Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1895)
- Date
- 1895-02-22
- Page
- Seite 92 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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92 verkörpern sich in den Sehern, de» Romantikern, den Individualisten, und uns ziemt es nicht, zu vergessen, wie mientbehrlich auch dies Element der menschlichen Entwickelung ist. Wir wären Alle nicht, was wir sind, die Zeit, die Nation wäre nicht, was sie ist, ohne die Seher und ohne die Propheten! Urber A. Bernstein. Von Karl Emil Franzos. IN. "ein letzter Aufsatz hat dem vorliegenden die Aufgabe vorgezeichnet, eine Erklärung dafür zu versuchen, wie A. Bernstein zu seinem Ehrenplatz als „Vater der Ghetto- Novelle" gelangen konnte, während ihm ja thatsächlich kein Anspruch darauf zusteht. Zu diesem Zwecke berichte ich zunächst, wie ich dazu gekommen bin, diesen Jrrthum zu hege» und weiter z» verbreiten. Als ich 1882 zum ersten Mal anläßlich seines bevorstehenden 70. Geburtstags über Bernstein schreiben wollte, fand ich. wie bereits erwähnt, in den üblichen Nachschlagewerken nur dürftige Notizen über ihn vor. Die eine oder andere besagte, das; er der Begründer der Ghetto-Noveüe sei. Nun Pflegen ja die Notizen in derlei Büchern schon deshalb in der Regel zuverlässig zu sei», weil sie fast immer von den betreffenden Persönlichkeiten selbst oder in deren Auftrag von ihnen Nächststeheiiden niedergeschriebeu werden, um dem Wunsche der Lerikons-Redaltion zu entsprechen. Gleichwohl hatte ich hier deshalb Bedenken, weil mir die Angabe mit den bibliographischen Notizen nicht stimmen wollte. In Buchform sind die beiden Geschichten erst 1860 erschienen; damals waren ja — von Anderen zu schweigen, — schon die hervorragendsten Arbeiten Leopold Komperts längst ans Licht getreten. Ein Zufall wollte es, daß ich darüber mit dem Prediger Tr. Jellinek sprach; der treffliche Man» hatte ein stupendes Gedächüüß und war in seiner Art auch ein Kruversationslexikon. „Deshalb ist Bernstein doch thatsächlich der Erste," sagte er mir. „Ich habe vor einiger Zeit eine Skizze über ihn gelesen, die Ihnen Ihre Zweifel benehmen wird. Die Geschichten sind wirklich Ende der Dreißiger Jahre in einem Kalender erschienen; Bernstein hat sich erst zwanzig Jahre später auf Andrängen seiner Freunde entschlossen, sie durch Weglassung vieler hebräischer Stelle» und einzelner Ausdrücke einem größeren Publikum mundgerecht zu machen." Nachdem ich diese Skizze, die er mir am nächsten Tage zuschickte, gelesen, hatte ich asierdings keine Zweifel mehr. Der anonyme Verfasser sagte nicht blos ausdrücklich, daß er seine Mittheilungen von Bernstein selbst erhalte», sondern das Meiste ließ auch keinen anderen Schluß zu. Ich weiß leider den Titel der Zeitschrift nicht mehr zu nennen, es sind dreizehn Jahre her, und die Nummer ist, wie man gleich sehen wird, nicht lange in meinen Händen geblieben. Ich war also nun überzeugt, daß Bernstein der Vater der Gattung sei, d. h. so weit sie das Leben der Juden im 19. Jahrhundert schildert, und es war nicht mehr der Zweifel, ob ihm wirklich diese Stellung gebühre, sondern nur der Wunsch, Näheres über ihn zu erfahren, der mich vorher an den Dichter schreiben ließ. Indem ich ihn als Schöpfer der Gattung begrüßte, bat ich ihn um Details über seinen Entwickelungsgang. Namentlich iuteressirte es mich auch zu erfahren, warum er nur diese beiden Geschichten geschrieben habe, also, wie ich glaubte, i» ganz junge» Jahren als Dichter wieder verstummt sei, und ich hoffte auch darüber Näheres zu hören, warum es volle zwanzig Jahre gewährt hatte, ehe er sich entschlossen, diese Jugcndarbeiteu einem