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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-15 · Heft 7 (15.2.1895) · p. Seite 76

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 7 (15.2.1895)
Date
1895-02-15
Page
Seite 76 (sequence 4)
Language
German
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76 die Kräfte wiederzuerwecken, welche entschlummert sind! Sie sollten dem Arbeit suchenden Glaubensgenossen dasjenige Wohltvollen entgegen zu bringen, das ihm vielleicht vom Nichtjnden versagt wird, ihm Gelegenheit geben, zu lernen und arbeitend sich zu vervollkommnen. Wollten sie es nur thun! Sie würden gar bald reichlichen Lohn finden, nicht allein in der Befriedigung, welche die Erfüllung eines Gebotes der Moral und der Pietät gegen unsere Borfahren ihnen verleihen würde, sondern auch in der Förderung ihrer eigenen Unternehmungen; denn jüdischer Fleiß und jüdische Arbeitskraft hat noch stets Früchte getragen und wird, richtig geleitet, auch ans dem Gebiete der Handarbeit erfolgreich sich bewähren. Deutschland, Deutschland über Alles! Von Rabbiner Dr. Rülf in Memel. fieses Lied ruft in mir die wehmüthigsten Erinnerungen wach; so auch wieder bei der diesjährigen Geburtstagsfeier unseres Kaisers. Um die Sache zu erklären lind zu verstehen, müssen wir aber um mehr als ein Jahrzehnt znrückgreifen. Im Jahre 1879 richtete ich die hiesige Armen- und Waisenschule für russisch-jüdische Kinder ein; erst im Jahre 1884 wurde mir dieselbe von Seiten der königlichen Regierung konzessionirt. Damals schon schivebte das Verhängnis; über den Häuptern der in den Grenzbezirken seßhaften russischen Juden. Es wurde schon damals eifrig davon gesprochen, daß alle russischen Juden vom preußischen Boden ausgewiesen tverden sollten; auch einzelne Ausweisungen erfolgten schon damals: in seiner ganzen Schwere ist das Unheil aber erst ein ganzes Jahr später hereingebrochen. Am 2. September des Jahres 1885, Vormittags 9 Uhr stand ich >m Begriff, meine Armenschule zu besuchen, um mit ihr in der feierlichsten Weise den Sedautag zu begehen; da begegnete mir auf der Straße der Ehef der hiesigen Polizei und brachte mir die Trauertunde, daß die Ausweisungsdekrcte angelangt und alle in Preußen nicht naturalisirten russischen Juden, alle ohne Ausnahme, den Ort verlassen müßten. Das war eine der schmerzlichsten Nachrichten, welche ich je erfahren hatte. Mehr als zwei Drittheile unserer 1214 Seelen zählenden jüdischen Gemeinde sollten den Ort verlassen, und von den 92 Schülern meiner Armen-Schule sollten mir keine 20 verbleiben. Um diese Kinder war »nr's besonders leid. Verstoßen, verjagt, halt- und hilflos in die Irre getrieben — das war ein hartes Geschick. Tief ergriffen begab ich mich in meine Schule. Die Schüler sangen ihre vaterländischen Gesänge, deklamirten ihre patriotischen Gedichte zu Ehr' und Preis voir Kaiser und Reich, von Heimath, Haus und Herd — man konnte sich in den Glauben versetzen, daß in einem Lande, wo solche edle Gesinnungen einen so erhebenden und erhabenen Ausdruck gefunden, da müsse die Erlösung und Verbrüderung der Menschen längst zur Wahrheit geworden sein. Schließlich wandte ich mich in einer Ansprache an die Schüler und Anwesenden. — Hier berichte ich nach dem Sitzungsprotokoll des ständigen Hilfskomitees für die russischen Juden vom 29. Dezember 1885. — Als Moses — so begann ich — Gott ein Loblied anstimmte, weil er die den Israeliten nachsetzenden Aegypter in das Schilfmeer versenkt hatte, da soll ihm, nach der Sage des Talmuds die Stimme Gottes zugerufen haben: „Meine Geschöpfe wurden ins Meer versenkt und ihr wollt Lieder singen!" Liebe Kinder! Ihr habt nicht gesungen, weil die Feinde geschlagen und besiegt worden sind — auch diese Feinde sind Geschöpfe Gottes — sondern weil Gott