Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1895)
- Date
- 1895-02-22
- Page
- Seite 91 (sequence 9)
- Language
- German
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91 Im Aufträge Gottes redet der Prophet. Nicht mehr der listige Zauberer, der den Gott zur Rede Zwingt — der fromme Beter, dem Gott das Wort auf die Zunge legt — das ist die neue Idee. Das ist die hohe, geläuterte Vorstellung, die wir nun mit dem Wort „Prophet" Verbindern Und wie so ganz verschieden ist beim auch die Thütigkeit der neuen Propheten von der der alten! Was damals die Hauptsache war, das Wahrsagen, tritt jetzt ganz znrLick. Wir finden Jeremias und Esekiel, Jesaja und Amos viel mehr mit der Beobachtung und Beurtheilung der Gegenwart beschäftigt, als mit der der Zukunft. Die Zukunft dient nur als Hilfsmittel, um Mahnungen, Drohungen, Verheißungen zu stützen, die den Lebenden gegeben werden. Und hierin thut sich der zweite unermeßliche Fortschritt kund, den der Prophet Liber den Seher herausgethan hat. Auch er glaubt noch, daß in lückenloser Stetigkeit die Ereignisse sich aneinander reihen; aber er hat auch diese Anschauung vertieft. Die rein mechanische Vorstellung hat er zu einer causalen, einer moralischen erhoben. Die Dinge folgen aufeinander nicht wie die Buchstaben im Alphabet, sondern wie Verdienst und Lohn, Vergehen und Strafe. Im Gegensatz zu dem urwüchsigen, den ältesten Kulturperioden möglichen und natürlichen Schamanismus setzt das Prophetenthnm eine lauge Schule voraus, Vertiefung in altgehegte Satzungen, Versenkung in die Schicksale des Volkes. So volksthümlich es auch ist, es erfordert doch, wie wir uns heute ausdrückeu würden, ein sorgfältiges Studium der Theologie und der Nationalgeschichte. Aus diesem Befragen der Bücher und der Ereignisse haben die Propheten die Ueberzeugung von einer strengen Verknüpfung jeder That mit ihren Folgen, von einer moralischen Bewerthung jeder Handlung, ja jedes Gedankens durch den richtenden Gott geschöpft. Und deshalb halte;! sie sich au die Gegenwart, die Zeitgenossen, ermahnen sie, bestimmten Schrecken vorzubeugen durch gerechten Wandel, bestimmte Erwartungen zur Thatsache reifen zu lassen durch gläubiges Gottvertrauen. Sie brauchen Gott nicht rnehr zur Aussage zu zwingen, für sie hat er längst gesprochen, längst sich verbindlich gemacht, die Sünde zu bestrafen an Kind und Kindeskind und die Tugend zu belohnen über Generationen. Und so wird aus dein Zauberer der Prediger. Goethe und Andere nach ihm haben gemeint, das jüdische Volk könne nie viel getaugt haben, da seine Lehrer ihm stets so viel vorzuhalten gehabt hätten. Mit mehr Recht dürfen wir wohl aus dem hohen Bild des israelitischen Prophetenthums die sittliche Höhe Israels erschließen: es ist kein Kleines, Männer von so hohen Anforderungen aus sich erzeugt zu haben. Wie wir als Deutsche mit guten! Grund stolz sind auf die Luther, die Lessing, die Goethe und Schiller, deren erhabener Idealismus oft genug den Durchschnitt des Volkes mit herben Worten strafte, so dürfen wir als Juden jener hohen Strafprediger uns rühmen, deren Schelten aus den strengsten sittlichen Begriffen, den unnachsichtigsten moralischen Anforderungen erwuchs. Aber wir dürfen auch nicht glauben, daß das ganze Volk je diese Höhe erreicht habe. Nicht einmal so weit ist es je gekommen, daß die Propheten die Seher ganz überwunden hätten. Immer liefen diese neben jenen her, innner wuchsen sie nach aus dem niedern Volke und fanden bei dem niedern Volke Zulauf und Beifall. Und hieraus wieder darf kein Volk dem alten Israel Vorwürfe schmieden. Denn überall findet sich jene Zweitheilung wieder; überall steht neben dem Propheten der Seher. Erinnert die Art der Propheten an die unserer Gelehrten durch das ruhig methodische Verfahren, durch das Sarnlneln und Vergleichen der Aussprüche und der Thaten Gottes, ist in all' dein geradezu der Prophet der Vorläufer aller Forscher, so fehlt keiner Zeit