Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1895)
- Date
- 1895-02-22
- Page
- Seite 90 (sequence 8)
- Language
- German
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90 war nicht im Stande, eine solche Last zu tragen. Als Laon Say, j ein intimer Freund des Rolhschild'schen Hauses, einer der de- '> rühmtesten Nationalökonomen nub Finanzmänner Frankreichs, 1882; Minister war, nnd dieser Umstand es ihm ermöglichte, die Gefahr zu ermessen, welche durch die Fortsetzung jener Arbeiten dem Budget drohte, kam er auf den Gedanken, das Eisenbahnnetz durch französische Eisenbahngeselljchasten, denen die Regierung die Zinsen der dasür ausgelegten Kapitalien garantiren würde, sollenden zu lassen. Tic : in diesem Sinne der Kammer gemachte Borlage wurde jedoch, weil! sich eine starke Opposition gegen sie bildete, von Laon Say zurück- , gezogen, und der Minister dennssionirte. Da indessen die Schuld; des Staates immermehr anschwoll, wagte es im Jahr darauf Raynat, 2emt Say's Nachfolger, die Gesetzvorlage desselben abermals i den Kammern zu unterbreiten, und es gelang ihm, die mit den! Eisenbahngesellschaften geplanten Konventionen in beiden Kammern j durchznführen. | Nun war aber ein Punkt im Dunkeln geblieben, der nämlich,! ob der Staat den Gesellschaften die Zinsen ihrer ausgelegten Gelder bis 1915 oder bis 1900 garantiren müsse. Es kam zu einem Prozeß zwischen dem Staat und ben Gesellschaften, und kurz vor Casimir! Perier's Abdankung entschied der Staatsrath den Konflikt zu Gunsten j der Gesellschaften. Ta fielen sogleich die Antisemiten über den „Juden" David Raynal her und beschuldigte;; ihn der Bestechlichkeit und absichtlich die Konventionen derart abgefaßt zu haben, damit, im Falle eines gerichtlichen Eingreifens, die Gesellschasten Recht behielten. „Wir sind entrüstet," schrieb rnan in der „Libre Parole", „daß der Jude David Raynal noch auf freien Füßen steht, während j er eine Geldschneiderei begangen hat, neben der Panama ein unj bedeutender Schwindel ist. Der Jude Raynal kostet uns mehr als der Traktat von Frankfurt. Zwar fällt all' dieses Geld in seines Freundes Rothschilds Kassen, der, wie man weiß, der König der französischen Eisenbahnen ist. Das mag ein Trost für ihn sein, aber keineswegs für uns, die wir durchaus nicht wollen, das; unser schönes französisches.Geld den Inden (joutre) von Frankfurt bereichere. Raynal stellt uns mit gebundenen Händen und Füßen vor Rothschilds riesenhafte Geldkiste und sagt uns: „Jetzt leert Euere Taschen, Gojimhunde." Aber die Gojimhunde fangen an, genug zu Haber;. Casimir Perier wird wohl gezwungen sein, an einem dieser Tage das Geräusch zu vernehmen, das sich um ihn herum erhebt, und das bald zum Donner anschwellen wird; es mirb ihr: dann reuen, Rayüal als Kollegen im Ministerium gehabt zu haben. Die Geduld der Gojim ist lang, aber sie währt nicht ewig." Casimir Perier hat jenes Gerärrsch so gilt vernommen, daß er, als die Kammer, von dem Treiben der Sozialisten irregeleitet, kurz darauf die Ernennung einer Kommission beschloß, die die Raynal'sche Angelegenheit prüfen sollte, nicht länger im Stande war, diese und ähnliche Wühlereien, die ihn anekelten, zu ertragen, und seine Demission einreichte. Er hatte nämlich das Spiel der Sozialisten durchblickt und eingesehen, daß Raynal nur ein Strohmann war, damit der auf diesen geschleuderte Koth besonders ihn, den Präsidenten der Republik, der den Sozialismus mit eiserner Faust niederhielt, besudeln sollte. Nun harren wir dem Resultate entgegen, das sich aus den Untersuchungen besagter Kommission ergeben wird. Wie ich in meinem vorigen Brief bereits erwähnte, hat der Fall Dreyfus einige unserer Glaubensgenossen zu Kundgebungen veranlaßt, die einerseits den Wunsch, sich