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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-15 · Heft 7 (15.2.1895) · p. Seite 81

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 7 (15.2.1895)
Date
1895-02-15
Page
Seite 81 (sequence 9)
Language
German
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81 Rechten und Pflichten. Aber der Zufall wollte, daß ich in meiner Affaire gerade won meinen christlichen Glaubensgenosien vielfach im Stich gelassen wurde, während keiner meiner jüdischen Landsleute, den ich zu unterzeichnen anfforderte, mir einen Kvrb gegeben hat. Von einem sehr hohen Arier, er lebt »och (der Name steht der Redaktion zu Diensten), welcher selbst sich mit Kunst beschäftigte und in dessen Palast ich persönlich meine Petition brachte, erhielt ich gar keinen Bescheid. Ein bekannter Kaminerherr, — auch ihn kann ich nennen — der sich vergeblich bemüht hatte, an Hülsen'S Stelle — man sprach damals von dessen Demission — Theater-Intendant zu werden, ließ mir eröffnen, daß er, da die Kunst nichts für ihn gethan, er sich auch nicht veranlaßt sähe, seinerseits etwas für die Kunst zu thun. Ich gebe wörtlich diese Antwort des Logikers. Viele andere, nach meiner Schätzung bemittelte Leute schlugen mir gleichfalls meine Bitte ab. Jndeß nicht aste. Der immer freigebig mit offenen Händen spendende, damals im Auswärtigen Amte fungirende Assessor von Kendell, später deutscher Botschafter, jetzt Wirklicher Geheimer Rath, machte sich das Vergnügen, mir außer seinem eigenen Beitrag durch eine liebenswürdige Suite noch eine ansehnliche Unterstützung Bleichröders zu verschaffen. Er schrieb mir nämlich, nachdem er mein Expose gelesen: „Schicken Sie doch ein solches auch an Bleichröder, der zeichnet bestimmt mehr als wir Alle." Dieses Avertissement ließ ich mir nicht zwei Mal sagen, legte es selbstverständlich in mein an Bleichröder gerichtetes Schreiben mit ein, und siehe da, ich erzielte sofort eine erkleckliche Zahlung. Noch nenne ich Frau Pauline von Decker, Ober-Tribunalsrath Bähr, doch im Ganzen war die arische Einlese eine recht spärliche, so stelle ich der Wahrheit gemäß fest. Der Zweck war erreicht. Bon nun an stand die gesammelte Summe zur Verfügung meines Freundes. Hoppfer — es war im Herbst — reiste sofort ab. Den ersten Winter verlebte er in Palermo, den zweiten in der Schweiz, die drei folgenden in Wiesbaden. Dann vermochte ec dem wachsenden Uebel nicht mehr zu widerstehen, er erlag ihm, ich glaube im 36. Jahr; i» Berlin würde sein Tod wohl früher erfolgt sein. Nach beinahe einer Generation darf ich wohl den Ueberlebenden unter den Wohlthätern heute noch einmal meinen Dank aussprechen, Einem vortrefflichen Menschen, einem außergewöhnlichen Künstler wurden durch ihre Gaben die letzten Leidensjahre vielfach versüßt. FEUILLETON --525*--II-II-S Vorurtherle. Novelle von Hermann Menkes. (Fortsetzung.) vs war ganz dunkel um mich. Ganz einsam, voll trüber Gedanken stand ich lange, lange am Fenster und starrte hinaus in die schneebedeckte Ebene. Jmnier mehr wuchs meine Sehnsucht, hinaus zu kommen aus dieser Umgebung; immer mehr sah ich es ein, daß eine Kluft von Empfindungen zwischen mir und Heinrich stand, eine Kluft, die wir noch nicht sahen, weil unsere Liebe uns blendete. Unsere Liebe? Vielleicht, sagte ich nur, ist es mirjin