Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1895)
- Date
- 1895-02-08
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228101--51496-3272245- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
71 einem großen christlichen Meister arbeiten würdest, ober ein jüdischer Arbeiter, ho, ha. ha!" „Warum seid Ihr ohne Arbeit jetzt?" „Bin ich der Erste, oder der Letzte? Wer von »ns ist seines Brodes sicher? Manchmal siistt sich der Meister den Beutet, ober größtentheils nagen wir ei in Hiiugertnche. Wir könne» nicht gut arbeiten, die Christen, der Großhandel, die Maschinen verdrängen nns. Ei, diese verdainiuten Maschinen!" Jizchak staunte. „Was, Ihr habt über die Maschinen zu klagen? Sind das doch die wohlthätigsteu Erfindungen der Civilisation! Sie erleichtern die Arbeit, machen billige Maare. . ." Der Arbeiter schnellte ans seinem Lager empor. „Daß sie der Kuckuck!" fluchte er. Wenn Eure Weisheit in einen Hund fahren möchte, könnte er toll werde». Ich z. B. habe bei einem Meister vielleicht zwanzig Jahre gearbeitet und habe drei Gulden die Woche bekomme». Wißt Ihr, was das heißt, in Lemberg drei Gulden haben? Und doch war ich schon einmal verheirathet gewesen, . . . meine Alte wusch und bügelte, »nd so ließ es sich zn Zweien leben." Hier entstand eine kleine Panse. „Na, es ist geschehen, die Arme ist gestorben, ein Wunder, daß ich noch lebe. . . . Da, neulich aber wird unser Meister stolz, und es fällt ihm ein, eine Maschine zu kaufen. ... Da zeigte es sich. Er braucht nicht mehr so viele Arbeiter. . . . Zum Teufel darum. So treibe ich mich herum und sehe keine Arbeit. ... Es bleibt nur übrig, Hungers zu sterben . . . oder was . . Er schwieg, und Jizchak vermochte kein Wort mehr ans ihm heransznbringen. Nur einmal fragte sein Schlasgenosse: „Habt Ihr viel Geld?" Lange lag Jizchak, eine Beute der ihn quälenden Gedanken. Mit ensetzlicher Plastik stand ihm die Gestalt des Proletariats vor Angen. ... Er konnte sich nicht entschließen. Er wußte, daß er seine Person der verächtlichste» Behandlung preisgeben, sich für immer den Weg zur Ausbildung und höheren Arbeit verschließen würde. Würde er denn »ach vielstündiger physischer Arbeit noch Zeit und Kraft zum Studium und Nachdenken finden? Was ist das Alles aber gegen das Gespenst des Hungers? Lohnt es sich andererseits, für die Erhaltung des Leibes zu sorgen und gleichzeitig den Geist in die schwärzeste Jinsterniß zu versenken, in ewiger Entfernung von jenen Gaben und Wonne», die »ns eine höhere Bildung verleiht, zu verharre»? Ter Schlaf überwältigte ihn, noch bevor er einen Entsehlnß gefaßt hatte. Es war ein schwerer Schlaf und ein entsetzlicher Traum, der ihn umfing uud lange peinigte. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitthei langen. C. H. Cornill: Der israelitische Prophetismus. In 5 Vorträgen für gebildete Laien geschildert. Straßburg 1894 Karl I. Trübner. Die Popnlarisirung der Wissenschaft hat vielleicht kein Gebiet weniger in Angriff genommen, als das der Exegese des alten Testaments Und doch ist der Umschwung, der durch die alttestainenlliche Exegese in der ganzen Auffassung der Religionsgeschichte Israels bewirkt wurde, ein so tief einschneidender, uud dieser Umschwung ist von so unermeßlichem Einfluß auf die Beurtheilung der wichtigster geschichtlichen Mächte der Gegenwart, daß kein Gebiet ein größeres Anrecht darauf hat, den gebildeten Laien zugänglich gemacht zu werden als dieses. Aber freilich: wo sollte das Interesse an dieser Popularisirung Herkommen? Die orthodox-religiösen Kreise erblicken in den Resultaten der Bibelkritik nur die Negation ihres dogmatischen Standpunktes; die freisinnigen Kreise wollen mit der Bibel nicht viel zu thun haben. Durclr den Bibelunterricht in der Schule sind sie meistens gewohnt, biblisch und langweilig für gleichbedeutend zu nehmen. In christlichen