vor jeder Zusammengehörigkeit mit dem Verräther zu verwahren, andererseits aber auch eine sehr gedrückte und muthlose Stimmung verrathen. Es werden den französischen Behörden schaarenweise Gesuche von Glaubensgenossen eingereicht, die den Namen Dreyfus tragen, und denselben ändern wollen. So veröffentlicht neulich das „Journal officiell" folgende Note: „Herr Daniel Constant Dreyfus, ein in Paris wohnhafter Kaufmann, in Sterentz im Elsaß den 19. Juni 1852 geboren, verlangt, vom Justizminister ermächtigt zu werden, von nun an seinen Familiennamen Dreyfus gegen den Namen Constant zu vertauschen." Es sind in der französischen Armee 30 Offiziere, die den Namen Dreyfus tragen, und es sind bereits eben so viele, die den Wunsch geäußert haben, ihren Familiennamen zu ändern, so daß eine unparteiische Zeitung, „Le Jour", mit Entschiedenheit gegen diese Namenwechseleiseuche aufgetreten ist. „Ich weiß nicht warum", schreibt dieses Blatt „der Name;; Dreyfus in Ewigkeit verschrienen sein sollte, weil cs der Name eines Berräthers war. Man kann Mandrin (der Name eines Pariser Diebes) heißen und ein Wohlthäter der Menschheit sein". Aniiti. Seher und Propheten. Vortrag, gehalten zmn Besten der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums am 21. Januar 1895 von Dr. Richard M. Meyer. (Schluß.) Sm Kampf gegen die Götter also befinden sich die Seher. In diesem Kampf bedeutet jedes Orakel einen Triumph des Menschen über die Götter. Wie wir jetzt von der fortschreitenden Unterwerfung der Natur durch die menschliche Technik sprechen, so hatte jene Zeit von einer fortschreitenden Unterwerfung der Götter unter die schamanische Technik reden dürfen. Nun kommt aber der Umschwung. Eine ganz neue Frömmigkeit kommt auf. Schwere Schicksale, harte Enttäuschungen bringen Israel in eine völlig geänderte Stellung zu Gott. Man wagt nicht mehr, wider ihn anzukämpfen; man ergiebt sich ihm fromm und gläubig. Da wird aus dem Seher ganz allmählich — der Prophet. Er fühlt sich nicht im Besitz einer besonderen Methode, aber er fühlt sich in besonderer Nähe zu Gott. Oder doch: auch er hat seine Methode, das stille, geduldige Warten. Er trügt das „Templum“ in seiner Brust. In Gott versenkt sitzt er da, still, in der Einsamkeit, bis über ihn der Geist kommt. Dann bezwingt ihn der Herr, wirft ihn nieder, zwingt ihn, gegen seinen Willen zu reden und zu offenbaren. Der Prophet ist nur ein Werkzeug, das gewühlte Sprachrohr Gottes. Er ist beauftragt. Das drückt, wie Cornill hervorhebt, schon das hebräische Wort aus, ein dem Arabischen entlehnter Ausdruck. „Es liegt im Arabischen in der Wurzel das ganz spezifische Moment, daß dieser Sprecher nicht von sich aus oder nichts Eigenes, sondern aus einer besonderen Veranlassung oder für einen Andern redet; demnach wäre also der mlbi der beauftragte Sprecher, der eine bestimmte Mittheilnng zu machen, eine Botschaft auszurichten hat, und damit haben wir das wahre Wesen und den Kernpunkt der Sache getroffen. Daß sich von dieser Grundbedeutung auch im Hebräischen noch eine Spur erhalten hat, dafür ist eine sehr charakteristische Stelle im zweiten Buche Moses beweisend. Mose hat den Auftrag, vor Pharao zu treten, damit abgelehnt, daß er kein Mann der Rede sei, sondern einen schweren Mund und eine schwere Zunge habe. Und da sagt Gott zu ihm, daß sein Bruder Aaron durchaus redegewandt sei, der wolle für ihn das Wort führen; und das wird so ausgedrückt: „Siehe, ich mache dich zum Gott für den Pharao, und Aaron, den; Bruder, soll dein Prophet sein; du sollst ihm sagen, was ich dir gebiete, und Aaron, dein Bruder, soll es dem Pharao verkünden." Also Aaron ist Moses Prophet, weil er für diesen das Wort führt, in seinem Aufträge redet" (Cornill a. a. o. S. 10—11).