Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1895)
- Date
- 1895-02-22
- Page
- Seite 86 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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86 schwerste Zeit zu erhellen durch bii* Erwecken der Hoffnung, das'.! seine harte Herrschaft bald zu Ende gehe. Und ist nicht alle Religion im Wesentlichen ein Pflanzen der; Frühlingshoffnung in den Winter des Lebens; oft wehen eisige Stürme über unser Gemüth, uub vom Frost erstarrt unser zarteres! Empfindelt; da kommt die Religion und belebt und erfrischt das toelke Her;; da cmuünit ihr Hauch des Eises Harte, es schmilzt die harte Rinde, die sich vor unsere Seele gelegt hat; da verdrängt ihr sanftes Wehen die rauhen Winde, die alle Saaten und Blüthen unseres Geistes niedergeworfen haben, und diese erheben sich wieder 1 von ihrem milden Hartch berührt. Ter Denker in feiner Studirstube, der Mann der Arbeit im Larin des praktischen! Lebens, der Pater in der Sorge, die er seinen Bindern widmet, die Mutter, loenn sie uni j ihre Lieblinge bangt, sie haben Alle solche winterliche Anwandlungen erfahren, und die Religion pflanzt in diesen Winter den Frühling, die Hoffnung auf fröhlichen Erfolg. Aber das Judenthum ist kein Glaube, der auf müßiges Harren; verweist, wir müssen durch eigene Arbeit das kommende Heil! und Glück vorbereiter!. Wir können den Winter ans unserm Genrüth : bannen, wenn wir die feste Zuversicht hegen auf bessere Tage, und - loenn wir diesen den Weg bahnen durch unsere That. Die Israeliten i sammelten am 1. Adar für die Opfer des ersten Nissan, der! Aermste spendete von den geringen Resten, die ihm der Winter > gelassen hatte, für das Opfer des Frühlings. Solches Thun ist ein; Zeugnis;, das; der Herzensfrühling, das Vertrauen und der Glaube; auf den großen Tröster und Erwecker, in den Spendenden lebte.! Unsere alten Lehrer bringen den Sabbath der Münzen auch! mit denn Purimsest in Verbindung. Tie Stelle lautet lnerklvürdig j genug wie folgt: Es sprach Rabbi Levi im Namen des Rabbi; Simon, des Sohnes Lakisch: ,,Gott sah voraus, das; einst Haman - der Bösewicht, sein ganzes ungeheures Vernlögen anfbieten würde, > um Israel zu vernichten, da sagte der Allgütige: es ist gut, das;; das Geld meiner Kinder früher kommt, als das dieses Bösen; darum; feiern wir den Sabbath Schekalim kurz vor dein Purimfest". Unsere j alten Meister wollen wol mit diesen vorerst ganz unverständlichen! Sahen Folgendes lehren: Tie Iudenfeindschaft, wie sie in Haman - verkörpert ist, ist wie jede böse Leidenschaft, selbst zu schlveren Opfern l bereit, um sich Befriedigung zu verschaffen; Haman lvill zehntausend! Talente Silber, einen ungeheuren Besitz, hingeben, nur mn seinen : beleidigten Ehrgeiz an Mordechai und dessen Volke zu rachen. Sein Zorn wendet sich vor Allen! gegen Mordechai, d. h. gegen j einen Mann, der durch Geist und Eharakter Hochstand, der später sich j fähig zeigte, das ganze persische Reich zu leiten. So entbrennt auch sonst stets der Judenhaß aiu lebhaftesten gerade gegen diejenigen j unter uns, die durch ihre sittliche und geistige Bildung entporragen,! die, loenn sie von den öffentlichen Aenrtern und Ehren ausgeschlossen! werden, gleichsau! eine lebendige Anklage sind gegen die Unduldsamen.! Wäre der Judenhaß wirklich gegen die Schlechten unter uns gerichtet, j so hätte er noch eine gewisse Berechtigung, und wir hätten nur zu j tadeln, daß er der Gesannntheit anfbürdet, was der Einzelne verj schuldet; aber dieser Haß ist deswegen so schmachvoll, weil er, wie j Haman gegen Mordechai, gegen die Besten unter uns seine schärfsten i Pfeile sendet. Und wir haben es erfahren, das; nicht nur in Susa,! sondern auch in der Hauptstadt unseres Landes die Hamans