Kreisen würde das Interesse für meckere Verbreitung und Zugänglichmachung der bibelkritischen Ergebnisse vielleicht mehr zur Geltung kommen, wenn der Geist der Zeit weniger die Tendenz hätte, den Verdiensten Israels um die Kultur der Menschheit die Anerkennung in weitern Kreisen zu schmälern. Denn erst durch die moderne Bibelkritik tritt das Verdienst Israels um die Menschheit in sein rechtes Licht. Von diesem Gesichtspunkt aus müssen wir das Buch des Herrn Prof Cornill mit doppelter Freude begrüßen, weil die Anregung zu demselben rein von dem Bedürfniß „gebildeter Laien" ausging. Im Winter 1893 hielt Herr Prof. Cornill im „Hochstift" zu Frankfurt a. M. 5 Vorträge über den israelitischen Prophetismus, und diese sind es, die hier im Druck vorliegen. Cornill steht ganz auf dem Standpunkt der Wissenschaft, wie sie von de Wette begründet und von Kuenen und Wellhausen ausgebaut wurde. Er sagt zwar von sich: „Ich bin auf diesem Gebiete der Forschung nur Arbeiter und nicht selbst Finder"; aber er ist doch sehr selbstständiger Arbeiter, wie auch seine größer« wissenschaftlichen Werke: „Einleitung in das Alte Testement" und sein „Kommentar zu Ezechiel" beweisen. Die Kunst populärer Darstellung ist Cornill in außerordentlichem Maße eigen, und dabei ist er so ganz mit dem Herzen bei seinem Gegenstände, daß er auch dem Leser ins Herz greift. Er ist ein tief religiöser Christ — das leuchtet aus jedem Satze hervor; aber als Christ fühlt er die um so höhere Verpflichtung, den Dank des Christenthums voll und ganz abzutragen auch da, wo Israel es ist, dem der Dank gebührt. Wie durchaus christlich seine Borurtheilslosigkeit gegen Israel ist, geht am besten aus folgender Stelle am Schluß des Buches hervor: „Die israelitische Prophetie ist die Maria, welche das Christenthum geboren hat, und die christliche Kirche selbst hat das Erden wallen ihres Stifters nicht besser zu bezeichnen gewußt, als daß sie von ihm als von seinem Prophetenamte redet. Soweit der Einfluß des Christenthums reicht, so weit reichen auch heute noch die Wirkungen der israelitischen Propheten, und wenn schon der älteste der schriftstellernden Propheten, Amos, die Prophetie als die herrlichste Gnadengabe bezeichnet, welche Gott Israel, und nur Israel gegeben habe, so hat eine Geschichte von 2V2 Jahrtausenden dies Wort nur bestätigt. Die Geschichte der gesannnten Menschheit hat nichts hervorgebracht, was sich auch nur entfernt mit dem israelitischen Prophetismus vergleichen ließe: durch seinen Prophetismus ist Israel der Prophet der Menschheit geworden. Möchte das doch niemals übersehen und vergessen werden: Das Köstlichste und Edelste, was die Menschheit besitzt, sie verdankt es Israel und dem israelitischen Prophetismus." Wir können nur wünschen, daß dies Buch — stimmen wir auch in Vielem nicht mit ihm überein — die weiteste Verbreitung finde im Kreise gebildeter „Laien". Spvechsaat. c^E)ie Mittheilungen des Herrn Dr N I. Weinstein in Nr. 5 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" bedürfen, so weit sie auch die Thätigkeit des Unterzeichneten Komitees betreffen, einer Richtigstellung. Das „Deutsche Central-Komitee für die russischen Juden" ist — dank der Opferfreudigkeit seiner Auftraggeber, der Glaubensgenossen in Deutschland, und der Hingabe, mit der sich alle von ihm eingesetzten Organe ihrer mühevollen Aufgabe widmeten — niemals „in Verzweiflung gewesen". Selbstständig hat es seine Ziele ausgestellt, selbstständig hat es vom Beginn seiner^Thätigkeit bis heute diesen Zielen nachgestrebt. Es hat sich hierbei allerdings nicht selten des vollen Einverständnisses mit Herrn Baron Hirsch erfreuen dürfen. Niemals ist von dem Unterzeichneten Komitee die Anregung zur Aufnahme seiner Schutzbefohlenen in Argentinien ausgegangen. Das Komitee hat dies unterlassen, weil es die Kolonisation in Argentinien