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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-15 · Heft 7 (15.2.1895) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 7 (15.2.1895)
Date
1895-02-15
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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78 gehalten hat. Es ist ein liberaler, entschlossener, auf dem Boden der jüngsten Bibelsorschung stehender Gelehrter, und was er sagt, sind nur die Ergebnisse der langen Arbeit mehrerer Generationen von Philologen und Theologen. Eben deshalb ist keineswegs Alles, was er sagt, neu; die Porträts z. B., die er von den einzelnen Propheten des Alten Bundes entwirft, mögen vielleicht im Einzelnen von denen abweichen, die andere Forscher der gleichen Richtung gezeichnet haben, in der wesentlichen Haltung aber stimmen sie mit diesen überein. Viele Hörer und Leser aber wird überrascht und befremdet haben, >vas Eorniü über die allgemeine Art der ältesten Propheten Israels sagt. Ich setze die ganze Stelle her: „Samuel wird gerade in der ältesten Ueberlieferung, die wir über ihn haben, niemals Prophet genannt, sondern stets Seher, und eine spätere Hand hat die sür uns unschätzbare erklärende Bemerkung hinzngefügt, daß, was man heutzutage Prophet nennt, vor Zeiten in Israel Seher hieß. Was man in jenen älteren Zeiten unter Propheten verstand, das zeigt uns die nämliche Erzählung, wo dein Saul als Zeichen verkündet wird: „Wenn du in deine Geburtsstadt Gibea kommst, so wird dir daselbst eine Bande von Propheten begegnen, welche von der heiligen Höhe herabkommen, während vor ihnen her Pauke» und Flöten und Harfen ertönen und sie weissagen; da wird dich der Geist Gottes erfassen, daß du mit ihnen weissagest." Und als es so geschieht, da fragen die Leute von Gibea ganz erstaunt: „Wie kommt Saul unter die Propheten?" Das soll nicht etwa heißen: Sie kommt ein so weltlich gesinnter Mann unter so fromme Leute? sondern es soll heißen: Wie kommt ein so vornehmer Mann in so schlechte Gesellschaft? In diesen Propheten zur Zeit Sauls, wo sie uns zuerst begegnen, haben wir den Typus der ursprünglichen Erscheinung, den der Prophetismus auf kaiiaanäischem Boden annahiu: es sind das Leute nach Art der muhammedanischen Fakire oder der tanzenden und heulenden Derwische, die durch exeeutrisches Wesen ihre religiöse Exaltation äußern, und so kommt es denn auch, daß auf hebräisch das Wort hithnabbe, welches heißt „sich wie ein Prophet betragen", geradezu die Bedeutung auuimmt, „sich unsinnig geberden", „rasen". Das völlige Seitenstück zu diesen exstatischen Fakiren sind die Baalspropheten zur Zeit des Elias. welche unter orgistischer Musik und wilden Tänzen den Altar Baals umkreisen und sich selbst zerfleischen, um auf den Gott Eindruck zu machen" (S. 13—14). Daran ist nicht zu rütteln: die ältesten Propheten stehen völlig auf einer Stufe mit jenen „tanzenden Dertvischen" des Orients, von deren greulichen Schaustellungen die Reisenden zu berichten wissen. Sie theilen mit ihnen die wüste Wildheit, die gewaltsame Selbstbetäubung, sie theilen mit ihnen auch, wie Eornill des Weiteren zeigt, die Bettelhaftigkeit. lind nun von diesen „Sehern" der Urzeit zu den „Propheten" der späteren Perioden, welch' ein Schritt! Man höre nur, wie derselbe hehr, begeistert für die Größe des späteren Prophetenthums, einen von ihnen schildert, den er allerdings fast für den größte» hält: Ainos. „Bei Amos zuerst durchbricht die Religion Israels die nationalen Schranken, wird von einer Volksreligion zur Weltreligion. Dadurch, das; er das Verhältniß Gottes zu Israel löste oder doch wenigstens als ei» sittlich bedingtes anerkannte, welches bei Erfüllung der sittlichen Bedingungen von jedem anderen Volke ebenso gut geleistet werden könnte, hat er der Religion eine metaphysische Grundlage gegeben, ivelche cs ermöglichte, daß die Religion Israels und der Gott Israels nicht in den Untergang Israels verwickelt wurde, sondern sich nur »och mächtiger entfalten