leben, die > mit dem (Selbe nicht sparen, um die Leidenschaften gegen uns wachj znrufen. Dagegen giebt es nur ein Mittel, daß ganz Israel einträchtig zusammensteht. Sagen die Gebildeteren und Begüterteren! unter uns: wir sind nicht gemeint, wenn man die Juden schilt,! das Schelten gilt nur denen, die durch allerhand Eigenheiten sich nnangenehin bemerkbar niachen, und trennen sie sich in diesen! Hochmuth von der Gesannntheit, dann hat Haman gewonnenes Spiel. So nianche Triumphe des Judenhasses in der Neuzeit sind auf diesen Dünkel zurückzuführen, der sich einbildet, der böse Feind mache vor dein anständigen Rocke, vor bem Gelehrtentitel oder gar vor der vollen Geldtruhe Halt. Und wenn die Erfolge unserer Widersacher nicht größer gewesen sind, so kommt dies daher, daß im Großen und Ganzen gegenüber diesem Feinde die Judeuheit ihre inneren Kämpfe und Streitigkeiten vergessen und sich zu einem religiösen und sittlichen Bunde von Reich und Arm, von Groß und Gering, von Gelehrt und Ungelehrt znsannnengeschlossen hat. Diese Einheit kommt am Sabbath Schekalim am besten zum Ausdruck. Jeder lnußte dereinst die gleiche Münze zum gemeinsamen Opfer spenden. Darum sagen die Alten: der Münzensabbath muß deru Pur'unfest vorangehen; wenn die Israeliten zu guten und frommen Werken geeint sind, dann sind die Hcnnans nicht zu fürchten. So ist der Sabbath der Münzen gleichsam eine Einleitung zu den beiden Festen, die uns bevorstehen, zuin Purim und Passah. Er lehrt und festet in uns für unser persönliches Schicksal wie für das Geschick der jüdischen Religion und der jüdischen Genossenschaft den Glauben an den Frühling. ->»<- Pic Woche. Berlin, 20. Februar. in Abgeordnetenhause ist es bei der Berathung des Justizetats zur Erörterung über die Mittel gekommen, welche im Interesse der Hebung des Ansehens der Rechtspflege und des Richterstandes benutzt werden könnten, und bei dieser Gelegenheit hat der Abg. Dr. Klasing, ohne das jüdische Element im Richterstand ausdrücklich zu nennen, doch mit einem deutlichen Fingerzeig sehr verständlich darauf hingewiesen. Aber er hatte kein Glück damit. Nur der Abg. v. Schalscha sekundirte ihm. Der Jnstizminister dagegen hat in seiner Erwiederung dem „reaktionären Borstoß der Rechten eine ebenso kühle wie wirksame Abweisung angedeihen lassen", wobei er von der Mehrheit des Hauses unterstützt wurde. Namentlich das Centrum erklärte sich diesmal mit Entschiedenheit gegen alle Ausschließungsversuche aus religiösen Gründen. Tie Abgg. Nadbyl und Brandenburg, besonders aber Freiherr v. Heeremann sprachen es ausdrücklich ans, daß sie für eine Maßregel der Zumckdrängung des jüdischen Elements ans dem Richterstaude direkt oder auf Umwegen nicht zu haben seien, weil dieselbe gegen die Verfassung verstoße. Freiherr v. Heeremann wird sich darüber zu trösten wissen, daß die Kreuzzeitung" deshalb von ihm sagt: Seine „philosemitische Haltung sei schon früher unangenehm hervorgetreten und er segle auch jetzt wieder in diesem Wasser." Auch im Reichstage machte der junkerliche Judenhaß in der abgelanfenen Woche wieder einen Vorstoß. Herr v. Frege meinte, die schlechte Lage der Arbeiter, soweit man überhaupt von einer solchen sprechen könne, liege einerseits in der Verführung der Sozialdemokraten, des Weiteren im unsoliden Unternehmerthum, das durch die eingewanderten Juden großgezogen werde! Deshalb werde seine Partei demnächst den Antrag auf Erlaß eines Verbotes der Einwanderung ausländischer Juden zur Berathung stellen. Das Haus nahm diese Mittheilung ziemlich skeptisch auf. * In Ergänzung unserer vorwöchentlicheu Mittheilungen über die Romreise des Prager Kardinals Grafen Schönborn erklärt jetzt der vatikanische Korrespondent der „Pol. Korr." auf Grund