Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1895)
- Date
- 1895-02-15
- Page
- Seite 82 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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82 Ich erzählte ihm Alles und ich sah, wie er erblaßte. „Antonia, Antonia, uiie konntest Tn diesen furchtbaren Schwurleisten^ Und mir hattest Du nichts davon gesagt. Es ist schrecklich. Du weißt ja, wie ich Dich liebe, daß es mir stets gleich war, welcher Religion Du angehörtest — aber warum hattest Du schwören müssen. Bedenke die Vornrtheile meiner Mutter — nun hast Du sie noch dazu heransgefordert! Sie wird unerbittlich sein. Und soll ich von meiner Mutter lassen? Deinetwegen, Liebe, will ich ja Alles, Alles thnn —; aber können wir so glücklich werden! Ja, es muß noch gut werden. Der Lebende hat Recht, Lieb, und unsere Liebe wird auch das Herz meiner Mutter besiegen. Du mußt es nur wollen, Antonia. Du mußt ihr entgegen kommen und alle Sentimentalität für Deine Glaubensgenossen lassen. Was ist eben zu machen? Die Vorurtheile der alten Generation sind unüberwindbar, Du mußt sie aber nicht noch reizen! Und meine Mutter ist dazu noch so fromm. Du mußt also stark sein, mein süßes Mädchen. — Du sollst sehen, wie ich es Dir belohnen werde; — ich will Dich dann so glücklich machen, so glücklich. . Ja Schatz?" Sein Ton, der erst herb klang, hatte umgeschlagen, und mild wie wie das Wiegenlied einer zärtlichen Mutter klang er nun. Er hatte mich dann in seine Arme genommen und wiegte mich sanft, während er meine Stirn küßte. „Mein armes, armes Lieb, sei stark — unserer Liebe wegen." Aber wie inich seine liebevollen Worte einigermaßen besänftigten, es war doch etwas zwischen uns geblieben, das uns entfremdete, wenn wir es uns auch nicht eingestehen mochten. Seine Mlltter sprach nicht zu uns, und sie war der umheimliche Schatten, der sich zwischen unsere Liebe legte. Wir waren nicht lnehr frei und offen zu einander tote früher; in unseren Worten war eine gewisse Befangenheit, eine erzwungene Wärme, und in seinen Blicken las ich etwas, was ntich quälte. Wir waren nicht mehr so glücklich wie früher, tmd es wollte keine rechte Heiterkeit mehr in uns aufkommelt. Unsere Stimmung wurde immer grauer und drückender, bis wir keine Worte mehr für einander fanden. Das waren schreckliche Tage. Immer mehr vergrub ich mich in die Einsamkeit ntcines Zimmers, ich fühlte mich recht unglücklich. Draußen schneite es immer fort, Tage und Nachte hindurch, und der Schnee schien das ganze Torf begraben 311 wollen, die ganze Natur. Bon den Häusern und Hütten sah mau fast nur noch die Dächer. Wie ein weißer Tod schien es über die Natur gekouunen zu sein. Und immerfort lag derselbe graue, Himmel draußen allsgebreitet. Es war so still nur mich geworden, beängstigend still; von draußen hörte ich nur das Gekrächze der Krähen, das Anschlägen der Schneeflocken an die Fensterscheiben. Wie mich das ewige, scharf markirte Tick-tack der alten Uhr quälte. Und diese Bilder ringsum an beu Wänden, die ich immerfort anschauen mußte, diese Porträts steifer Menschen, die ich zu hassen begann. Waren sie mir doch fremd. Und überall dieser dumpfe Hauch, wie von etwas Verwelktem. Uud lvie quälten mich die Stunden am Mittagstisch, immer unerträglicher lagerte sich diese Verdrossenheit über unfern Gesichtern. Auch in mir wurde es fast wie todtenhaft still, ich fühlte, wie inein Glück hillstarb, und konllte mich nicht retten. Ich war müde geworden, einen Ausweg zu juchen. Tagsüber stand ich am Fenster und starrte gedankenlos in das trübe, graue Einerlei hinaus, auf den nilanfhörlichen Schneefall, bis ich dann nichts Konkretes mehr sah und es mich fast