Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1895)
- Date
- 1895-02-15
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
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79 zwischen zwei Wagen ein dritter Ranm hätte. Der Kurzsichtige übersieht nun vietleicht nur zehn Wagen, ein besseres Auge mehr; wer ein Fernrohr hat, vermag die lange Reihe zu überblicken und noch die Aufschrift des letzten zu lesen. Das also ist die allgemeine Voraussetzung des Seherthnms. Worauf beruht nun aber die überall übliche Methode, gerade durch Selbstberauschnng, gerade durch Verzückung die Augen des Geistes stärken zu wollen? Denn um eine Art der Berauschung handelt es sich überall; ein langes Fasten mit strenger Konzentration der Gedanke», wie Mahommed oder Lovola es übten, thut dieselbe Wirkung wie die berauschende Flüssigkeit, die der Medizinmann trinkt, wie der schwindelerregende Tanz und der betäubende Lärm. Wir Kinder des 19. Jahrhunderts würden jedenfalls nichts mehr scheuen, als solche gewaltsame Selbstberauschnng; wollen wir unsere Allgen scharf und frisch haben, so leben wir in sorgfältig nüchterner Diät, hüten uns vor zu großer Erregung — und Jene suchen gerade die auf! Das Räthsel löst sich, wenn wir uns die alten Vorstellungen von Körper und Geist klar machen. Ueberall gilt der Körper als das Gefangniß der Seele. Indem sie ihn schwächen, glauben die Alten der Seele eine» freien Augenblick, einen Urlaub, einen verstohlenen Blick über die Geföngnißinanern Zn verschaffen. Der Gefängnißwärter „Leib" wird für einen Moment überwältigt, zn Boden geworfen; das macht der „Geist" sich zu Nutze. Während der Körper von Fasten, Trinken, Tanzen, Schreien erschöpft ist, kann gleichsam hinter seinem Rücken die Seele sich freier und stärker als sonst behaben. Daher kommt es auch, daß Sterbenden ganz allgemein besondere Kräfte zugeschrieben werden, daß z. B. der Drache, den Siegfried getödtet, den Namen seines Mörders wissen will, um ihn mit dem letzten Athemzuge zauberkräftig z>r verflcichen. Aber die Methode des Schamanen birgt noch weitere Räthsel. Wir begreifen, daß die Seele auch so noch nicht Alles zn sehen vermag. Sie muß ihre Auge» auf den richtigen Punkt richten; auch das beste Auge, mit dem besten Fernrohr bewaffnet, kann einen Stern nicht sehen, wenn es aus den Boden blickt. Aber rvelch' wundersamer Apparat wird da herbeigeholt! Die menschliche Narrheit, meinte die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, erschöpfte sich in Erfindung thörichter Wahrsagemittel. Die klugen, nüchternen Römer prophezeien aus den Eingeweiden der Opferhühner; die edlen Perserlassen Staatsgeschicke vom Wiehern der Pferde abhängen! So wunderlich erscheinen diese Verfahren, daß ein geistreicher Forscher, der vor Kurzem verstorbene Jurist Rudolf von Jhering, sich nur durch eine höchst originelle realistische Erklärung glaubte helfen zn könne«. „Das Wandervolk kommt in eine Gegend, ivelche zum Bleiben einladet. Soll man bleiben'? Das hängt davon ab, ob die Gegend gesund ist, nicht blos sür den Menschen, der sich durch sein Befinden darüber vergewissern kan», sondern auch sür das Vieh, also ob Wasser und Futter ihm zuträglich sind. Es bedurfte nur einer einmaligen schlimmen Erfahrung — und sie ist dem Wandervolk auf dem langen Wege sicherlich nicht erspart geblieben — um dasselbe zn würdigen rnid das Mittel ergreifen zu lassen, das einem Naturvolk nicht erst gelehrt zu werden braucht. Alan fängt Vieh des Landes ein, schlachtet es und untersucht, ob die edleren Eingeweides Herz, Lunge, Leber, Niere normal sind; sind sie es. so bleibt man, sind sie es nicht, so zieht man weiter" (v. Jhering, Vorgeschichte der Jndoeuropäer S. 447). Hieraus hätte sich dann, irachdem die Nomaden seßhaft geworden, die rituelle Opferschau entwickelt. Aber so geistreich