auf dem Boden der Forschung das Schamanenthum. In jenem Jahrhundert selbst, das alle rnoderne Wissenschaft begründete, die Naturwissenschaft insbesondere auf ganz neue Grundlagen stellte, hatte Deutschland den großen Forschern anderer Nationen fast nur verzückte Seher entgegenzustellen. Während durch wohlbedachte, sorgfältige Beobachtungen Newton die rnoderne Physik, Harvey die Physiologie begründete um nur diese Beiden zu neuneu — glaubte bei uns Jakob Böhine, verzückt durch den Anblick eines blinkenden Gefäßes, alle Geheimnisse von Himmel und Erde zauberhaft zu erfassen. Und so drangen sich auch heute noch in alle wissenschaftliche Fähigkeit unreife Seher, die mit einer-unklaren Methode Alles auf einmal glauben bieten zn können, wo die strenge Wissenschaft bescheiden fortschreitet. Sie erkennen den Ursprung der Sprache und den Anfang der Weltgeschichte, und sie sehen die Tage kommen, tvo man den Menschengeist „wie eine elektrische Lampe" analysirt. Am Wahrsagen sind sie fast innner zu erkennen, wie der Astrolog neben den! Astronomen, der Kalendermacher neben dem Meteorologen sich durch das Prophezeien verräth. Wohl strebt auch die strenge Forschung nach Vorausbestimmungen, und der Chemiker Lothar Meyer durfte sogar mit Recht behaupten, jede Wissenschaft müsse sich durch Voraussagen legitimiren können. Der Astronom sagt eine Sonnenfinsteruiß voraus, der Nationnlökonom eine Theuerung, der Philolog einen Sprachwandel. Aber wie bei den Propheten ist hier die Voraussage nur Hilfsmittel, nur Experiment; wie bei ihnen ist sie nicht ans willkürliche Apparate und momentane Eingebungen begründet, sondern auf Sannnlung und Vergleichung von Thatsachen. Und so liegt eine Welt zwischen dem schamanischen Orakel und der wissenschaftlichen Vorausberechnung! Und ans der andern Seite erinnern die Propheten durch den Schwung ihrer Sprache, durch die Macht, mit der sie weite Kreise elektrisiren, an unsere Dichter. Ja, Dichter sind sie auch selbst in der Kunst, bis znm Unfaßlichen hin Alles sichtbar, greifbar vor unsere Augen zu stellen; Gott selbst, den Unsichtbar-Allgegenwärtigen, dichten sie zu einer gewaltigen Herrschergestalt um. Und auch unter den Dichtem fehlt niemals neben dem Prophet der Seher. Denken mir an eine Dichternatnr wie die Goethes, so sehen wir das Musterbild des Propheten vor uns, der nichts erstrebt, „als daß sich Gott- Natur ihm offenbare"; der in frommem Vertrauen den günstigen Moment erwartet, in dem die Dinge und Gestalten selbst ihm ihr Geheimniß verrathen. Und daneben sehen wir die Romantiker, die in leidenschaftlicher Erregung das eigentliche Wesen des Dichters sehen, die gewaltsam pathetische Momente aufsuchen oder herbeiführen, in denen sie halbverständliche Eingebungen hervorstanuneln. Und auch hier wäre es nicht schwer, moderne „Derwische" neben lebenden „Propheten" anzuführen; es ist eben ein ewiger Gegensatz, der von den Sehern und Propheten des alten Bundes ausstrahlt. Wenn aber unsere moderne Art uns leicht verführt, auf den Seher mit Befremden, fast mit Verachtung, wie auf eine atavistische, längst überwundene Erscheinung zu sehen, so dürfen wir auch das nicht vergessen, daß ohne ein inneres Recht eben eine „überwundene" Form nicht neben der vollkommeneren fortdauern könnte. Die Propheten sind die Vertreter des höchsten geistigen Vermögens der Menschheit. Indem sie Alles zurückdrüngen. was persönlich ist, indem sie (lvie wieder Goethe zu lehren nicht müde ward) Vorurtheil und Temperament und eigenen Vortheil überwinden, um tu stiller Sammlung die Dinge zu sehen „wie sie sind", gelingt ihnen in höherem Sinne, was jene Zauberer kindlich anstrebten: den Kerkermeister des Geistes zn bezwingen, die Individualität niederznkämpfen. Aber auch sie hat ihr Recht. Die trotzige Individualität, die nicht die Tinge wie sie sind, sehen will, sondern sich in den Dingen; das titanische Ringen mit den Göttern; der Stolz der eigenen Persönlichkeit — sie