kurzer Rausch, eine Täuschung — und wen» das Alles vorüber sein wird? Ich begann am ganze» Körper zu zittern, und daun übermaniite es mich, und mein Gesicht mit beiden Händen bedeckend, weinte ich bittere, heiße Thränen. Nein, nein, er liebt dich ja, und du warst zu herb ihm gegenüber, sagte ich mir weiter. Und um nicht zu verzweifeln, suchte ich mir einzurede», daß er Recht hatte, daß ich diejenige war, die ihn verletzt. Ich suchte mich zu täuschen. Am anderen Tag rief mich Heinrichs Mutter zu sich ins Zimmer, sie hätte etwas mit mir zu besprechen. Mein Herz pochte, denn ich lvußte, daß es eine Abrechnung zwischen uns geben lvird. Aber ich nahm eine feste und stolze Haltung an — ich wollte nicht unterliegen — nein! Ich folgte ihr. „Du bist gestern unzart und unklug gewesen, Mädchen." Wie das so hart und kalt klang! „Daß ich meinen Gefühlen, die ich nicht verlegnen kann, Ausdruck gegeben? Ich habe jene Melodie gespielt, weil es mich dazu drängte, weil sie eben so schöne Musik ist, tvie irgend Anderes, das Ihnen angenehm ist, Baronin!" „Du hattest Dich vergessen, Mädchen! Du solltest es doch wissen, daß es nicht gut war, mich in einem Momente an Deine Abkunft zu erinnern, wo ich Dir das Höchste geben wollte, was eine Mutter einem Mädchen geben kann — meinen Segen und meine Zustinunnng, wie schwer es mir auch fiel. Du mußt es vergessen, daß Du als Jüdin geboren wurdest, Du mußt anfangen, christlich zu empfinden — zu Deinem Heile und zrnn Heile des Mannes, der Dir seine Hand bieten will. Bedenke, wie viel ich z» vergessen haben werde, welch ein Opfer ich Dir bringe. . ." O, wie sich jedes Wort in meine Seele hineinbohrte! „Ich bite Sie, meinetwegen, Ihres Kindes wegen, nicht in einem so demüthigcnden Tone von meiner „Abkunft" zu sprechen. Ich schäme inich ihrer nicht. Nein, ich werde mich ihrer nie schämen, sind wenn es christliche Empfindung ist, Andersgläubige zu verachten, so werde ich auch nie christlich empfinden. ES ist Sünde, sein unglückliches Volk zu verlassen — auch wenn man es der Liebe tvegen thut. Es ist Sünde —" Ich konnte nicht weiter sprechen. „Wie, Mädchen, mir gegenüber diese Sprache? Glaubst Du, dadurch meine Liebe zu erringen? Schützest Du das Opfer so gering, das ich Dir bringen will? Du bist undankbar. Und heißt es nicht in der heiligen Schrift, daß man Vater und Mutter verlassen soll-" „£> schonen Sie mich, ich kann Ihnen nicht das geben, s was Sie verlangen. Seien Sie liebevoll und mild. Mich bindet ein Schwur, den ich an meines Vaters Sterbebett geleistet: daß ich nie den Glauben seiner Väter verlassen soll. Bedenken Sie, was Sie von mir verlangen, und nehmen Sie mich so, wie ich bin!" „Und einen solchen Schwur hast Du gethan mit der Liebe im Herzen zu einem Christen. Du bist eine Sünderin. Ich verachte Dich! Eine Jüdin wird nie das Weib meines Sohnes werden. Wähle!" Und mit einem Blick, in dem unsagbare Geringschätzung lag, verließ sie mich. Meine Knie zitterten, ich mußte mich an die Thürpfoste anlehnen, ein heftiger Krampf schnürte mir das Herz zusanuuen. Da kam Heinrich hereingeslürzt. Unter krampshaftem Schluchzen bat ich ihn: „Rette mich vor Deiner Mutter, mein Heinrich, wenn Du mich liebst." „Ich soll Dich vor meiner Mutter retten? Bedenke doch! Was ist geschehen, Antonia?"

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