihm seinen Platz in der Litteratur-Geschichte, aber Einflüsse und Anregungen, die den Litterar- Historiker interessiren, geschweige denn solche, wie sie ihm Laistner nachsagt, sind nicht von ihm antzgegangen. Dies aber mußte nicht blos nm der Wahrheit, sondern auch um Bernsteins willen gesagt sein. Es ist sehr bedenklich, wenn die Litteratnrgeschichte einen Dichter zu Unrecht auf einen so hohen Sockel setzt, bricht dieser zusammen, so stürzt der Dichter nach. Dafür giebt schon der „Novellenschatz" einen deutlichen Anhaltspunkt; als erster Grund für die Aufnahme wird die angebliche Stelle Bernsteins in der Litteratnrgeschichte angeführt, erst als zweiter der Werth seiner Novellen. Ich denke aber, daß „Mendel Gibbor" jene Auszeichnung um seinetwillen verdient, nur nm seinetwillen. Aber auch in anderer Hinsicht hat mich gerade die Pietät für Bernstein zu dieser Ausführlichkeit bewogen.

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