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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-22 · Heft 8 (22.2.1895) · p. Seite 87

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 8 (22.2.1895)
Date
1895-02-22
Page
Seite 87 (sequence 5)
Language
German
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87 von Mitkheilungcii von zuständiger Seite, daß der gegenwärtige! Aufeiihvlt des Kardinals Schönborn in Rom thatsächlich mit der Frage des Antisemitismus zusaminenhänge. Ji» Vatikan bestreite i man durchaus, daß die von Kardinal Rampolla an den Prinzen ' Liechtenstein vor der Versammlung der Wiener Christlich-Sozialen : in Linz gerichtete Drahtung eine Ermuthigung des Antisemitismus; oder eine Gutheißung dieser Ziele bedeute! Papst Leo hat sich; bereits wiederholt gegen die Antisemiten erklärt, und es sei wahrschcin- : lich, daß er dies bald wieder in nachdrücklichster Weise thun wird. v Es geht uns ein genauer Bericht über die Verhandlungen der französischen Kammer vom kl. d. M. zu. Wir entnehmen demselben folgende Details: Der Ministerpräsident Ribot: Ich glaube nicht, daß die , Kammer eine Debatte über das eröffnen will, was der Herr Vorredner das Ueberwiegen des jüdischen Elements in der Verwaltnng nennt. Es giebt keine Frage der Religion. Gustave Ronanet: Es giebt aber eine Rassenfrage! Der Ministerpräsident: Es giebt noch weniger eine Rassensrage. Wir haben in unserem Lande die Freiheit aller Meinungen und : den Respekt vor allen Glaubensbekenntnissen festgesetzt. Wir haben hier nicht die Herkunft eines Menschen zu untersuchen. Mag derselbe Katholik sein und in die Messe gehen, er sei Freimaurer oder Jude, die Regierung kümmert sich um nichts, was in die Domaine des Gewissens fällt; sie verlangt nur, daß ihre Beamten unbescholten seien, und daß sie Allen das Beispiel der Ehrlichkeit und der Zuverlässigkeit geben. Sie wird; sie zur Rechenschaft ziehen, wenn sie ihre Pflichten als Beamter verletzen, aber niemals wird sie sich um ihren Glauben und um ihre Herkunft kümmern. (Lebhafter Beifall.) Julien Dumas: Es handelt sich hier »ichl ui» die Religion! Der Ministerpräsident: Nach dieser kurzen Erklärung werden Sie wohl mit mir der Ansicht sein, daß die Interpellation unnütz ist, umsomehr, als sie die Diskussion über das Budget unterbricht. Die Diskussion über das, was der Interpellant die Judenfrage nennt, welche seit 1900 Jahren datirt, kann, wie mir scheint, noch einige Augenblicke warten. (Beifall.) Es ist aber jedenfalls bezeichnend, das; die Anfrage von einem allerdings bisher völlig unbekannten Mitglied der Regierungsmehrheit i eingebracht und daß sie von 200 Abgeordneten unterstützt wurde. j Aus der Berliner Gemeinde. Berlin, 17. Februar. fas Interesse für unsere Gemeindeangelegenheiteu ist in letzter Zeit wieder etwas lebhafter geworden, nachdem eine ziemliche Weile lang Ruhe über allen Gewässern herrschte. Das Jubiläum des ersten Vorsitzenden der Gemeindeverwaltung hat diese Ruhe einigermaßen unterbrochen. Ein Passus in der Tankrede des Herrn Justizraths Meyer, nochmehr aber die KottstiLuirung eines liberalen Vereins für die religiösen Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde, haben die Gemüther wieder etwas mehr erregt. Alte, scheinbar längst vergessene Streitfragen tauchen plötzlich neu auf und werden mit einem Eifer diskutirt, als würden sie zum ersten Mal aufs Tapet gebracht. Vor Allem ist es die Frage der Reform des Kultus, welche wieder einmal lebhaft diskutirt wird. Man spricht davon, daß in der neuen Synagoge, welche in nächster Zeit unzweifelhaft uit Potsdamer Viertel erbaut werden wird, ein deutscher Gottesdienst! eingeführt werden soll, und man beruft sich dabei auf eben jenen i Passus in der Rede des Herrn Justizraths Meyer. Run haben wir i zwar diese Rede auch gehört, aber nichts davon vernommen, daß die i Einführung