diese Erklärung ist, scheitert sie doch schon daran, daß sie eine einzelne Art des Angurinms aus der Gesainmtheit heraushebt, alle sind sie befremdend; eine allgemeine Erklärung muß sie alle rins näher rücken. Wie Körper und Geist, so werden arich Menschen und Götter in beständigem Gegensatz gedacht. Es ist etwa der Zustand wie in konstitutionellen Staaten: die Regieruirg möchte immer weniger geben und das Parlament immer mehr haben, als gesetzlich bestimmt ist. Der Mensch ist unaufhörlich bemüht, deu Gott zu Gaben und Gnade» zu bewegen. Dazu giebt es ganz bestimmte Methoden, die auf die angeblich genaue Kenntuiß der betreffende» Götterindividualität ausgebant sind. Wie man Fürsten durch bestimmte Schmeicheleien, durch gelvisse Wendungen, durch Unterwürfigkeit oder biedermännische Derbheit allerlei abgewinut, so auch den Göttern. Haben doch noch fromme Christen, wie Ludwig XI. von Frankreich oder Philipp II. von Spanien, allen Ernstes geglaubt, daß mau die Heiligen, dic Jungfrau Maria, ja Gott selbst durch allerlei Schiebungen bei Gelübden und Opfern betrügen könne. Auch in den Legenden des Mittelalters lebt diese alte Anschauung fort, wenn der „dumme Teufel" geprellt wird, der ja der Erbe der heidnische» Götter ist. Denn diese wurden sehr stark in Anspruch genommen. Aller Verkehr nun zwischen den gern biltenden Menschen und de» ungern gewährenden Göttern fällt unter den Begriff der Zauberei. Zauberei ist auch die Erforschung der Zukunst, denn von vornherein ist sie ja doch eben allen Menschen versagt; die Götter wollen nicht, daß wir über die Gegenwart heraussehen. Es gilt also, ihnen das Geheimniß abzuringen. Alle Mittel sind erlaubt, List und Gewalt. Um die Götter niederzukriegen, betet der Brahmane, bis sie der Kraft seines Gebetes erliegen; der Grieche folgt dem Proteus in alle Gcstalte», bis er den verwandlungsfreudigen Gott hält. Zauberei hat viele Gestalten aber auf Ueberwältigung, Biirdung der Götter geht sie überall aus Zauberei ist auch in diesem Sinn das Verfahren des Sehers. Auch er, oder sein Auftraggeber vielmehr, will den befragten Gott binden. Denn nicht bloße Neugier hat das Orakelwesen überall zu solcher Höhe emporgebracht. Das ist das Wesentliche, daß der Gott gebunden ist, wenn er gesprochen hat. Wie ein Abgeordneter einen Minister iuterpellirt, nicht ans Neugier, sondern um ihn später auf sein Wort „festnageln" zu können, um sich ihm gegenüber darauf berufen zn können, daß er damals so und so gesprochen —, so befragt der Seher den Gott. Und eben deshalb scheuen die Götter j das Orakelwesen. Vielfach finden wir Verbote des Prophezeieus, oder es wird allmählich bestimmten Stünden oder Personen reservirt: den Priester», den Tollen oder Epileptischen, die im Orient und in? Rußland als Propheten gelten. Bei ihnen wird die Schwächung des Körpers, die größere Ungebundenheit des Geistes ja ohne ihr Dazuthu» durch die von den Göttern selbst gesandte Krankheit bewirkt. Aber das sind spätere Einschränkungen. Ursprünglich fällt auch hier Macht und Recht zusammen: wer die Götter überwältigen kann, der hat sie in seiner Hand. Zaubervorrichtungen also sind all' jene sonderbaren Hilfsmittel der Prophezeiung. Ein Stück wird am Hinnnel abgegrenzt — das „Teinplum“ der Römer; das ist zanberkräftig geweiht. Die Götter brauchen keinen Vogel über dies Stück Hinnnel fliege» zu lassen; lassen sie es aber geschehen, so ist auch das Orakel da, so verräth der Vogelflug das göttliche Geheininiß. Thiere, die den Göttern geweiht sind, vertreten ihre Stelle und werden statt ihrer befragt. Vor Allem ist das Opfer ein Zaubcrinittel. Das sterbende Thier prophezeit wie der sterbende Mensch; der Gott, der in sein „Wappenthier" gebannt ist, wird durch Zauberkraft geuöthigt, hcrauszutrete», zn antworten, sich zu verpflichten. (Schluß folgt.)