größeren Publikum zu bieten. Seine Antwort habe ich bereits in meinem ersten Aufsatz mitgelheilt. Wer den Brief liest, wird mir zugeben, daß mir nun vollends jeder Gedanke, im Jrrthum zu sein, schwinden mußte. Irgend eine Berichtigung enthielt er nicht; im Gegentheil habe ich ihn bis vor einigen Wochen dahin verstanden, daß Bernstein meine Frage, warum er sich so früh wieder von dem Genre abgewendet, in geistvoller, spmbolischer Art beantwortet hätte. Er sagte mir nämlich, wie ich glaubte: „Weil mein Messias ein Anderer geworden ist! Ich habe den Entwickelungsgung des Judenthums in mir durchgemacht und bin zu allgemeineren Idealen und Stoffen gelangt." lieber die Richtigkeit dieser Antwort ließ sich ja streiten; ein Dichter kann sehr wohl zu allgemeineren Idealen gelangen, ohne deshalb den engeren Stoffkrcis, von dem er ausgegangen, ganz lassen zu müssen. Noch mehr, er kann — ich wäre nicht in Verlegenheit, Beispiele dafür zu nennen — diesen engeren Kreis deshalb immer wieder aufsucheu, um allgemeinere Ideale darin zur Geltung zu bringen. Judeß, eine bemerkruswerthe Antwort war's immerhin, weil es offenbar, so mußte ich aunehmeu, die für ihn richtige Antwort war. Nun sehe ich freilich, daß er dies nicht gemeint habe» kann; denn er ist ja in Wahrheit erst als 45jähriger Mann in diesen Sloffkreis gerathen. Er hat mir wohl nur ganz im Allgemeinen ein Shinbol seines Lebens geben wollen. Nachdem ich also diesen Brief erhalten, schrieb ich meinen Glückwunsch-Artikel zum 6. April 1882. Er erschien in der „Neuen freien Presse" und betonte vor Allem das Verdienst Bernsteins als Schöpfer der Ghetto-Novelle. Ich schickte ihn Bernstein zu und erhielt darauf von ihm eine kurze Zeile herzlichen Dankes. Wenige Tage später kam Kompert zu mir. Seine erste Frage war, ob ich jenen Artikel gelesen hätte. „Sogar geschrieben," erwiederte ich. „Mein Schreiber hat nur vergessen, meine Initialen darunter zu setzen." Er schüttelte den Kopf. „Sie wissen," sagte er, „wie hoch ich Bernstein schätze; ich war es ja auch, der Sie auf die Geschichten hingelenkt hat. Und daß ich Niemandes Verdienst auf diesem Gebiet beeinträchtigen will, wissen Sie auch. Aber — der Schöpfer der Gattung ist er nicht." „Er ist's doch!" erwiederte ich und zeigte ihm jenen Aufsatz, den mir Dr. Jellinek geliehen. Er las ihn, bat, ihn mituehmen und dann an den Besitzer zurückstellen zu dürfen, meinte aber schließlich doch: „Das ist kein Beweis! Die zwanzig Jahre Zivischenraum — hm!" „Nun," sagte ich, „daun lesen Sie hier den Entwurf meines Briefs an Bernstein. . . und hier seine Antwort . . . und hier seinen Dank für den Artikel! . . . Sind Sie nun überzeugt?" „Ja!" sagte Kompert. „Und es schmerzt mich wahrlich nicht! Aber Eins müssen Sie mir versprechen. Die Herren Litterar- Histvciker kommen sehr leicht ins Konstruiren. Das haben Sie ja erfahren! Meine und Ihre Bücher aus dem jüdischen Stoffkrcis sehen einander doch wahrhaftig nicht ähnlich; wir sind in der Art unseres Schaffens geradezu entgegengesetzte Naturen. Aber weil Sie nach mir gekommen sind und Ihr Erstlingsbuch mir gewidmet haben, gelten Sie als mein Nachfolger —" „Das hat mich »je gekrünki," betheuerte ich. „Aber wahr ist's nicht! Und nun kommt vielleicht Jemand, der aus mir einen Nachfolger Bernsteins macht, und das wäre schon deshalb nicht wahr, weil ich betheuern kann: ich habe, als ich meine ersten Ghettogeschichten schrieb, nicht gewußt, daß derlei schon da sei. . ." Und nun erzählte er mir, wo rmd wie er seine ersten Geschichten geschrieben habe. Diese Erzählung war so interessant, und für sein ganzes Schaffen bezeichnend, daß ich sie »och selben Tags in mein