des deutschen Gottesdienstes in jener überhaupt noch tlicht errichteten Synagoge bevorstünde. Aber auch wenn dies der Fall wäre. — sind wir wirklich um 50 Jahre zurückgegangen? Haben die Rabbinerversammlungen und Synoden vergeblich gearbeitet? Sind gerade in Berlin die zahllosen Gutachten hervorragender Rabbiner unbekannt, die aus geschichtlichen und religiösen Quellen den Rachweis geführt haben, daß gegen die Einführung des deutschen Elements in den Gottesdienst religionsgesetzlich auch nicht das Geringste einzuwenden sei? Offen gestanden, es klingt geradezu komisch, wenn heute derartige Fragen aufgeworfen würden, die die Theologie des Jahrhunderts längst entschieden hat, und nur dieses Eine kann zur Entschuldigung dienen, daß es sich nicht sowohl um die religionsgesetzliche Zulässigkeit, als vielmehr um die Bedürfnißfrage in diesem Falle handelt. Diese Frage wird von den Einen mit derselben Entschiedenheit behauptet, wie von den Anderen bestritten. Jene behaupten, daß die Synagogen nur von denjenigen besucht werden, welche in althergebrachter Weise beten wollen, und die Anderen wiederum meinen, daß die Synagogen gerade darum von sehr Vielen nicht besucht werden, weil sie eben in der althergebrachten Weise nicht beten wollen oder tonnen. Thatsache ist es, daß das hebräische Gebetbuch für unsere Frauenwelt und für das junge Geschlecht ein mit mehr als sieben Siegeln verschlossenes Buch ist, und das geringe Quantum Hebräisch, welches die Religionsschule bietet, auch noch nicht eines dieser Siegel zu lösen im Stande ist. Damit wäre eigentlich die Bedürfnißfrage erledigt. Aber es scheinen auch noch andere Bedenken in maßgebenden Kreisen zu herrschen. Man erzählt sich in eingeweihten Kreisen, daß der Vorstand unserer Gemeinde von dem Rabbinat ein Gutachten über den deutschen Gottesdienst in der Synagoge gefordert habe, und daß innerhalb des Rabbinats nur eine Stimnte mit Entschiedenheit für die Einführung des deutschen Elements sich ausgesprochen habe, während drei Stimmen mit derselben Erttschiedenheit dagegen sprachen. Bestätigt sich diese Nachricht wirklich, so wäre es ohne Zweifel ebenso interessant als wichtig, diese Gutachten zu veröffentlichen, damit die Gemeinde die Gründe für und wider kennen lerne. Vielleicht würde sich hierdurch das Urtheil klären. Es ist das aber um so wichtiger, als mit dieser noch eine andere Frage eng zusammenhängt, eine Frage, die gleichfalls mit dem Jubiläum des Herrn Jnstizrath Meyer wieder etwas mehr in Fluß gekommen ist, nämlich die des Anschlusses der Reform- Gemeinde an die Haupt-Gemeinde. Es scheint uns, als ob der betreffende Passus in der obenerwähnten Rede ebenfalls nicht überall richtig verstanden worden ist, da wir vielfach der Meinung begegnen, als sei dieser Anschluß unmittelbar bevorstehend. Damit hat es aber noch feine Wege. Soviel wir wissen, ist mau noch nicht einmal über die Prülintinarien hinausgekommen. Die Reform- Gemeinde verlangt mit Recht, daß ihr bei einer Einverleibung in die Haupt-Gemeinde vor Allem und für alle Zeit die Integrität und alleinige Verwaltung des Kultus garautirt werde. Die Vertreter der Haupt-Getneiude in der ad lioc eingesetzten Kommission wollet: dieses Zttgestättdniß nur auf 15 Jahre machen. Darum drehen sich, wetttt wir recht berichtet sind, die Unterhandlnngett hattptsächlich. Runntehr aber ist es ititeressant ztt beobachte!:, daß von dem Momente an, wo die Frage des deutschen Gottesdienstes in einer der Synagogen der Hauptgemeinde anfgerollt worden ist, die Gegner einer solchen Institution mit einer bis dahin bei ihtteu kaut:: geahttten Wärme für den Anschluß der Reforntgemeinde eintreten. Die Gründe lieget: auf der Hand, aber wir glauben nicht, daß auch, selbst meint dies Ziel erreicht würde, jette Frage atts der Welt geschafft sein wird.

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