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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-15 · Heft 7 (15.2.1895) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 7 (15.2.1895)
Date
1895-02-15
Page
Seite 83 (sequence 11)
Language
German
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83 Der Iudenjunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldniann. (Fortsetzung.) XVIII. ^^izchak fuhr n«,s dein Schlafe. Schweißtriefend klapperte er ^0/ mit den Zähnen und bebte am ganzen Leibe. In der Stnbc aber herrschte eine nngewöhnliche Bewegung. Die dicke Lea wackelte wie eine Ente durch's Zimmer. „Das hat nur der gethan," schrie sie, „dieser . . „2Las ist geschehen?" fragte Jizchak erschrocken. „Was soll geschehen sein? Man hat aus dein Schranke Hemden und Schabbesleuchter gestohlen." Die allgemeine Ansicht wies auf Chain« als den Thäter hin. Die Wirthin jammerte und rang die Hände. „Dieser Lnmp," rief sie. „dieser Galgenstrick! Früh erwache ich, wie gewöhnlich die Allererste in« ganzen Hanse, scharie hin, er ist nicht mehr da. Schon «veggegangen? denke ich mir, «m ist er weggegangen, der Hungerleider. Ich gehe zum Schrank und sehe — ihn leer!" Jizchak, der schon gänzlich zu sich gekommen war, durchzuckte es. Er fuhr mit der Hand in seine Beinkleider, durchsuchte sic. Er brach beinahe in Thränen aus. „Meine fünf Gulden!" Auch das Bündel, in welchem er etwas Wäsche rnid mehrere Kleinigkeiten hatte, war spurlos verschwunden. Alle Miether versammelten sich jetzt um ihn. unvollständige Kleidnng zu achten, sprang er von seinem drirchsuchte das Bettzeug. „Nicht da," stöhnte er, „gestohlen!" „Weis? «ver? wo? ivieso?" schrie die Wirthin. auch das Herz getroffen, der Räuber V' Jizchak erzählte Alles. Eine unsägliche Angst fiel ihm auf's Herz. Er >var ohne Kreuzer. Er kleidete sich an «md rannte rathlos im Zimmer >«mher. „Was tvird jetzt sein? Was >vird sein?" wiederholte er schmerzvoll. „Gott, Gott!" stimmte die Hausfrau ein. „Daß der Hallunke zu mir kommen mußte. Was «verde ich anfangen? Wie soll ich Euch jetzt helfen?" rief sie, an den eigenen Verlust vergessend. — „Der — arme — Jizchak," staminelte der Gelähmte mit wahrem Mitgefühl. Vielleicht," fliisteree Graf nach einiger Iteberlegung, „vielleicht hat er es nicht gethan? Ja, aber das Bündelt" Er wurde überfchrieeu. „Das hat nur dieser Dieb, mir Chain« gethan." Auch Jizchak entsann sich jetzt ganz bestimmt, bei»« Schlafengehen nock) das Geld «gehabt zu haben, tlebrigens fand man bald das Kuvert, in dem es sich befunden hatte. Jetzt stand er händeringend im Zimmer. Die Wirthin legte ihre breite Ha««d auf seine Schulter. „Ich h«ibe auch einen Schaden, einen großen Schcrden. Aber tvas werdet Ihr anfangcu?" „Ich «verde zur Polizei gehen, ich «verde es nicht schenke» . . . ich «verde ihn finden!" Die Alte griff sich bei»« Kopfe. „Ei, Ei! thnt es nicht, mein Theurer!" „Warum? habe ich viele Fünfer?" „Denn . . . seht ... die Polizei «vird erfahren, daß bei mir Leute «iberuachlen, und das Unglück ist fertig. Euch «vird inan einsperren, «veil Ihr nicht gemeldet seid. . Jizchak sah sich verloren. Denn durfte er die Wirthin solchen Uiicmnehiiilichkciten aussetzen? Diese fügte noch Hinz» : „Glaubt Ihr übrigens, daß er noch in Lemberg ist? Wer «veiß, >vo er sich jetzt n«it den gestohlenen Sachen befindet! Man «vird ihn nicht erlvischen, oder nicht so bald." Jizchak saß a««f seinem Lager, den Kopf in den auf die Kuice gestützten Händen vergraben. Er «vor verzweifelt. Tie Alte näherte sich ihn«, bevor sie sich nach der Stadt anfmachte, und redete freinrd- Hier «vurde sie sehr belvegt und «vischte sich eine Thrüne von den« runzligen Gesicht. Mit einer gewissen Verlegenheit schloß sie: „Wenn der Herr Graf es «viinschen . . . kann er auch «veitcr für die Nacht Herkommen . . . und auch zu Mittag ... ich bin nicht so schlecht, iveiin ich auch manchniat laut rede . . . «n«d «nein Mann liebt (Sud) so sehr. . . Später einmal, wenn bessere Zeiten koinnien «verde», «verdeu Sie Alles zusammen bezahlen. So ein guter, gescheiter Mensch «vie Herr Graf lvird sich schon in der Welt dnrchhelfen." Jizchak war freudig erregt — obgleich es ihn« ««icht ei,«fiel, von der Güte der arme«« Frau Nutzen zu ziehen. Er fühlte sich gedeh- «nüthigt und gedrückt. (Fortsetzung folgt.) Ohne auf seine 'ager und Hat er Euch schaftlichst auf ihn ein, wie sehr sie sein Verlust schmerze, mehr als ihr eigener, daß er sich «iber die Sache nicht so sehr zu Herzen nehmen möge. . . Weiter sprach sie gerührt, «vie sie sich an ihn gelvöhnt, ja, ihn sogar lieb gewonnen habe. Tenn er sei so gut, so . . . lieb . . . und sie hatte einen einzigen Sohn, «velcher gestorben ist, und der ihm so ähnlich gesehen habe ... so sehr ähnlich. d) «veiß nicht, «vas soll es bedeuten. Daß ich so traurig bin. Ein Märchen aus alten Zeiten Das kommt mir nicht aus dein Sinn. Das Märchen von Brnnnenvergiftung, Das Märchen, daß jegliche Noth Beruh' auf der Juden Anstiftung — Dies Märchen schafft Wein mir und Brod. Uerloveleu. Von Emil Lehmann. Dies Märchen hat Flammen entzündet. Hat Juden verbrannt und verbannt. Und mo man es heute verkündet, Wird's jubelnd als Wahrheit erkannt. Dies Märchen erspart mir das Denken, Das Forschen nach eigener Schuld; Unschuldige Menschen zu kränken. Ist leichter als Fleiß und Geduld. Sonst schaffte die Juden der Stöcker Ins Feuer, ins Eisen hinaus — Doch leben sie heut noch — und kecker Als ehmals — im eigenen Haus. Ich möchte vor Aerger zerplatzen. Wenn ich einen Juden erblick'. Ich möcht' ihm die Augen zerkratzen. Zumal hat er Geist und Geschick. Das erbost mich lang schon im Stillen, Nun bricht es sich offene Bahn — Und das hat mit seinen Bacillen Der Haß und der Brodneid gethan. Und will mir nichts Rechtes gelingen. Entgleist' ich im Sieben der Bahn — So kann ich doch schimpfen und singen: „Das haben die Juden gethan!"

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