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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-15 · Heft 7 (15.2.1895) · p. Seite 75

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 7 (15.2.1895)
Date
1895-02-15
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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75, Herrn Levaillant von seiner Pfründe abznsctzen. Damit begnügen sich! aber die Antisemiten der Kammer nicht. Auch die Interpellation Rouanet über die Präponderanz der Juden in der Verwaltung wurde von Ribot scharf abgewiesen. Die Regierung verlange Tüchtigkeit und Hingebung und sehe nicht ans Religion und Raffe. Die bedeutenden Pariser Journale machen sich über die Interpellation lustig. Gin Wort;ur Forderung der Handarbeit! unter den Juden. er Artikel des Herrn Rechtsanwalt Meyer: „Produktive Arbeit und Judenthum" in Nr. 46 vorigen Jahrganges der „Allgem. Zeitung des Judenthums" hat Anlaß zu einem lebhaften Meinungsaustausch gegeben. Es sei »erstattet, in Nachfolgendem noch einmal auf dieses Thema zurückzukoimnen?) Es würde sicherlich allen Grundsätzen der Vernunft wider-! sprechen, wollte man eine», Menschen einen Berus aufdrängen, zu dem! ihn weder Neigung noch Anlage geeignet erscheinen laffen. Es dürfte j sogar ein soziales Erfordcrniß sein, daß Jeder möglichst denjenigen! Beruf ergreift, für den er besonders veranlagt ist; denn er nutzt! dadurch seine Persönlichkeit für sich und für die menschliche Gesell-! schaft am vollkommensteir aus, er erfüllt damit gewissermaßen sein Schicksal, seine göttliche Bestimmung. Hat er keine bestimmt aus-! gesprochene Veranlagung, so ivird er — namentlich wenn er unj bemittelt ist — sein Hauptaugenmerk auf denjenigen Beruf lenken! dürfen, der ihm die schnellste und nachhaltigste materielle Förderung verspricht. Das Alles diirfte gar keinen! Zweifel unterliegen. j Für uns Inden kommt aber ein Anderes hinzu. Weil uns! durch viele Jahrhunderte nur bestimmte Berussarten offen gelassen wurden, haben sich naturgemäß, wie schon vielfach betont, einseitige Anlagen in uns ausgebildet. Wir leisten viel im Handelsstande, dessen Bedeutung für Kultur und soziale Fortentwickelung sicherlich i von keinem einsichtigen Menschen verkannt werden wird. Wir bebauen innerhalb des Gebietes der Künste und Wissenschaften ein; weites und fruchtbares Feld. Schon hier aber finden wir gewisse 1 Grenzen. Die plastische Kunst, Malerei und Baukunst wird weniger | kultivirt als Dichtkunst und Litteratur, die technische Wissenschaft j weniger als die spekulative. Wir sehen ferner im Handwerk unsere; Glaubensgenossen vertreten, aber auch hier wieder einzelne Zweige I besonders bevorzugt, andere noch gar nicht beachtet. Wir finden in Deutschland beispielsweise zahlreiche jüdische Glaser, Schneider, Schuhmacher, Cigarreiiarbeiter, aber wenige Maurer, Zimmerer,! Metallarbeiter, Schmiede, Schlosser, Dreher, Gießer u. s. w. l Wenn ein Baum au einer Mauer steht, so reckt er seine Aeste ' nach der einzigen Richtung hin, die ihm frei gelassen ist; die Säfte des Baumes gehen nicht verloren, aber der beste Theil strömt nach l den wenigen frei emporsprießenden Zweigen, und diese entwickeln sich mit verdoppelter Kraft; die Aeste, welche der Mauer zugeweudet sind, verkrümmen sich und gedeihen schlecht. Wird die Mauer aber allmälig abgetragen, so erstarkt auch wieder die Entwickelung der ihr! zugewandt gewesenen Aeste, und unter der fürsorglichen Hand weiser Gärtner, welche das Wachsthum und die Art des Baumes genau kennen, werden sie sich weiter ausdehncn. Erst dann spendet er ff Der Verfasser dieses Artikels ist Fachmann, königl. Regierungs- Baumeister, und seine Ausführungen dürfen schon deshalb besondere Beachtung in Anspruch nehmen. Die Red. wieder Schatten nach