lvie eine seelische Taubheit überkam. Ich versuchte zu lesen, zn spielen, aber ich that es nur mechanisch, daß ich zuweilen selbst darüber erschrak, wie all mein Eillpfinden lnmer mehr erstarb. Und noch furchtbarer waren diese einsanten, todtenstillen Nächte Daß ich nicht meinen konnte! O, wie sehnte ich mich nach heißen, erlösenden Thränen. Die seelische Verlassenheit tödtete mich immer lnehr. Wohl sah ich, lvie Heinrich mit sich kämpfte, wie er sich mir nahen wollte mld doch das erlösende Wort nicht fand. Ich sagte mir, daß eilte Entscheidung jetzt nothwendig war, so oder so, wenn wir Beide nicht zu Grunde gehen wollten. Und doch bebte ich davor zurück. Zuerst beschloß ich zn gehen. Vielleicht, sagte ich mir, wird iu meinen! Heim Gesundung über mich kommen und ein neuer Frühsing in mir erwachen. Aber dann blickte ich in den Spiegel und ich erschrak, wie ich anssah, wie ich mich verändert hatte. Bon Neuem tauchte das Bewußtsein meines Unglücks in mir auf und eine heftige Sehnsucht nach seiner Liebe. Wenn du jetzt von ihm gehst, dann ist Alles, Alles aus und dein Lebensglück für elvig verloren, rief ich mir zu. Draußen hatte es endlich zu schneien aufgehört, ein zartblauer Himmel wölbte sich über die verschneiete Ebene. Das Sonnenlicht strahlte in entzückender Farbe und schmolz allen Schnee, daß es tropfte und rann wie Frühlingsregen. Auch mit den Fensterscheiben meines Zimmers, an denen Krystalltropsen hingen, spiegelte das Sonnenlicht, Frühling im Winter. Ich öffnete das Fenster, und eine etwas erwärmte, frische Luft strich herein und erquickte mich. Ich athmete auf . . . und allmählich verfiel ich in sanfte Träumerei. Ich hörte nicht, daß Heinrich eingetreten toar, bis er seinen Arm um mich legte und mir bittend in die Angen schaute. litt da überkam es mich wie Seelenjubel und Vergessenheit und ich klammerte mich fest an ihn: „Mein Heinrich, liebe mich wieder, ich will Alles, Alles lhun, um Dich zu besitzen, und wenn ich darüber zu Grunde gehen müßte, denn meine Liebe ist stärker als Alles!" Und dann kamen wieder Tage herrlichen Glückes. Wieder durften wir uns herumtnmmeln draußen in der freien, geliebten Natur. Wie war es schön, im Schlitten dahin zu sausen, nur wir Beide und die große, große Einsamkeit und der Wintersonnenschein! Ich will es Ihnen nicht leugnen, daß mich die Ehrfurcht, die Ergebenheit, die uns die Bauern und Angestellten entgegenbrachten, mit Stolz und Glück erfüllten. Und lvenn ein schmerzlicher, dumpfer Gedanke durch alles Glück in mir emporzuckte, da rief ich mir mit aller Kraft zu: Vergesse, vergesse und genieße dein Glück. Und sie kam, die Vergessenheit unter süßen, leidenschaftlichen Küssen. Auch Heinrichs Mutter söhnte sich wieder mit mir aus. Es war am ersten Weihnachtsabend, als sie uns zn sich rief und uns „ihre lieben Kinder" nannte. Ich gab mich ganz dem Zauber dieser 1 Stunden hin. Die milden Lichter des Weihnachtsbaumes leuchteten Frieden in meine Seele hinein; und als ich erblickte, wie die welken Lippen der Baronin sich in innigem Gebet belvegten, lvie Friede ihr Gesicht verklärte, da vergaß ich den Abstand, der ztvischen mir und ihr lag, und all den Haß, den wir für einander gehegt; es war jene heilige Andacht über mich gekommen, lvie wir sie aller reinen Poesie des Lebens gegenüber empfinden. So stand ich an Heinrichs Arm ' gelehnt, und für das stille Glück, das uns belvegte, konnten wir keine! Worte finden. Und als dann Heinrich die Weihnachtslieder zn singen begann und seine Mutter ihm mit leiser zitternder Stimme folgte da mußte auch ich mitsingen. — - Wir saßen noch bis spät in die Nacht hinein, während wir heitere Gespräche führten. (Schluß folgt.)