dem delltschen Volke den Sieg verliehen, weil er es einig, groß und mächtig ans dem Kampfe hat hervorgehen lassen, weil er uns diesen herrlichen und glorreichen Kaiser gegeben hat, welcher der Stolz und die Zierde ist aller seiner Unterthanen. Ihr habt gesungen, obschon es uns wahrlich nicht sangesmuthig ums Herz sein durfte. Ein schweres Verhängnis; schwebt über Eurem Haupte; iver iveiß, ob im kommeuden Jahre, wenn dieses Fest wieder gefeiert wird, auch nur ein einziges Kind von allen, welche heute dieses Fest mit uns begangen haben, an dieser Stelle sich wieder einfinden wird. Als ich die Kinder nun mit ihrem Geschicke näher bekannt machte, da fingen dieselben an zu iveinen, zu jammern, zu schluchzen und wir Alle mit ihnen, wie — um mich eines Prophetenwortes zu bediene» „wie bei der Trauer um das Einzigste". Immerhin, so sprach ich weiter, seid dankbar dem Deutschen Reiche, seid dankbar seiner Obrigkeit, blicket mit Dankbarkeit und Verehrung zurück ans unseren großen Kaiser und Herrn, ihr Alle, die ihr bisher ans dieser Scholle und Stätte eine Heimath, Belehrung und Erziehung gefunden habt! Zum Schluß erhob der Gesangslehrer der Schule die Stimmgabel, gab den Ton a», und aus 90 sangestüchtigen Kinderkehlen erscholl in schönstem und reinstem Wohlklang das Lied: „Dentschland, Deutschland über Alles, über Alles in der Welt." Nach der Beendigung setzte ich mich zu Hanse hin, und anknüpfend an die eben vollzogene Feier, schrieb ich ein von Schmerz und Wehmuth eingegebenes Gesuch an den Fürsten Reichskanzler — er hatte zur Zeit in Varzin seinen Aufenthalt —, und bat im Interesse unserer herabgekommenen Stadt, im Interesse unserer Gemeinde, im Interesse dieser armen Kinder um Milderung der harten Maßregel. Schon nach vier Tagen kam telegraphische Gegenordre, mit den Ausweisungen einzuhalten und erst neue Instruktionen einzuholen. Mittlerweile hatte auch die hiesige Kaufmannschaft wie ein Mann sich erhoben und hatte gegen diesen Ausweisungsbefehl protestirt. Die neue von den Provinzialbehörden hierher ergangene Instruktion lautete dahin: „daß alle diejenigen russischen Juden, deren Aufenthalt am Platze der Stadt und dem Staate von unzweifelbarem Nutzen sei, von der Ausweisung verschont bleiben, resp. bei Reklamationen berücksichtigt werden sollten." (Erklärung des Oberbürgermeisters König auf eine diesbetrefsende Interpellation in der Stadtverordneten-Sitzung.) Für meine Schule für arme verwaiste Kinder war die Linderung der harten Maßregel aus leicht begreiflichen Gründen von geringem Belang. Nach etwa einem halben Jahr, als ich die Häupter meiner Schüler zählte, waren anstatt der 92 nur noch 23 geblieben. Allein die Schülerzahl nahm von da an wieder rasch zu. Vielen wurde der Aufenthalt nachträglich wieder gestattet; Andere hatten sich nur Pässe oder Atteste bezüglich ihrer Heimathsberechtigung zu verschaffen, endlich haben Zuzug und Nachwuchs der Anstalt neue Schüler zugeführt. Am 1. Oktober dieses Jahres hatte die Schule wieder 62 Schüler. Am Sonnabend den 20. Januar nach dem Morgengottesdienst wurde, wie in allen übrigen hiesigen Schulen, auch in der „Israelitischen Armenschule" der Geburtstag Seiner Majestät des Kaisers Wilhelms H. gefeiert. Der Lehrer Arndt, welcher seit August vorigen Jahres an der Schule thätig ist, hielt eine Rede, deren Verlauf das Leben unseres erhabenen Kaisers von Kindheit an bis zum heutigen Tage begleitete; patriotische Lieder und Gedichte wurden gesungen und deklamirt, und schließlich gab der genannte Lehrer den Ton an, hob zum Takte die Hand auf, und wieder erklang mit hellen, klaren Tönen von 60 stimmbegabten Kindern das Lied durch die Schulräume: „Deutschland, Deutschland über Alles, über Aller in der Welt."

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