Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1895)
- Date
- 1895-02-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Nr. 8. Allgemeine Berlin» 22. Februar 1895. eitung des Audenthums. Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erf di eint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Erpedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. M. N e d a c t c it r: G n st a v $\ a r v c 1 c e. Begründet von Rabbiner 3^* Philippson-Sonn Verlags-CrpeLition: tllerlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Erpedition ftuE> au die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nudolf Äliosse, Berlin. Leitartikel: Der Sabbath der Münzen. Von Rabbiner Tr. Nippner. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Eine jüdische Vereins-Bibliothek. - Briefe aus Paris. III. — Seher und Propheten. Von Tr. Richard M. Me per. (Schluß.) — Ueber A. Bernstein. III. Von Karl Emil > Franzos. — Feuilleton: Vorurtheile. Novelle von Hermann Menkes (Schlich). — Kitterarische Mittheilunaerr. — Sprechsaal. Der Gemeiudebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Thorn, Bromberg. Llssa i. P.. Breslau. Alls Schlesien, Beuthen O.-Schl.. Schwerin a. Warthe, Essen. M.-Gladbach, Wien» Budapest. Rom. London. Warschau. - Von Nah und Fern. — Miscellen. — Briefkasten. — Geschäftliche Notizen. Der Sabbath der Mümen. Berlin, 20. Februar. er Sabbath Schekalim, der Sabbath der Münzen, ist innerhalb unseres religiösen Kalenders der erste Vorbote des kommenden Frühlings. Passah ist das Fest des Frühlings, Pnrim ist der laute Herold desselben; dieser Sabbath meldet mit leisem, verstohlenem, don des Winters Schwere gedämpftem Ton, das; der Frühling nah ist. Es ist gleichsam der erste Wandervogel, der sich hiniiberlvagt aus wärmeren Gestaden in unsere kalte Flur und der das Nahen der Schwärme verkündet, die mit dem Strahl der Frühlingssonne zu uns zurüekkehren. Und wie freudig begrüßt das Menschenange diesen ersten der heinikehrenden, geflügelten Freunde, denn wir wissen, daß das Thier in dem engem Kreis seines Empfindens ein deutlicheres Vorgefühl des Kommenden hat als der Mensch, dem die Lust am Denken die Kraft der Sinne geschwächt hak. Fröhlich begrüßen wir den vorwitzigen Wanderer, der vielleicht seine Keckheit mit dem Leben büßen muß, der uns aber ein Zeuge ist, daß die Natur wieder erwacht. Denn der Winter ist eine harte Zeit, »nd es ist beinahe nur eine böse Ironie, wenn hin und wieder soviel von den Freuden de? Winters geredet lvird; es ist für die Jugend eine wonnige Empfindung, in raschem Lauf auf der vom Frost gefestete», glatten Bahn dahinzueilen; es ist schön lind lieblich, am warmen Herd in traulichem Gespräch des Winters lange Abende zu verkürzen; in diesen kalten Tage» werden die Blüthe» des geselligen Verkehrs üppiger emporgetrieben; für die Oede der Natur, die ihre Freuden versagt, suchen die Menschen einen kargen Ersatz in Bergnügungen mannigfacher Art; aber all' diese lärmende Lust vermag nicht die bange Enipfindung zuri>ckzudrüngen,wenn derWinter allzu lang und allzu streng seinSzepter schwingt. Es ist ja doch nur eine kleine Minderheit der Menschen, die an all' diesen Winterfreuden einen regen Antheil nimmt; dieser kleinen Schaar steht die große Maffe derer gegenüber, denen der Frost die Hände bindet, die zu einer erzwungenen Ruhe vernrtheilt sind, weil der starre Boden spröde ist gegen des Landmanns Arbeit, weil im kalten Hauch kein Thun gedeiht, und ängstlich sehen sie, wie die Sparpfennige sich verringern, wie der Borrath zusammenschrumpft, den sie für diese arbeitslosen Tage gesammelt haben; sehnsüchtig erwarten so Biele von Krankheit, von Siechthnm, von körperlicher Schwäche gequälte Menschen den wärmeren Hauch, von dem sie ein Ernenen und Aufblühen der eigenen weifen Lebenskraft erhoffen. Darum sieht auch der Rüstige, der selbst die Beschwerden des Winters leicht überwindet und den sein Beruf »nabhängig hinstellt von Wind und Weller, mit inniger Lust den ersten grünenden Keim. Darum ist uns grün die schönste Farbe auf Erden, nicht wol weil diese Farbe unserm Schönheitsgefühl besonders entspricht, sondern weil die wieder erwachende Natur sich in ihr uns zeigt. Darum sagen die Alten von dem Monat, dessen Eintritt ain Sabbath der Münzen verkündet wird: Kommt der Monat Adar, so soll man die Freude mehren. Das geschieht nicht gerade in Rücksicht ans das Purimfest, das in die Bütte dieses Monats fällt, denn Purim wird an sich fast gar nicht als ein großes Fest betrachtet; sondern eS ist die Zeit, wo wieder das große Wunder der Erlösung sich vollzieht, >vo die verzagte Menschenseele neuen Mnlh gewinnt an dem erhabenen Schauspiel der von des Winters Fessel zwar noch nicht befreiten, aber allmählich sich befreienden Natur. Im Kreislauf des religiösen Jahres ist der Sabbath Schekalim das erste Ausdämniern der Frühlnigssonne. Wenn in den jüdischen Gotteshäusern an diesem Sabbath der Sang angestimmt wird: „Erhebe über uns, o Gott, das Licht deines Antlitzes", dann denken wir wol auch an die irdische Sonne, die kräftiger sich erhebt und jede Arbeit leichter und erfolgreicher gestaltet. Unsere alten Lehrer haben diesen Sabbath eine besondere Beziehung znm Nissan, dem FrnhlingSmonde, gegeben. Er heißt Sabbaih Schekalim, der Sabbath der Münzen, weil am Beginn des an diesem Sabbath verkündeten Monats Adar dereinst alle Israeliten anfgerufen wurden, daß Jeder die gleiche Münze, einen halben Schekel, spende; der Ertrag dieser Sammlung blieb aufbewahrt bis znm Frühlingsmonate; dann begann man ans ihr aufs Neue die Kosten der täglichen Opfer zu bestreite». So verlangte die Satzung der Religion in alter Zeit eine Vvrdereitnng für den Frühling; schon einen Monat früher, als der Frühling eintrat, sollte das Bott sich rüsten zu der allgemeinen Gabe, ans der mit Beginn des Frühlings das neue Opfer gespendet wurde, und tvenn es den später» Weisen passend erschien, diesem Sabbath der Münzen auch nach der Zerstörung des Tempels seine alle Würde zu lassen, so haben sie wohl damit gelehrt, daß es uns Allen wohl ansteht, auf den Frühling, I auf diesen köstlichen Gast, uns vorzubereiten und uns des Winters