allen Seilen hin und wird wieder ein Baum mit herrlicher Krone, wie ihn der Schöpfer gewollt hat! Suchen wir nur diejenigen Anlage» unserer Glaubensgenossen wieder zu befördern, die sie früher einmal besaßen, die ihnen aber zum Theil durch die traurigen Zeitläufte ivieder verloren gegangen sind! Nicht um unsere Gegner zum Schweigen zu bringen, sondern um uns zu vervollkommnen. Neid und Mißgunst können und werden wir auch damit nicht aus dem Wege räumen. Wir leben aber nicht, um unseren Gegnern zu gefallen, sondern um mitzuarbeiten an den edlen Aufgaben der Menschheit! Dazu gehört, daß wir nicht blas einzelueu Gebieten fortdauernd unsere Kräfte zuweuden. Oft sogar werden die Verhältnisse für den Einzelnen schon so liegen, daß sie ihm den Weg nach dieser Richtung hin weisen. Er braucht nur das Auge offen zu halten, um zu sehen. Wir haben oben betont, daß namentlich der Unbemittelte sich eeteris paribus derjenigen Beschäftigung zuwenden luirb und soll, die ihn so rasch als inöglich in die Lage setzt, sich zu ernähren. Wenn er es ernst mit sich meint.!vird er in dieser Erwägung sehr häufig sich für die Handarbeit zu entscheiden haben. Nicht blos das akademische Studium, sondern auch der Beruf des Kaufmanns erfordert eine ganz ausgesprochene Veranlagung. Wer sich nicht für ein bestimmtes Studium oder für de» Kanfniannsstand geeignet fühlt, sollte es sich tausendmal überlegen, ehe er sich hierzu entschließt. Wir können hier davon absehe», die zahllosen Opfer, die das Studium dem Unbemittelten auferlegt, anzuführen und wollen nur vom Haudelsstaud sprechen. Wer dort auf einen grünen Zweig komme» will, muß zunächst einen bestimmten Grad hiunanistischer Bildung sich aneiguen, alsdann eine lauge Lehrzeit durchmacheu, viel reisen, das Ausland und seine Handelsverbindungen wo möglich an Ort und Stelle studireu. Das Alles dauert sehr lange Zeit und erfordert vielen Geldaufwand. Und wenn man damit fertig ist, steht man immer noch vor einer sehr nnsicheren Zukunft. Wie schnell und wie sicher fördert dagegen die Handarbeit den ernst strebenden und fleißigen Menschen! Die Bildung der Volksschule genügt; nach einer Lehrzeit von durchschnittlich drei Jahren, also in einem Alter von 17 Jahren wird inan bereits in der Lage sein, seinen eigenen Unterhalt zu verdienen. Für gewisse Arbeiten — diejenigen der sogen, „ungelernten Arbeiter" — bedarf es noch nicht einmal einer so langen Lehrzeit! Fleiß, Nüchternheit, Sparsamkeit und guter Wille fittb hier die einzigen Vorbedingungen für das Vorwärtskommen. Wer auf diese>r Grundpfeilern baut, darf hier getrost seinem Schicksal entgegeugehen, er fügt langsam und sicher Stein auf Stein zu einem bescheidenen, aber festen Bau. Ec braucht auch um seines Glaubens willen hier nicht mehr Schwierigkeiten zu fürchten, als in jedem andern Beruf. Ein leistungsfähiger Fabrikarbeiter wird von einem Arbeitgeber im eigensten Interesse gern eingestellt. Auf dem Arbeitsmarkt wird nach dein Glauben zu allerletzt gefragt; gebraucht, bezahlt und gesucht wird allein die tüchtige Leistung! Einen warmen Appell aber richten wir andererseits an diejenigen unserer Glaubensgenosseu, welche Leiter und Besitzer industrieller Anlagen sind! In Deutschland leben nicht wenige jüdische Fabrikbesitzer. Sollte nicht unter den Tausenden von Arbeitern, die sie bcschästigen, auch mancher Platz für jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen frei sein? Wenn nicht die jüdischen Arbeitgeber einireten für die Förderung der jüdischen Handarbeit, wer soll dazu in der Lage sein? In ihrer Hand liegt zumcist die Erfüllung dieser unserer großen und schönen Aufgabe. An ihnen ist es, die Wunden zu heilen, welche in Jahrhunderten dem Judenthum geschlagen sind,

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