konnte" (S. 46—47). Von den Bettelpropheten scheint keine Brücke zu dem Mann zu führen, der zuerst den Ungeheuern Gedanken einer Weltreligion faßt. Und doch ist es in Wahrheit ein stetiger, langsamer Entwickelungsprozeß, der aus dem Derwisch den Propheten reift — freilich nicht ohne daß die ältere Art immer nachwüchse. Es liegt eine Scheidung, oder besser, eine Gemeinschaft zweier verschiedener Altersstufen vor, die sich überall wiederholt, die aber nur verständlich wird, wenn wir die psychologischen Vorbedingungen des Seherthums prüfen. Bei allen Völkern treffen wir auf frühester Stufe jene selbe Erscheinung. Die begleitenden Umstände sind verschieden: ob die „Seher" sich zu bestimmten, festen Regeln gehorchenden Orden zusamuieuthun, wie in Israel und Hellas; ob sie ihr Werk auf eigene Faust treiben, wie die „Medizinmänner" der Jndianerstämme; ob Trunk oder Fasten, tvildes Tanzen wie bei den Derwischen, oder atheniraubende Gase wie bei der Pythia die gesuchte Verzückung herbeiführen, — das macht in der Sache keinen Unterschied. Das bleibt überall das Gleiche, daß bestimmte Personen sich gewaltsam durch ein planmäßig betriebenes Verfahren in einen Zustand der Ekstase versetzen, in dem sie wunderbare Offenbarungen verkünden — und daß ihre Prophezeiungen ihnen geglaubt werden. Worauf beruht diese seltsame, uns so fremd anmuthende Erscheinung? Sie beruht nicht auf der Idee, daß einzelne Menschen ein bestimmtes Privileg, eine besondere Begabung oder Begnadung besäßen. Diese Vorstellung ist vielfach den späteren Epochen eigen, sie ist von dem Bild des „Propheten" untrennbar; für die älteste Zeit, für den „Seher", hat sie keine Giltigkeit. Für diese beruht die Vorstellung durchaus auf der Meinung, daß es eine bestimmte Methode gäbe, jenen enthusiastischen Zustand zu erreichen, — eine Methode, die wenigstens ideell jedem Stammesangehörigen die Möglichkeit eröffnet, „Seher" zu werden. Es wird freilich nicht Jeder Marschall, der den Stab im Tornister trägt. Das liegt vor Allem aber auch daran, daß die Besitzer der richtigen Methode sie sorgfältig hüten, sie als ein vielbeneideles Geschäftsgeheimniß verbergen und nur im letzten Augenblick vererben oder auch verkaufen. Diese Meinung, daß durch ein bestimmtes Verfahren der Mensch iiber sich herauswachsen, zum Verkehr mit den Ueberirdischen gelangen könne, beherrscht jene ganze Kulturperiode, die man eben nach diesen Derwischen, Medizinmännern, Schamanen mit dem ethnologischen Terminus des „Schamanisin ns " zu belegen pflegt. Und diese Anschauung wiederum wurzelt in der uralten Idee, daß von vornherein alle Menschen gleich sind. Als die französischen Encyklopädisten im vorigen Jahrhundert mit der Behauptung des Barons Holbach, alle menschliche Verschiedenheit stamme von der verschiedenen Erziehung her, einen großen Trumpf auszuspielen meinten, da ahnten sie nicht, wie „atavistisch" ihr Paradoxon war. Ten Urmenschen ist jedes Individuum zunächst nur ein Exemplar der Gattung, wie uns jeder Vogel, jedes Raubthier; der Unterschied kommt nur durch den verschiedenen Besitz zu Stande. Freilich spielt der geistige Besitz hierbei eine mindestens ebenso große Rolle wie der materielle; aber auch er gilt als etwas Hinzugekommenes, Ererbtes oder Erworbenes, nicht als etwas, das mit dem Menschen geboren wird. So auch in unserer speziellen Frage. Der Seher sieht nur Dinge, die eigentlich Jeder sehen könnte — wenn er nur sozusagen das Fernrohr besäße, das dieser sich konstruirt hat. Jeder könnte eigentlich die Zukunft sehen. Denn sie ist nur die Fortsetzung der Gegenwart. Uralt ist die mächtige Vorstellung von einer lückenlosen Folge der Begebenheiten. Wie sie verknüpft seien das fragt man noch nicht; daß sie es seien, bezweifelt Niemand. Darf ich ein recht modernes, aber anschauliches Gleichniß wählen, so möchte ich an einen langen Eisenbahnzug erinnern. Wie die Wagen verkoppelt sind, das weiß der Laie nicht; aber ersieht, daß nirgends

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